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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 28.06.2019

Ökologie, Meditation und jüdische GebeteEine ungewöhnliche Gemeinde in Berlin

Von Gerald Beyrodt

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Meditation hat auch eine jüdische Tradition, meinen Anhänger von "Jewish Renewal". (EyeEm / Stevica Mrdja)
Meditation hat auch eine jüdische Tradition, meinen Anhänger von "Jewish Renewal". (EyeEm / Stevica Mrdja)

Die "Jewish-Renewal"-Bewegung bringt die Werte der 68er ins Judentum: Die Anhänger wollen koscher und ökologisch leben, Frauen und Männer sind gleichberechtigt und üben sich in fernöstlicher Meditation. In Berlin unterhält die Gruppe eine eigene Gemeinde.

In einem riesigen Raum einer Berliner Kirchengemeinde treffen sich die Mitglieder der Gruppe Ohel Hachidusch, Zelt der Erneuerung. Sie singen mit ihrer Kantorin Jalda Rebling. Rebling ist zugleich spirituelle Leiterin der Gruppe. Sie klatscht in die Hände, wippt rhythmisch, animiert die Beter zum Mitsingen, schließt manchmal die Augen. Mit repetitiven Gruppengesängen, sogenannten Nigunim, bereiten sich die meist weiblichen Beter auf den Tora-Abschnitt der Woche vor.

"Wenn Du einen Nigun singst – der klassische Nigun besteht aus wenigstens drei Teilen – kommst du eigentlich nie wieder zum ersten Teil zurück. Du steigst sozusagen emotional auf. Das holt Leute, die in ihrem Arbeitsalltag sind, und sich auf den Weg machen um Tora zu lernen, emotional auf eine völlig andere Ebene, sodass man den Alltag zurücklassen und sich voll und ganz auf das konzentrieren kann, was wir da gerade studieren", so Jalda Rebling.

Hippiekultur im Judentum

Rebling vergleicht die jüdischen Nigunim auch mit Yoga-Gesängen, sogenannten Chants. Yoga, New Age, Hippiekultur und Judentum zu verbinden – das ist das Anliegen der "Jewish-Renewal"-Bewegung, bei der Jalda Rebling in den USA ihre Kantorenausbildung absolviert hat. Die Bewegung vertritt die Ansicht: Viele Elemente fernöstlicher Spiritualität könne man auch im Judentum finden, Chanting genauso wie Meditationen.

"Schlag den Talmud auf und du liest, dass die Rabbiner erst zwei Stunden sich vorbereitet haben, bevor sie überhaupt mit dem Gebet begonnen haben. Was macht man mit den zwei Stunden? Man meditiert. Es ist also eine uralte Tradition, die in der schnellen modernen Welt verloren gegangen ist, und die wir versuchen zurückzuholen in die Moderne."

Experimentierfreudig und "öko-koscher"

Der Gründer von Jewish Renewal, Rabbi Zalman Schachter-Shalomi, kam ursprünglich aus der ultraorthodoxen Chabad Lubawitsch-Bewegung. Er wurde jedoch ausgeschlossen, nachdem er den spirituellen Wert des Grundstoffes von LSD gepriesen hatte. Schachter-Shalomi schloss sich der Hippiebewegung an. Von Chabad Lubawitsch behielt er den Hang zum Gefühl und zur jüdischen Mystik.
 
Jewish Renewal will über den jüdischen Richtungen von "liberal" bis "orthodox" stehen. Die Gruppen und Gemeinden sind experimentierfreudig und genießen große Freiheiten. Für Ohel Hachidusch ist Ökologie besonders wichtig. Die Gruppe isst "öko-koscher", richtet sich also neben den biblischen Speiseregeln nach Erkenntnissen zur biologischen Ernährung. Die Künstlerin und Vereinsvorsitzende Anna Adam:

"Das heißt biologisches Essen, vernünftige Landwirtschaft, das heißt, dass wir keine Produkte einfliegen lassen aus Israel wegen des Kerosins, sondern dass wir schauen, was ist regional alles möglich, das heißt, dass wir uns an einem Biogarten-Projekt in Gatow beteiligen werden, das heißt auch, dass wir unsere Kinder wirklich viel mit Ökologie und so weiter schulen."

Gleichberechtigung in der Synagoge

Jüdische Bildung hat bei Jewish Renewal einen hohen Stellenwert. Häufig beteiligen sich die Beter von Ohel Hachidusch mit eigenen Vorträgen und Referaten. Anna Adam:

"Wir sind eine basisdemokratische Gruppe, kann man schon sagen, das heißt, alle Themen, werden ganz regelmäßig in der Gruppe diskutiert und eine meiner Aufgaben als Vereinsvorsitzende ist, regelmäßig abzufragen: okay wir haben das jetzt ausprobiert, ist das für alle in Ordnung, gibt es noch neue Ideen, gibt es noch Leute, die sagen, das geht so nicht, ich fühl mich nicht wohl. Wichtig ist, dass in dieser Gemeinschaft jeder der möchte mitgestalten kann, und dafür braucht er auch diesen Freiraum."

Eigenwilliger Gottesdienst

Und so hat Ohel Hachidusch einen Weg gewählt, der verglichen mit anderen deutschen Synagogen eigenwillig wirkt: Damit ein Gottesdienst beginnen kann, benötigt man einen Minjan – gemeinhin zehn erwachsene jüdische Beter. Bei Ohel Hachidusch reichen auch sieben Beter- die Gruppe beruft sich auf entsprechende Talmudtraktate. In anderen deutschen Gemeinden – egal ob liberal oder orthodox – gilt nur als Jude, wer eine jüdische Mutter hat oder konvertiert ist. Bei Ohel gehören auch diejenigen zum Minjan, die einen jüdischen Vater haben.

Die Gruppe fällt in vielen Beziehungen aus dem Rahmen. Sie findet wenig Anerkennung, gehört nicht zur Berliner Einheitsgemeinde. Aber sie zeigt mehr Experimentierfreude als viele etablierte Synagogen.

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