Oded Galor: "Die Reise der Menschheit durch die Jahrtausende"

Im Räderwerk der Weltgeschichte

06:40 Minuten
Cover des Sachbuchs "Die Reise der Menschheit durch die Jahrtausende" von Oded Galor
© dtv

Oded Galor

Übersetzt von Bernhard Jendricke und Thomas Wollermann

The Journey of Humanity. Die Reise der Menschheit durch die Jahrtausende. Über die Entstehung von Wohlstand und Ungleichheitdtv, München 2022

384 Seiten

26 Euro

Von Wolfgang Schneider · 09.05.2022
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Was sind die wichtigsten Triebkräfte menschlicher Entwicklung und warum ist der Wohlstand so ungleich verteilt? Der Ökonom Oded Galor skizziert die Menschheitsgeschichte als komplexes Räderwerk – einen zentralen Faktor sieht er dabei im Humankapital.
Eine Globalgeschichte der Menschheit auf 300 Seiten legt der israelische, in den USA lehrende Wirtschaftswissenschaftler Oded Galor hier vor. Möglich ist das, weil es Galor nicht um historische Details geht, sondern um die grundlegenden Antriebskräfte der Menschheitsgeschichte, die zur Herausbildung von Wohlstand führten. Das mag ein wenig nach der Geschichtsphilosophie vergangener Epochen klingen, die vermeintliche Gesetze des historischen Geschehens zu kennen meinte und sich so die Entwicklungslinien zurechtrüttelte, bis sie in eine gerade Richtung wiesen: Untergang des Abendlandes, Selbstverwirklichung des Weltgeistes, kommunistische Gesellschaft et cetera.

Wie die Menschheit aus der Armutsfalle kam

Mit solchen Spekulationen hat Galors empirisch-multidisziplinärer Ansatz allerdings wenig zu tun. Seine Argumentation geht aus von der klassischen Theorie der „malthusianischen Falle“. Danach führen die wachsenden Erträge bei der Nahrungsmittelproduktion unweigerlich solange zur Steigerung der Geburtenrate, bis wieder – wegen des erhöhten Verbrauchs – der vorherige Zustand knapp über dem Subsistenzniveau erreicht ist. Auf diese Weise kam die Menschheit über Jahrtausende nicht aus der Armutsfalle heraus. Der Fortschritt verzehrte sich gewissermaßen selbst.
Erst mit der Industriellen Revolution änderte sich das. Galors entscheidender Begriff in diesem Zusammenhang ist das Humankapital. Auch wenn wir beim Thema der frühen Industrialisierung Bilder von Kinderarbeit und verelendeten Proletariern vor Augen haben – maßgeblicher für die Entwicklung wurde der Bedarf an geschulten Mitarbeitern für zunehmend anspruchsvolle und spezialisierte Aufgaben.
Investition in Humankapital bedeutete, dass fortan auch die Unternehmer – ganz im Gegensatz zu den althergebrachten agrarischen Eliten – für die Einrichtung der Schulpflicht und weitere Ausbildungsinstitutionen plädierten. Zum anderen lernten auch die Familien, dass es ihren Wohlstand steigerte, wenn sie nicht möglichst viel Nachwuchs in die Welt setzten, sondern weniger Kinder hatten, die sie gut förderten und ausbilden ließen.

Die Gründe für Wohlstand und Ungleichheit

Die industrielle Revolution ist für Galor kein plötzliches Ereignis, sondern bereitete sich über Jahrhunderte vor. Entscheidende Voraussetzungen waren das Wachstum der Bevölkerung, wodurch es mehr innovative Köpfe und Ideenaustausch gab, außerdem die Hochschätzung von Schriftkultur und Wissen, die Sicherung von Eigentumsrechten durch einklagbare Verträge sowie die allmähliche Herausbildung funktionierender Institutionen und Märkte. All das war in Europa seit der Reformation und der Aufklärung, wo der Wettbewerb unter den kleinen Staaten zu einer „Kultur der Innovation“ führte, mehr als anderswo gegeben.
Warum aber fallen manche Länder in der Moderne zurück? Warum entwickeln sich einige vormalige Kolonien zu prosperierenden Staaten, während andere Problemzonen der Welt bleiben? Solche Fragen beantwortet Galor im zweiten Teil des Buches, der verstärkt den Ungleichheiten und Entwicklungshemmnissen gewidmet ist. Hier geht es um jahrtausendealte Prägungen, die bis heute Entwicklungsunterschiede bedingen. Es sind viele Wirkkräfte, die Galor wie in einem großen Räderwerk ineinandergreifen sieht: Geografie, Kultur, Institutionen, Technologie, eine Mentalität des gegenseitigen Vertrauens, Gleichberechtigung der Geschlechter und Diversität.
Dieses Buch bietet eine sehr verständlich geschriebene Quintessenz jahrzehntelanger Forschungen. Mehr Weltverständnis ist auf 300 Seiten kaum zu haben.

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