NS-Vergangenheitsbewältigung in der Familie

„Es ist wirklich ein Befreiungsschlag gewesen“

34:35 Minuten
Im Still aus "2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß", ist Malte Ludins Vater als junger Mann in Uniform und mit Hakenkreuzarmbinde zu sehen.
In seinem Dokumentarfilm setzt sich Malte Ludin mit der Rolle seines Vaters Hanns Ludin auseinander, die in seiner Familie auch Jahrzehnte nach Kriegsende noch für Kontroversen sorgt. © absolut Medien GmbH
Moderation: Gesa Ufer · 17.07.2022
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Regisseur Malte Ludin ist Sohn eines verurteilten NS-Kriegsverbrechers. Mit seinem Film “2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß” drehte er gegen das Schweigen der Familie an. Heute fast 20 Jahre danach blickt Ludin zurück: Hat sich der Kampf gelohnt?
Regisseur Malte Ludin wächst in den Nachkriegsjahren als fünftes von sechs Geschwistern auf einem Bauernhof in Süddeutschland auf. Sein Vater war Hanns Ludin, SA-Obergruppenführer und Hitlers Gesandter in der Slowakei, der an der Deportation Tausender jüdischer Menschen beteiligt war. Er wurde 1947 als NS-Kriegsverbrecher verurteilt und hingerichtet. 
Doch das Vaterbild, mit dem Malte Ludin aufwächst, ist ein anderes: In Familienerzählungen erscheint der Vater als “Mann edlen Geistes”, der zwar Nazi war, aber auch Held und Märtyrer. Der zu Unrecht verurteilt wurde – und auf den die Kinder stolz sein können.  

Der Moment, in dem ich dachte: Er ist hingerichtet worden, weil er Kriegsverbrecher war, der war sehr viel später. Diese beiden Momente knallten aufeinander und da musste ich etwas herausfinden. (Der Film) war der Versuch, das Geheimnis, das in der Familie geherrscht hat, aufzudecken und die Legende zurechtzurücken und zu merken, dass es eine Legende ist, die eine Lüge ist.

Malte Ludin

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Ludin, der in Berlin Politikwissenschaften und Film studiert hat, beschließt, einen Dokumentarfilm über den Vater zu drehen.

Widerstand innerhalb der eigenen Familie

Doch innerhalb seiner Familie stößt er mit seinem Vorhaben auf Widerstand. Seine Schwestern, so scheint es, wollen ihr Bild des Vaters nicht aufgeben. In Interviews vor der Kamera verteidigen sie den Vater: Er habe nicht mit der Pistole auf Menschen gezielt, er habe nicht gewusst, was mit den deportierten Jüdinnen und Juden geschehe, er sei ein edler und guter Mensch gewesen.

Barbel: Mein Recht ist es, meinen Vater zu , will. Wie ich ihn sehe. Nicht, wie ich ihn sehen will, wie ich ihn sehe. Und das ist mein Recht, das kannst du mir auch nicht nehmen. Du hast halt deine Sicht, und das tut mir leid…
Malte: So bleibt jeder mit seiner Sicht alleine
Barbel: Ja, ja, ja. Wenn du gedacht hast, dass du mit diesem, mit diesem Werke, mit diesem Film etwas ändern kannst: Das ist eben leider ein Fehlschluss gewesen.

Zitat aus „2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß”

"2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß" heißt der Dokumentarfilm, den Malte Ludin über die innerfamiliäre Auseinandersetzung mit der Frage nach Schuld und Verantwortung gedreht hat. Der Film ist 2005 erschienen, und wurde seither auf der ganzen Welt gezeigt. Im Gespräch mit Gesa Ufer blickt der Regisseur zurück: Trotz aller Schwierigkeiten und Konflikte sei der Film ein “Befreiungsschlag” gewesen: “Ich kann viel, viel besser mit der Geschichte umgehen.”
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