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Weltzeit | Beitrag vom 10.10.2019

Norwegen als RettungsankerAsyl für verfolgte Künstler weltweit

Von Michael Frantzen

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Der iranische Comic-Autor Ali Durani hat durch das Hilfsnetzwerk ICORN in Norwegen Asyl erhalten. In der Zentrale in Stavanger hält er einen Comic in der Hand. (Michael Frantzen)
Ali Durani (l.) steckte fünf Jahre in einem australischen Flüchtlingslager fest, bis ICORN ihn rettete. Heute lebt der Comic-Zeichner in Stavanger. (Michael Frantzen)

Ihnen droht Knast, Gewalt oder Existenzverlust: Verfolgte Autoren und Künstler weltweit finden Zuflucht in 74 Städten, die Teil des norwegischen Hilfsnetzwerkes ICORN sind. Darunter Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch und Comic-Zeichner Ali Durani.

"Ich kann es Dir auf meinem Tablet zeigen. Hier: Das ist Eaten Fish, mein Comic-Alter-Ego. Süß, nicht?! Doch das täuscht. Du musst nur genauer hinschauen: Sein T-Shirt, seine Frisur, selbst seine Nase: Hinter jedem Merkmal steckt eine Geschichte."

Die Geschichte von Ali Durani alias Eaten Fish: Sie gleicht einer Odyssee. Der 28-jährige Comic-Zeichner mit dem schulterlangen, braunen Haar hat schon viel durchgemacht. Erst die Flucht aus seiner Heimat - dem Iran. Warum? Das will er nicht sagen. Nur soviel: Er musste weg. Illegal. Über Indonesien nach Australien. Doch das Land seiner Träume entpuppt sich als Horrorland. Am 25. Juli 2013 verhaften ihn die australischen Behörden – und stecken ihn in eines der berüchtigten Flüchtlingslager vor der Nordküste. Wie er sich damals fühlt?

Fünf Jahre Internierungslager in Australien

Ali dreht sich zur Seite und holt ein kleines Poster seiner aktuellen Frankfurter Ausstellung heraus: Ein Comic, das Norwegens berühmtestem Gemälde nachempfunden ist: Edvard Munchs "Der Schrei". 

"Als ich das erste Mal den Schrei sah, dachte ich: Das ist ja genau meine Situation. Die Art, wie er schreit. Die Energie. Die Farben. Ich konnte mich sofort damit identifizieren. Deshalb habe ich mich entschlossen, meine eigene Comic-Version daraus zu machen: Als Plakat für meine Solo-Ausstellung in Frankfurt bei der Buchmesse. Ich verarbeite darin meine Erfahrungen auf Manus-Island, dem australischen Flüchtlingslager. Da, siehst Du: Das sind Überwachungskameras. Dahinter Palmen. Und lauter Leute, die mich anstarren."

Ganze fünf Jahre ist Ali auf der australischen Insel interniert. Ohne Hoffnung. Jeder Tag gleich. Ali erzählt von der Gluthitze und langen Schlangen bei der Essensausgabe. Dreimal tritt in einen Hungerstreik. Irgendwann beginnt der junge Iraner das alles in Comics festzuhalten. Auf Wänden. Seinem T-Shirt. Papierfetzen. Ein Krankenpfleger schmuggelt einige Zeichnungen nach draußen. Und plötzlich landen die in Galerien in Sydney und Melbourne, der britischen Zeitung "The Guardian". Die Welt nimmt Notiz von Eaten Fish. Ali ist Gesprächsthema im Internet und wird von ICORN kontaktiert - dem internationalen Städte-Netzwerk für verfolgte Künstler und Schriftsteller.

"Es gab diese Kampagne auf Twitter. Sie hieß #addafish. Die Organisatoren riefen Künstler auf, Karikaturen zu zeichnen, um mich zu unterstützen. Dadurch ist ICORN auf mich aufmerksam geworden. Sie meinten: Wir versuchen dich herauszuholen. Aber versprechen können wir dir nichts."

"Ich wusste nichts über ICORN. Über Norwegen auch nicht. Ich dachte nur: Norwegen?! Da gibt es doch diese Wikinger. Und das 'Schrei'-Gemälde."

1100 Euro monatlich und ein Büro mit Computer

Inzwischen lebt Ali seit anderthalb Jahren in Stavanger, Norwegens viertgrößter Stadt. Sein Lieblingscafé heißt "Steam", hier ist er häufig nach seinem Norwegisch-Kurs.

