Folgen des Ölembargos

Schwedt auf der Suche nach einem Plan B

06:11 Minuten
Das Foto zeigt die Verbrennung von überschüssigem Gas in der Rohölverarbeitungsanlage PCK in Schwedt: Eine große Flamme entweicht einem Schlot.
Es ist höchste Zeit für Alternativen: Wenn kein Öl aus Russland mehr fließt, braucht die Raffinerie in Schwedt neue Aufgaben. © picture alliance / dpa / dpa-Zentralbild / Patrick Pleul
Von Christoph Richter · 04.05.2022
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Die Menschen im uckermärkischen Schwedt sind aufgewühlt: Das Ölembargo gegen Russland würde die große Ölraffinerie lahmlegen. Dadurch sind 3000 Arbeitsplätze gefährdet. Nicht nur das: Die Raffinerie versorgt die gesamte Region Berlin-Brandenburg.
Vor dem Centrum-Kaufhaus im Stadtzentrum von Schwedt ist das Embargo gegen russisches Öl ein großes Gesprächsthema. Auch Uwe Krüger macht sich Sorgen, wenn kein Öl mehr in die Raffinerie PCK strömt.
„Dann ist Schwedt dicht. Ganz eindeutig", sagt er. "Hier wird mindestens die Hälfte keine Arbeit mehr haben, weil nicht nur die PCK-Leute dranhängen, sondern auch die vielen Firmen, die für das PCK arbeiten. Ich denke mal, dann ist hier alles tot.“

Es geht um 3.000 Arbeitsplätze in Schwedt

Der 68-jährige Rentner war Betonbauer und kommt aus der 30.000-Einwohnerstadt. 41 Jahre hat er bei der PCK gearbeitet. Früher hieß es „VEB Petrolchemisches Kombinat Schwedt“. Hier endet die Erdölleitung Druschba, zu Deutsch Freundschaft.
Zu DDR-Zeiten kannte das Wort jedes Kind. Ebenso war Schwedt in Ostdeutschland jedem ein Begriff. „Klar haben wir alle Angst. Mein Sohn arbeitet auch dort. Viele haben Leute, die dort arbeiten. Was sollen die machen?“, sagt Krüger. Die Rede ist von 3.000 Jobs, die in Gefahr seien.

Rosneft würde nur russisches Öl verarbeiten

Die Raffinerie in Schwedt wird bis jetzt komplett mit russischem Öl versorgt. Auch die Mehrheit der Anteile besitzt der russische Staatskonzern Rosneft. Genau dieses Konstrukt macht es so kompliziert.
Denn die Russen würden nur russisches Öl verarbeiten, sagte kürzlich Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck von Bündnis 90/Die Grünen. Die Bundesregierung erwägt daher – als letztes Mittel der Wahl – eine Enteignung des PCK Schwedt. Energierechtler empfehlen ein Treuhandmodell.

Energieversorgung in Gefahr

Welches Modell auch kommen wird, klar scheint, dass russisches Öl nur noch wenige Monate in Schwedt verarbeitet werden wird. Die Bürgermeisterin Annekathrin Hoppe sieht damit auch die Energieversorgung der Stadt in Gefahr.
"Uns allen ist bewusst, wenn PCK wirklich runterfahren würde; dann müssten wir uns Gedanken machen um die Fernwärmeversorgung der Stadt", sagt sie. "Und wir müssten uns natürlich Gedanken machen um die vielen Arbeitsplätze.“

Internationale Journalisten berichten

Im Rathaus von Schwedt geben sich derzeit Journalisten aus der ganzen Welt die Klinke in die Hand: BBC, „Le Figaro“ oder die Nachrichtenagentur AP. Auch Bundeswirtschaftsminister Habeck hätte die Rathauschefin gern gesehen, um die weitreichenden Entscheidungen für die Stadt zu besprechen. Die Bürgermeisterin fasst die Stimmung so zusammen:

Die Menschen sind in großer Sorge. Wir sind schon sehr erschrocken, dass er im Rahmen seiner Auslandsreisen so wichtige Standortentscheidungen bekannt gibt und uns hier vor Ort nicht mitnimmt.

Bürgermeisterin Annekathrin Hoppe über Wirtschaftsminister Robert Habeck

Als Stellvertreter war Michael Kellner von Bündnis 90/Die Grünen, der parlamentarische Staatsekretär im Bundeswirtschaftsministerium, vor wenigen Tagen in Schwedt. Im Rahmen einer sogenannten „Bioökonomie-Tour“.

"Hier gehen nicht sofort die Lichter aus"

Er hat der Bürgermeisterin zugehört und verspricht, dass man im Berliner Bundeswirtschaftsministerium für das uckermärkische Schwedt alles tun werde. „Man darf es sich nicht so vorstellen, dass wegen einer Ölleitung, durch die kein Öl mehr fließen würde, dann hier sofort die Lichter ausgehen“, sagt Kellner.
Die Raffinerie, die bis jetzt einzig und allein mit russischem Öl versorgt wird, könne künftig auch über das polnische Gdańsk, das frühere Danzig, beziehungsweise die deutsche Ostsee mit Öl beschickt werden, so der Grünen-Politiker weiter.

Wir würden dann Schiffe nach Rostock fahren lassen, dort Öl anlanden, was dann hier verarbeitet werden kann. Der Minister war ja selber auch in Polen. Wir sind in guten Gesprächen mit der polnischen Regierung, dass auch Polen bereit wäre, zu helfen.

Michael Kellner, Bundeswirtschaftsministerium

Noch ist die Raffinerie speziell auf schwefelhaltiges Erdöl aus Russland ausgelegt. Eine Umstellung auf andere Ölsorten, zum Beispiel Nordseeöl, sei möglich, sagt der studierte Politologe Kellner. Bis dahin könne Schwedt auf strategische Rohölreserven zurückgreifen, meint der Staatssekretär, der auch seinen Wahlkreis in der Uckermark hat.

Die Krise auch als Chance begreifen

Sicher ist: Schwedt spielt eine Schlüsselrolle bei der Versorgung Ostdeutschlands mit Benzin und Diesel. Über Schwedt wird auch der Flughafen BER und damit die dort abhebenden Flieger mit Kerosin versorgt.

Lesen und hören Sie zu dem Thema auch in das Dossier "Energielieferungen auf dem Prüfstand" im Deutschlandfunk hinein.

Die Krise könne aber auch eine Chance sein, räumt Bürgermeisterin Annekathrin Hoppe ein. Die Stadt müsse sich über kurz oder lang von Putin und dem Öl unabhängig machen.
„Wir bemühen uns seit zwei Jahren ungefähr um den Transformationsprozess: die Umstellung auf Produkte wie E-Kerosin, um das herzuholen", sagt die Sozialdemokratin. "Denn: Wir können Kraftstoffe produzieren. Und der Weg könnte sein, dass wir alternative Kraftstoffe produzieren.“

Kein Ausstieg von heute auf morgen

Von heute auf morgen gehe das aber nicht, macht Wirtschaftsingenieur Robin Husmann deutlich. Der Geschäftsführer eines großen Papierwerkes in Schwedt warnt zudem vor einem zu schnellen Ausstieg aus russischem Öl. Denn dann drohten der Stadtkasse massive Verluste, befürchtet er.
„Die Infrastruktur hängt sowohl an unseren Gewerbesteuern, wie auch an den Gewerbesteuern der PCK", sagt Husmann und zählt dann auf: "Wir haben ein Theater, wir haben eine Kinderstation im Klinikum." All das solle mittelfristig erhalten bleiben. "Die Hoffnung ist, dass man eine probate Lösung findet.“

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