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Lesart / Archiv | Beitrag vom 02.03.2014

ÖkonomieKapitalistische Auswüchse

Ulrike Herrmann: "Der Sieg des Kapitals"

Von Günter Rohleder

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Bundeskanzlerin Angela Merkel und Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank, treffen sich am 17. November 2006 vor der Alten Oper in Frankfurt am Main anlässlich des Europäischen Bankenkongresses. (AP)
Bundeskanzlerin Angela Merkel und Josef Ackermann, ehemaliger Chef der Deutschen Bank - im November 2006 vor der Alten Oper in Frankfurt am Main (AP)

Ulrike Herrmann zeigt auf, woran das Wirtschaftssystem krankt: Ihrer Meinung nach sind die fairen Marktprinzipien in vielen Feldern längst ausgehebelt. Oligopolistische Großkonzerne profitieren heute von ihrer Staatsnähe.

Ulrike Herrmann hat ein Buch gegen die ökonomische Unmündigkeit geschrieben. In der Einleitung zu ihrem neuen Buch zitiert sie den Schriftsteller Botho Strauß mit dem Satz:

"Auf dem Gebiet, von dem sein Wohlergehen am meisten abhängt, ist das Volk ein Stümper."

Doch bei aller Ratlosigkeit in ökonomischen Fragen, so die Autorin, ahne jeder Bürger, dass die Finanzwirtschaft auf den nächsten Crash zusteuere. Und sie verweist auf die drei schweren Krisen in Europa innerhalb der letzten zehn Jahre:

"2001 platzte die Internetblase, 2007 rollte die Finanzkrise aus den USA heran, und seit 2010 ist die Eurokrise akut. Dies ist ein Novum. Noch nie ist es in der Geschichte Europas vorgekommen, dass sich drei Finanzkrisen in einem einzigen Jahrzehnt entluden."

Drei Finanzkrisen in einem Jahrzehnt: Wann platzt die Superblase?

Und diese drei Krisen, so ist sich Ulrike Herrmann mit dem Spekulationsexperten George Soros einig, haben nur ein paar kleine Löcher in eine Superblase gestochen. Eine Superblase, die sich seit dreißig Jahren aufpumpt. Und wenn sie nicht platzen soll, muss die Realwirtschaft wachsen und das brachliegende Vermögen in Investitionen verwandeln.

Cover: "Der Sieg des Kapitals" von Ulrike Herrmann (Westend-Verlag)Cover: "Der Sieg des Kapitals" von Ulrike Herrmann (Westend-Verlag)Wie aber bringt man die Realwirtschaft zum Wachsen, wenn Unternehmen und private Haushalte Überschüsse anhäufen und eine neoliberale Sparideologie auch den Staat zum Sparen zwingt?

Sparen erscheine zwar für den einzelnen als sinnvoll, warnt die Autorin, sei für eine Gesamtwirtschaft aber ungemein gefährlich. Sie argumentiert klassisch keynesianisch, wenn sie den Staat in der Verantwortung nimmt. Es gebe nur zwei Möglichkeiten.

"Entweder verschuldet sich der deutsche Staat stärker, um die heimischen Ersparnisse aufzusaugen – oder aber er erhöht die Steuern für die Reichen und die Unternehmen, damit sie gar nicht erst so viele Überschüsse anhäufen. Es mag paradox wirken, aber für die Vermögenden wäre es die allerbeste Geldanlage, wenn sie mehr Steuern entrichten würden."

Wenn die Unternehmen nicht investieren, müsse es eben der Staat tun, so die Autorin. Konsequent und folgerichtig fordert sie: höhere Steuern für Unternehmen und Reiche und öffentliche Investitionen in Bildung, Energiewende, Infrastruktur, Ausstieg aus der Niedriglohnpolitik. Denn wer soll die immer neuen Produkte kaufen, wenn die Löhne nicht mitziehen?

Außerdem plädiert Ulrike Herrmann für eine straffere Regulierung des Finanzsektors: höhere Eigenkapitalquoten für die Banken, damit diese ihre Verluste selbst tragen können. Und für ein Verbot kreativer Finanzprodukte ohne volkswirtschaftlichen Zweck.

Doch Ulrike Herrmann unternimmt mit ihrem Buch "Sieg des Kapitals" mehr als eine Krisenanalyse. Sie will erklären, wie unser Wirtschaftssystem funktioniert und hat zu diesem Zweck gleich eine beeindruckende Geschichte des Kapitalismus geschrieben, gut verständlich, spannend, lehrreich und provokant.

