Dienstag, 02.03.2021
 

Im Gespräch | Beitrag vom 23.02.2021

Notärztin Lisa FederleDem Virus immer einen Schritt voraus

Moderation: Ulrike Timm

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Notärztin Lisa Federle steht vor dem Testmobil für Corona-Antigentests in Tübingen. (picture alliance / dpa /  Sebastian Gollnow)
Notärztin Lisa Federle hat in Tübingen bereits Ende November mit Schnelltests begonnen, die sie mit Spenden finanziert. (picture alliance / dpa / Sebastian Gollnow)

Während andere noch die Lage analysieren, handelt Lisa Federle schon. In der Coronakrise wurde die Tübinger Notärztin durch ihren Weitblick und ihr Organisationstalent weit über die deutschen Grenzen hinaus zum Vorbild.

Ihr Handy schaltet Lisa Federle "praktisch nie" aus. Für ihre Patienten möchte die Notärztin so gut wie möglich erreichbar sein. Für alle Fälle gewappnet zu sein ist etwas, dass sich als Haltung durch ihr Leben zieht. Und als Notärztin ist sie es auch gewohnt, schnell entscheiden zu müssen. Bereits im Februar 2020 möchte sie als Präsidentin des DRK-Kreisverbands Tübingen einen Plan entwickeln für den Umgang mit Covid-19: "Da haben mich alle ein bisschen schräg angeschaut und gemeint, naja, die übertreibt jetzt vielleicht." Kurze Zeit später zeigt sich, dass es gut war, die entsprechenden Strukturen aufzubauen.

Ansteckungen verhindern

Jetzt ist Lisa Federle froh, dass auch bundesweit vermehrt auf Coronatests gesetzt wird. Sie selbst hat damit schon im Frühjahr 2020 angefangen: "Mitte März habe ich das Sozialministerium aufgefordert, dass wir bitte die Altenheime testen dürfen, auch bei asymptomatischen Bewohnern."

Dieses Anliegen wird zunächst abgelehnt. "Ich habe es dann trotzdem gemacht", sagt sie, und gleich bei der ersten Station im Heim finden sich 16 positiv getestete Personen, die zunächst keine Symptome aufwiesen.

Coronavirus-NewsletterZwei Wochen später wird die Finanzierung der PCR-Testreihen zugesagt. Mit den Schnelltests für Besucher der Pflegeheime lief es ähnlich. Das sei immer auch eine Frage der Einsicht, meint Federle. Die vom DRK angebotenen Schnelltests werden sehr stark wahrgenommen. Ein "Arztmobil" bietet sogar auf Marktplätzen kostenlose Tests an.

Von 20.000 Schnelltests waren 350 Ergebnisse von Menschen ohne Krankheitssymptome positiv. "Die haben mit Sicherheit dann niemanden mehr angesteckt."

Einsatz mit Energie und Herz

Unterstützung für ihre ehrenamtlich organisierten Testreihen erhält Federle von vielen Seiten – von bekannten Schauspielern oder Sängern, wie Dieter Thomas Kuhn, der sogar persönlich mit seiner Band viermal pro Woche auf dem Platz steht, und Leute testet. Das liegt wohl auch an ihrer Überzeugungskraft: "Ich glaube, dass ich sehr überzeugend bin, weil ich die Sache mit dem Herzen mache, und ich glaube, Menschen spüren das."

Aufgewachsen ist Federle in einem sehr christlichen Elternhaus: "Mir fast zu christlich – kein Tanzkurs, keine kurzen Haare, keine Hosen, keine Schminke, keine Partys und so weiter." Geprägt habe es sie trotzdem. "Es war auch schon immer so, dass mir Menschen, denen es schlechter ging, oder die ärmer waren, am Herzen lagen." Ärztin habe sie schon immer werden wollen. Als ihr Vater aufgrund eines ärztlichen Fehlers bei einer Vorsorge-Untersuchung stirbt, ist sie elf Jahre alt.

Sie flüchtet sich komplett in die Welt der Bücher und bleibt zweimal hintereinander sitzen. Mit 18 bekommt sie ihr erstes Kind, schafft es aber kurz darauf den Hauptschulabschluss nachzuholen. Es folgen der Realschulabschluss, das Abitur, ein erfolgreiches Medizinstudium – und drei weitere Kinder. Um ihr Studium zu finanzieren, arbeitet sie längere Zeit nebenher in einer Kneipe. Das spricht für ein hohes Energielevel: "Ich habe jahrelang mit fünf Stunden Schlaf durchgehalten."

Schlaflose Nächte

Die Corona-Krise hat auch ihr Leben verändert. "2020 ist ein Jahr, das zumindest privat an mir vorbeigegangen ist." Dass sie sich für andere engagiert, ist allerdings nichts Neues für sie: "Ich habe 2015 auch schon die Flüchtlingskrise mit gemanagt. Insofern gab es bei mir immer Zeiten, wo ich extrem viel zu tun hatte." Bei ihrer Arbeit hat Federle es häufig mit Situationen zu tun, die psychisch ziemlich belastend sein können: "Manche Dinge nimmt man mit nach Hause. In dem Moment, wo ich in der Situation drin bin, bin ich total professionell. Da denke ich nicht drüber nach, dass das Kind jetzt Schmerzen hat oder sonst was, aber sobald ich dann rauskomme …"

Für die Zeit nach der Pandemie hofft Federle auf Urlaub und generell wieder auf ein wenig Freizeit. Dass es nach der Corona-Krise wieder genauso wird wie vorher, glaubt Federle allerdings nicht: "Ich glaube, dass wir alle durch die Krise bestimmte Sachen gelernt haben, und es dauert dann sicher auch ganz schön lange, um das wieder rauszukriegen."

(mah)

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