Norwegen habe ein großes Herz für bedrohte Künstler: Ali lässt kein schlechtes Haar an seiner Wahlheimat. Sie bieten ihm ja auch einiges – die Leute von ICORN und der Kommune: Umgerechnet 1100 Euro überweist die Gemeinde ihm monatlich auf sein Konto. Das reicht gerade zum Leben in Norwegen. Dazu noch ein Büro bei ICORN mit Computer. Hier arbeitet er weiter an seinen Comics über Australiens Flüchtlingspolitik.

"Ich bin eher Comic-Zeichner als Karikaturist. Ich beschäftige mich mit dem Alltag. Karikaturisten sind ja politisch. Das bin ich nicht. Es war komisch, als plötzlich alle meinten: 'Aber Ali, deine Comics sind politisch.' Dabei ging es mir doch nur um die Zeit in den australischen Internierungslagern. Aber gut: Wie sich herausstellt, ist das politisch."

Ali schaut auf sein Smartphone: Lotta ist am anderen Ende, seine Betreuerin von der Kommune. Wo er denn bleibe, sie wollten doch an seinem Plakat für die Frankfurter Buchmesse weiterarbeiten.

"Ein Publikum zu haben ist wichtig. Aber noch wichtiger sind Taten. Mich interessiert eher, was nach der Buchmesse passiert. Wie viele Leute kann ich durch meine Comics bewegen, Druck auf die australische Regierung auszuüben, die Internierungslager zu schließen? Das ist wichtiger, als irgendwelche Kontakte zu knüpfen."

Zurzeit Schutz für 132 Autoren und Künstler

Die Wege sind kurz in der ICORN-Zentrale in Stavanger. Früher oder später laufen sich alle über den Weg. Ali und Elisabeth Dyvik lachen. Natürlich hat auch die Programmdirektorin des Netzwerks schon von Alis dicker Backe gehört, dass er dringend zum Zahnarzt müsste.

Die Arbeit bei ICORN, sie gleiche einem Balanceakt zwischen dem Perfekten und dem Möglichen: Um einen griffigen Spruch ist die Frau mit dem raspelkurzen Haar selten verlegen. Programmdirektorin Elisabeth macht einen gestressten Eindruck. Bis vor ein paar Minuten hat sie ihrem Besuch aus Schweden Rede und Antwort gestanden, einem Schlipsträger von der schwedischen "Behörde für internationale Entwicklungszusammenarbeit". Neben dem norwegischen Außenministerium und der Gemeinde Stavanger ist sie der dritte Geldgeber von ICORN.

War ganz okay, das Treffen, meint die Mittfünfzigerin in ihrem Büro, ehe sie sich erschöpft auf ihren Schreibtischstuhl fallen lässt. Doch viel lieber kümmert sie sich um Ali und die anderen verfolgten Schriftsteller und Künstler, denen ICORN hilft. Zurzeit sind es 132. Auch die spätere Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch aus Belarus fand von 2006 bis 2008 Unterschlupf bei ICORN.

"Unsere Arbeit ist sehr konkret. Sehr fassbar. Es ist nicht, als ob du eine Petition schreibst oder wählen gehst. Du siehst das Resultat mit eigenen Augen. Den Menschen, der vor dir steht. Jedes Mal, wenn ein Stipendiat uns erzählt, welche Probleme es in seinem Heimatland gibt, zeigt uns das, wie wichtig unsere Arbeit ist. Ich habe mir gerade die Liste ermordeter Journalisten der letzten zehn Jahre in Europa angeschaut. Es ist unglaublich. Ich dachte es seien nur eine Handvoll. Doch es sind Dutzende."

ICORN-Gründer Helge Lunde und Programmdirektorin Elisabeth Dyvik sichten pro Jahr 150 Bewerbungen von Autoren und Schriftstellern, die Schutz suchen. Hier stehen sie in der Zentrale in Stavanger. (Von Michael Frantzen)ICORN-Gründer Helge Lunde und Programmdirektorin Elisabeth Dyvik sichten pro Jahr 150 Bewerbungen von Autoren und Schriftstellern, die Schutz suchen. (Von Michael Frantzen)

Weltweit besteht das ICORN-Netzwerk aus 74 Städten. Die meisten davon in Norwegen und Schweden. In Deutschland machen Frankfurt am Main, Hannover und seit 2018 auch Berlin mit. Die Hilfe endet in der Regel nach zwei Jahren. Dann ist Schluss. Norwegen ist da eine Ausnahme: In dem skandinavischen Land erhalten Verfolgte nach zwei Jahren automatisch eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung. Das ist schon von Anfang an so, seit ICORN 2006 an den Start ging.

