Öffentliche Toiletten

Kommentar: Jeder muss mal - aber wo?

04:08 Minuten
Stilisierte Zeichnungen von einem Mann und einer Frau an einer Toilette in Berlin.
Dringendes Bedürfnis: Zeichnungen von Mann und Frau an einer Toilette in Berlin. © IMAGO / Sabine Brose / Sorge
Ein Einwurf von Anne Backhaus · 26.04.2024
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Es gibt viel zu wenige öffentliche Toiletten in Deutschland: ein Zustand, der viel über unsere Gesellschaft aussagt, meint unsere Autorin Anne Backhaus.
Kürzlich in einem der öffentlichen Klos in Australien, die sich überall im Land leicht finden lassen: Menschen halten lächelnd die Tür auf. Wer eintritt, muss nicht bezahlen, findet einen sauberen Raum, mehrere Toilettenkabinen. In jeder ein funktionierendes WC, genügend Papier. Es gibt Waschbecken und Seife. Wer austritt lächelt ebenfalls.
Es kann so einfach sein.
Zurück in Deutschland fällt auf, wie schwer es hier Menschen gemacht wird, die einfach nur mal müssen. Öffentliche Toiletten sind rar, selten ausgeschildert. Findet man eine, ist sie oft verdreckt, ohne Papier, ohne Seife. Oder sie kostet Geld. Das muss man als Münze dabeihaben oder man kann nur mit Karte bezahlen. Beides schließt Menschen aus. Gelächelt wird generell eher nicht.
Es ist geradezu absurd, wie schlecht es um unsere Toiletten-Kultur bestellt ist. Schließlich müssen ja alle mal. Jeden Tag, immer wieder. Öffentliche Toiletten gehören zur Daseinsvorsorge – theoretisch. In der Praxis trinken manche Frauen stundenlang vor Stadtbesuchen nichts, manche ältere oder inkontinente Menschen bleiben gleich zu Hause. Und auch Männer möchten nicht unbedingt Wildpinkeln, müssen sich mal dringend auf ein WC setzen.

In die Büsche machen - eine Ordnungswidrigkeit

Der universelle Zugang zu Trinkwasser, Sanitärversorgung und Hygiene ist ein Menschenrecht. Das haben die Vereinten Nationen 2015 festgelegt. Und doch müssen in Deutschland viele regelmäßig in Büsche, zwischen parkende Autos, in Häuserecken machen – übrigens eine Ordnungswidrigkeit, die durchaus teuer werden kann.
Als in der Pandemie Cafés und Restaurants geschlossen hatten, suchten Spaziergängerinnen und Spaziergänger in Großstädten wie Berlin verzweifelt nach Klos. Die Metropole hat nachgerüstet, verkündet stolz: Es gibt nun 475 öffentliche Toiletten. Wow! Das wird bestimmt auch die zehn Millionen Touristen freuen – sollten sie Kleingeld fürs Klo dabeihaben.

772 Spielplätze, elf Klos

In Hamburg wundert sich regelmäßig die "Zeit"-Journalistin Maria Rossbauer, warum von den 772 Spielplätzen der Stadt „nach Angaben der dafür zuständigen Umweltbehörde genau elf über eine angeschlossene WC-Anlage“ verfügen. 761 Spielplätze haben also kein Klo. Betroffen sind auch hier: alle. Kinder, Jugendliche, Eltern, Großeltern.
Eine Verbesserung ist nicht in Sicht. Rossbauer hat von der Behörde erfahren, "man sehe keine Erfordernis, die öffentlichen Spielplätze regelhaft mit Toiletten auszustatten". Klar, Hamburg ist eine grüne Stadt, es hat ja genug Büsche.
„Es gibt kaum ein anderes Thema als die Notdurft, das alle Menschen betrifft und in öffentlichen und stadtpolitischen Diskursen doch so wenig Beachtung findet“, warnt das klo:lektiv. Die aktivistische Gruppe mit Menschen aus vielen Teilen der Bundesrepublik fand heraus, dass sich der Umgang mit und die Bereitstellung von öffentlichen Toiletten verändert hat: "Während diese einst als wichtiger Bestandteil kommunaler Daseinsvorsorge gehandelt wurden, werden sie heute unter klammen Haushaltskassen zunehmend privatisiert oder geschlossen.“

Mangel an Respekt vor der Menschenwürde

Das Hauptargument ist meistens Geld. Es ist teuer, Toiletten zu bauen und sich um sie zu kümmern. Es hat aber auch kaum einer Lust drauf. Städte und Gemeinden entscheiden sich dafür, ihr Geld für anderes auszugeben. Das sagt viel über unsere Gesellschaft aus. Es ist das Gegenteil davon, die Grundbedürfnisse von Bürgerinnen und Bürgern zu achten. Es mangelt nicht nur an Toiletten, sondern an Respekt vor der Menschenwürde.

Anne Backhaus, geb. 1982, ist freie Autorin und Reporterin aus Hamburg. Ihr Schwerpunkt sind Reportagen, Porträts und Interviews mit gesellschaftspolitischen und kulturellen Themen, die sie unter anderem für DIE ZEIT aufschreibt. Im Studium hat sie in Frankreich gelebt, für die Süddeutsche Zeitung einige Jahre in München und für DER SPIEGEL in Ghana. Am liebsten arbeitet sie auf Reisen. Außerdem unterrichtet Backhaus Storytelling, schöner Schreiben und Interview an Journalistenschulen und der Akademie für Publizistik in Hamburg.

Anne Backhaus trägt eine schwarze Bluse und blickt in die Kamera.
© Roman Höfner
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