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Lesart / Archiv | Beitrag vom 23.08.2014

NS-DiktaturAufräumen mit Legenden

Der Historiker Jan Erik Schulte über neue Forschungen zur Waffen-SS

Moderation: Sigrid Brinkmann

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Heinrich Himmler (picture-alliance / dpa)
Heinrich Himmler hatte ab Mitte 1940 den Oberbefehl über die Waffen-SS. Von da an war die militärische Einheit organisatorisch eigenständig. (picture-alliance / dpa)

Zu wenig sei die Waffen-SS bisher erforscht worden, stellen die Autoren des ersten wissenschaftlichen Sammelbandes über die militärische Kampfeinheit fest. Der Ruf einer Eliteeinheit lasse sich den Historikern zufolge nicht bestätigen.

Sie gehöre zwar zu den bekanntesten militärischen Formationen des 20. Jahrhunderts. Gemessen daran aber wüssten die Historiker zu wenig über die Waffen-SS, räumt Jan Erik Schulte im Gespräch ein. Deren kompliziertes Gebilde müsse noch aufgearbeitet werden.

Das Propagandabild, das die Veteranen in die Nachkriegszeit hinein pflegten, sei noch sehr intakt, denn erforscht worden sei die nationalsozialistische Organisation nur durch wenige ältere Studien, stellt er fest – auch gemeinsam mit den beiden anderen Herausgebern Peter Lieb und Bernd Wegner in der Einleitung des ersten wissenschaftlichen Sammelbandes zur Geschichte der Waffen-SS.

Im Mittelpunkt des Interesses hätten eher die "schwarze SS", die Konzentrationslager, die Gestapo und die Judenverfolgung gestanden. Recht erfolgreich konnten sich die ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS in den 50er und 60er Jahren vom "Himmlerschen Imperium" nachträglich absetzen und sich als "Soldaten wie andere auch" öffentlich darstellen, die quasi in einem vierten Wehrmachtsteil Dienst getan hätten.

Das habe den handfesten Grund gehabt, sich nach dem Kriege im Westen Deutschlands Rente und Hinterbliebenenversorgung zu sichern. Die neuere Forschung jedoch, so die drei Herausgeber, räume mit den Legenden auf.

Allgemeine SS und Waffen-SS waren verflochten

Strukturell, ideell und personell sei die militärische Unterorganisation mit der Schutzstaffel "SS" verflochten gewesen, auch mit dem Personal von Wachmannschaften und Kommandanturen in den Konzentrationslagern.

Ebenso zieht die Wissenschaft heute die alte Selbstdarstellung in Zweifel, die Waffen-SS hätte als Feuerwehr an den Fronten im Osten wie im Westen die Wehrmacht aus schwierigen Situationen befreit. Für solche Leistungen seien jedoch militärische Ausbildung, Kampfkraft und Effizienz von Division zu Division viel zu unterschiedlich gewesen.

Auch aus einem anderen Grund lässt sich der stets gepflegte Ruf einer Eliteeinheit nicht bestätigen. In der zweiten Kriegshälfte wurde nämlich aus der weltanschaulich und rassisch handverlesenen Waffen-SS zunehmend eine heterogene Organisation, die selbst nichtdeutsche Soldaten in ihre Reihen aufnahm, die allenfalls faschistisch gefärbte Nationalismen einte - jedenfalls, soweit diese freiwillig und nicht zwangsweise eingezogen worden waren.

Deshalb, so Jan Erik Schulte in der "Lesart", werde die Motivation, in die Waffen-SS eingetreten zu sein, noch zu einem wichtigen Forschungsfeld. So würde erst jetzt erkannt, dass eine große Anzahl an Frauen als Zivilangestellte oder uniformierte Helferinnen eingesetzt waren.

Ähnlichkeiten zwischen Waffen-SS und Wehrmacht

Die Grenzen zwischen ideologisch motiviertem Völkermord und Mitwirken am Holocaust, zwischen militärischer Sicherung hinter der Front und Kriegsverbrechen waren im Verhalten von Waffen-SS und Wehrmacht gleichermaßen fließend.

(Ferdinand Schöningh Verlag )Cover: "Die Waffen-SS" von Jan Erik Schulte, Peter Lieb, Bernd Wegner (Hg.) (Ferdinand Schöningh Verlag )

Nur punktuell - wie am Beispiel der Partisanenbekämpfung - ließe sich nachweisen, berichten die Herausgeber, dass Einheiten der Waffen-SS deutlich mehr Kriegsverbrechen begangen hätten als die der Wehrmacht, besonders in Fällen, in denen Frauen und Kinder zu den Opfer zählten und bei denen ideologische Einstellungen eine wesentliche Rolle spielten.

Der Sammelband geht auf zwei Tagungen in den Jahren 2010 und 2011 zurück, die zum einen vom Hannah-Arendt-Institut in Dresden und zum anderen vom Deutschen Komitees für die Geschichte des Zweiten Weltkrieges ausgerichtet worden waren.

Er stellt neuste Ergebnisse und Projekte der Forschung dar, formuliert offene, noch zu bearbeitende Fragen. Seine Themen sind die Organisationsgeschichte der Waffen-SS, deren Rekrutierungspraxis, das Selbstbild in der NS-Propaganda, die Verbrechen und die Truppenkameradschaften nach dem Zweiten Weltkrieg.

 

Jan Erik Schulte, Peter Lieb, Bernd Wegner (Hg.): Die Waffen-SS. Neue Forschungen
Ferdinand Schöningh Verlag Paderborn, 18. Juni 2014
446 Seiten, 39,90 Euro

Mehr zum Thema:

Vertriebenenpolitiker mit NS-Vorgeschichte (Deutschlandradio Kultur, Lesart, 31.03.2013)

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