Elisabeth stieß ein Jahr später dazu. Ausgerechnet Stavanger! Die Konfliktmanagerin hebt die Hände. Hätte sie sich auch nicht träumen lassen: Dass sie einmal im hintersten Zipfel Norwegens landen würde: Über sieben Autostunden von der Hauptstadt Oslo entfernt.

"Ich kann dir auch nicht genau sagen, warum ICORN ausgerechnet in Stavanger gegründet wurde. Ein Faktor mag sein, dass die Kommune sich schon lange für Meinungs- und Pressefreiheit stark macht. Dabei ist Stavanger eine eher konservative Stadt. Aber auch weltoffen. Als sie 2008 Kulturhauptstadt Europas wurde, hieß der Slogan: "Open Port". Durch den Hafen hatte die Stadt immer schon Kontakt zur Außenwelt. Vielleicht sogar mehr als zum Rest Norwegens. Und du darfst die Ölindustrie nicht vergessen. Dadurch ist Stavanger sehr international geworden."

ICORN-Gründer: "Unsere Werte sind unter Beschuss"

Neben ihr steht der ICORN-Gründer Helge Lunde. "Wir sagen manchmal: Unser Hauptziel ist, uns aufzulösen. ICORN überflüssig zu machen. Weil es keinen Bedarf mehr gibt. Doch es ist genau umgekehrt."

150 Bewerbungen landeten letztes Jahr auf seinem Tisch: Aus dem Iran, Jemen, der Türkei, Syrien, Nicaragua. Die Liste ist lang. Neue Plätze gibt es derzeit nur für 35 Verfolgte. 

"Wir beobachten, dass die Meinungsfreiheit heute stärker bedroht ist. Trump ist ein wichtiger Faktor. Traditionell sind die Vereinigten Staaten ein Land mit starken Institutionen, die Meinungsfreiheit und Menschenrechte verteidigen. Trump hat mit dieser Tradition gebrochen. Es färbt auf Länder ab, in denen die demokratischen Fundamente und Meinungsfreiheit schwach entwickelt sind. Wir spüren das. Wir erhalten viel mehr Bewerbungen. Unsere Werte sind unter Beschuss. Deshalb müssen wir weitermachen."

Der graumelierte Mann mit der Designerbrille hat sich einen Namen gemacht: Als Verfechter der Meinungs- und Pressefreiheit – und jemand, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Ähnlich wie in Deutschland haben die Fluchtbewegungen 2015 Norwegen gespalten. Die Mitte-Rechts-Koalition in Oslo setzte alles daran, potenzielle Flüchtlinge abzuschrecken. Das ging so weit, dass sich die damalige Einwanderungsministerin von der rechtspopulistischen Fortschrittspartei brüstete, Norwegen habe die striktesten Einwanderungsgesetze ganz Europas.

Helge verzieht unmerklich das Gesicht. Das Thema – darauf hat er eigentlich keine Lust.

"Die Fortschrittspartei unterstützt uns nicht besonders, nein. Aber ihr Ableger in Stavanger ist uns gegenüber weniger skeptisch eingestellt als die Parteizentrale in Oslo. Bislang hat sie uns keine Steine in den Weg gelegt. Wir sind ja auch keine politische Organisation. Und im klassischen Sinn auch keine Flüchtlingsorganisation. Wir bieten nur temporär Schutz für zwei Jahre. Für die Rechtspopulisten in Norwegen ist ICORN kein großes Feindbild."

Dass ICORNs Akzeptanz so groß ist, hat auch mit zwei Grundprinzipien des Netzwerks zu tun: mit maximaler Transparenz. Und dem rigorosen Auswahlverfahren. Wer sich bewirbt, muss alles offen legen: Wer hat mich wann bedroht? Wie oft? Gibt es Beweise? Zeugen? Wurde die Polizei eingeschaltet? Anders, meint Helge achselzuckend, geht es nicht. Ist die Gefahr zu groß, einem Betrüger aufzusitzen. Nach dem harten Bewerbungsverfahren müssen die verfolgten Schriftsteller und Künstler in der Fremde schnell auf eigenen Beinen stehen.