Der Begriff "Marktwirtschaft" etwa suggeriere Freiheit, individuelle Entfaltung, faire Preise und vor allem Effizienz. Doch wir leben gar nicht in einer Marktwirtschaft, schreibt die Autorin, sondern im Kapitalismus.

"Es ist eine Mischform zwischen Staat und privat, zwischen oligopolistischen Großkonzernen und kleinen Nischen wie etwa in der Gastronomie, in denen tatsächlich unbeschränkter Wettbewerb stattfindet. Die treibende Kraft in diesem System ist die Idee, dass man Geld investiert, damit hinterher mehr Geld herauskommt."

Eine Profitmaschine, in erster Linie für Großunternehmen, die entgegen allen Behauptungen wettbewerbsfern, staatsnah und planwirtschaftlich agieren:

  • "Arbeitsmarkt"? Kein wirklicher Markt, weil er von sich aus keinen fairen Lohn erzeuge.
  • "Gesundheitsmarkt"? Wer wüsste einen Preis für Gesundheit?
  • Und der "Finanzmarkt"? Geld sei keine normale Ware.

Den "echten" Markt gibt es nur noch in den Nischen

Gibt es also in diesem Kapitalismus überhaupt keinen echten Markt? Doch, so Ulrike Herrmann: Der echte Markt finde aber in den Nischen statt, die die Wirtschaftspolitik nie wirklich interessiert habe. Es seien die Gastwirte, die Handwerker und Friseure, die dreieinhalb Millionen Kleinselbständigen mit weniger als zehn Mitarbeitern, die sich tatsächlich einem gnadenlosen Wettbewerb stellen müssen. In der Wertschöpfungsbilanz allerdings schlagen sie kaum zu Buche.

Warum aber reden alle vom "Markt", wenn sie "Kapitalismus" meinen?

"Die Idee des Marktes ist unendlich tröstlich: Dort zählt nur das Individuum, das ganz auf seine eigene Leistung bauen kann und sich nicht ständig um das große Ganze kümmern muss. Dort ist jeder seines Glückes Schmied und übernimmt Verantwortung nur für sich selbst und seine Familie. Dieses Märchen ist einfach zu schön, um es aufzugeben. (…) Zudem schmeichelt es dem Selbstwertgefühl der Privilegierten ungemein, wenn sie sich zu Leistungsträgern adeln dürfen, anstatt nach den sozialen Bedingungen ihres Reichtums fragen zu müssen."

So radikal Ulrike Herrmann eine Ideologie entlarvt, so wenig geht es ihr um Systemkritik.

Sie glaubt, dass sich soziale Verwerfungen, Finanzblasen und Wirtschaftskrisen, die ganzen großen und kleinen Katastrophen also, durch vernünftige politische Steuerung weitgehend vermeiden lassen.

Diesen Optimismus muss man nicht teilen. Aber die Autorin besticht mit kluger wie pragmatischer Analyse. Wenn sie etwa darauf hinweist, dass sich der Kapitalismus grundsätzlich nur stabil entwickeln könne, solange die Reallöhne steigen. Oder wenn sie die deutsche Europapolitik auseinander nimmt: Von der Sparbremse übers Lohndumping bis zu den Exportüberschüssen.

Und im letzten Kapitel wird Ulrike Herrmann dann doch noch zur Systemkritikerin. Hier sieht sie im Sieg des Kapitals den Beginn seines Niedergangs. Denn die kapitalistische Ökonomie ist zum Wachstum verdammt, auf Gedeih und Verderb, und gerät damit in unüberwindbaren Widerspruch zur Ökologie. Sie schreibt:

"Es ist ein Dilemma: Ohne Wachstum geht es nicht, komplett grünes Wachstum gibt es nicht, und normales Wachstum bedeutet eine Öko-Katastrophe."

Ökologie und quantitatives Wachstum seien auf Dauer nicht miteinander vereinbar. Aber wenn der Kapitalismus scheitere, werde sich ein neues System herausbilden, da ist Ulrike Herrmann zuversichtlich. Konzepte dafür haben andere Autoren schon entworfen, sie versprechen eine Gemeinwohlökonomie ohne Wachstum.

Bleibt die Frage: Sind wir einsichtig und steuern um – oder stolpern wir in die Katastrophe?

Ulrike Herrmann: Der Sieg des Kapitals - Wie der Reichtum in die Welt kam: Die Geschichte von Wachstum, Geld und Krisen
Westend-Verlag, Frankfurt / Main 2013
288 Seiten, 19,99 Euro (als Ebook 15,99 Euro)

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