"Weder ICORN noch die Stadt, die dir Asyl gewährt, führen dich durchs Leben. Du bist dein eigener Glücksschmied. Für einige Stipendiaten mag das hart sein. In ihrer alten Heimat sind sie verfolgt und bedroht worden. Manchmal jahrelang. Und dann kommen sie in eine ICORN-Stadt und würden eigentlich gerne durchatmen. Doch stattdessen müssen sie sich sofort Gedanken um ihre Zukunft machen. Aber so ist es nun mal."

Irakische Journalistin flieht 2009 aus Mossul

Mangelnde Einsatzbereitschaft ist so ziemlich das letzte, was man Manal Al-Sheick vorwerfen kann. Permanent bewirbt sich die irakische Journalistin und Autorin: In Stavanger, Oslo, anderen norwegischen Städten. Doch bis auf zeitlich befristete  Assistenzjobs in Verlagen und Kulturzentren ist wenig dabei herausgesprungen. 

Zwei, drei Mal die Woche kommt die ganz in schwarz gekleidete Frau in die ICORN-Zentrale. Sie hat immer noch ein Büro hier, auch wenn ihre Zeit als Stipendiatin schon acht Jahre zurückliegt.

Manals Weg nach Stavanger: Er war steinig. Und gefährlich. Aufgewachsen in Mossul, der irakischen Millionenstadt, wurde ihre Familie Opfer religiöser Fundamentalisten. 2004 töteten sie ihren Mann mit einer Bombe. Ein Freund gab ihr den Tipp, sich bei ICORN zu bewerben. So begann 2009 Manals neues Leben. Die ICORN-Leute, meint die 48-Jährige, hätten sie bestärkt, weiter über den Irak zu berichten. Online.

"Ich habe alle Freiheit der Welt, aber was nützt mir das ohne mein Publikum?! Ja, ich bin in Sicherheit. Ja, ich habe mehr Möglichkeiten, vielleicht sogar ein besseres Leben. Aber ich bin Journalistin und Schriftstellerin. Meine Arbeit hängt von Leuten ab. Von Veranstaltungen. Erinnerungen. Selbst meine Erinnerungen verblassen. Ich kann sie nicht mehr für meine Geschichten nutzen, weil ich das Gefühl habe, nicht mehr Teil der irakischen Gesellschaft zu sein."

Porträt der irakischen Journalistin Manal Al-Sheick  (Michael Frantzen)Die irakische Journalistin Manal Al-Sheick sucht ihre neue Identität in Norwegen. (Michael Frantzen)

Die ersten zwei Jahre in Norwegen hatte Manal eine regelrechte Schreibblockade. Der Mord an ihrem Mann, die grauen Wintertage in ihrer neuen Heimat, die Ungewissheit, was aus ihren Eltern wird: Das war alles zu viel. Mit der Zeit wurde es besser. Lernte sie Norwegisch. Freunde kennen. Doch richtig zu Hause fühlt sie sich immer noch nicht.  

"Manchmal vermisst du das Chaos. Dass alles ohne Sinn und Verstand abläuft. Du vermisst es, weil es dir einen Kick gibt. Energie freisetzt, die du nutzen kannst, um etwas zu ändern. In Norwegen ist alles organisiert. Alles schön. Versteh mich nicht falsch: Ich bin ICORN unendlich dankbar. Ich finde auch nicht, dass du fürs Schreiben im Kriegszustand leben musst. Aber ich brauche dieses Auf und Ab, um gegen die Stille anzugehen. Diese Stille tötet all meine Gedanken."

Diesen Sommer war Manal zu Besuch im Irak, das erste Mal seit zehn Jahren. Ihrer Mutter ging es nicht gut. Brenzlige Situationen: Nein, erzählt die Autorin, die habe es nicht gegeben. Nicht wirklich. Am Flughafen sei sie schikaniert worden: Wie es denn sein könne, dass sie als gebürtige Irakerin einen norwegischen Pass habe?! Aber das sei halb so wild gewesen.

"Nein, nein, selbst im Irak habe ich mich nicht mehr als Irakerin identifiziert. Ich weiß auch nicht. Ich glaube, meine Heimat sind Gedanken, kein Stück Land. Wenn mich Leute fragen: Wo kommst du eigentlich her? Dann scheue ich mich zu sagen: Aus dem Irak. Das trifft es einfach nicht. Das Arabische ist meine Heimat."

Ägyptischer Schriftsteller floh wegen Vorwurf der Blasphemie

Der Schönheit der arabischen Sprache ist auch Montaser Abdel Rahman erlegen.

"Die arabische Sprache ist wie ein Instrument für Künstler. Einige Maler nutzen Ölfarbe, andere Wasserfarben. Es gibt unzählige Möglichkeiten. Genauso vielfältig ist das Arabische. Ich liebe es. Weil es eine so schöne Sprache ist."

Der Ägypter liest eines seiner Gedichte vor. Es ist ein Zwiegespräch zwischen dem Dichter und dem Schöpfer – und hat dem 47-Jährigen in Ägypten viel Ärger bereitet. Mögen Literaturkritiker seine Lyrik auch in höchsten Tönen loben: Für religiöse Fanatiker in Ägypten steht fest: Was Montaser Abdel Rahman schreibt, ist Blasphemie. Deshalb auch seine Flucht aus Alexandria. Am ersten Weihnachtstag 2016 landete er in Trondheim, der drittgrößten Stadt Norwegens.

"Bevor ich ankam, sagte Elisabeth von ICORN: 'Montaser, du kannst jetzt nicht kommen. Du musst bis nach Weihnachten warten. Alle sind im Urlaub. Und es ist so und so kalt und dunkel hier.' Doch ich meinte nur: 'Nein, das geht nicht. Ich kann keinen Tag länger warten. Ich muss jetzt raus. Ansonsten verhaften sie mich. Es kann noch so kalt sein, aber das ist besser, als im Gefängnis zu landen.' Elisabeth hat das verstanden."

Rund 60 Quadratmeter groß ist Montasers Wohnung in einem der Altbauviertel von Trondheim. Wohnzimmer, Küche, drei Schlafzimmer: Eines für ihn und Basima, seine Frau. Die zwei anderen für die Kinder. Und hinten in der Ecke sein ganzer Stolz: Seine kleine Privatbibliothek. Der Dichter geht zum Regal. Rechts die europäische Literatur in arabischer Übersetzung: Knud Hamsun, der norwegische Literaturnobelpreisträger. Deutsche Autoren: Grass und Rilke. Und links arabische Literatur. Die Klassiker. Und seine eigenen Werke, darunter sein neuester Gedichtband.

"Mein letztes Buch habe ich in Jordanien veröffentlicht. In Ägypten kann ich nicht mehr publizieren. Aber auf gewisse Art habe ich Glück. Dass meine Muttersprache Arabisch ist. So kann ich in anderen arabischen Ländern Bücher herausbringen. In Jordanien, dem Libanon, Marokko. Der arabische Sprachraum ist ja sehr groß."

Arabisch redet Montaser auch mit seiner Tochter Yara. Zehn war sie, als sie Alexandria verlassen musste. Ägypten vermisst sie nur ein kleines bisschen. Auch wenn sie auf ihrem Handy fast nur ägyptische Musik hört.

Die Tochter weinte oft nachts

Ein Lied über Liebe und Verlust, vom ägyptischen Musiker Amr Diab: Zuckersüß und traurig. Yara kann gar nicht genug davon bekommen. Manchmal spielt die 13-Jährige es den anderen in der Musikschule vor. Zwar ist heute Sonntag, aber in einer halben Stunde ist trotzdem Probe. In ein paar Tagen ist Premiere des neuen Tanzstückes. Flüchtlingskinder zusammen mit norwegischen Schülern auf der Bühne, tanzend und musizierend. Überall in Norwegen gibt es jetzt solche Programme, um traumatisierten Kindern dabei zu helfen, mit dem klarzukommen, was in der Vergangenheit passiert ist.

"Ja, natürlich ist das sehr wichtig für sie", sagt ihr Vater Montaser. "Yara hat durch das Projekt viele neue Freunde gefunden. Sie ist endlich wieder fröhlicher. In den ersten Monaten nach unserer Ankunft hat sie nachts oft geweint. Ich habe sie gefragt: 'Aber Yara, warum weinst du denn?' Sie hat nur gesagt: 'Ich weiß auch nicht.' Durch die Musik ist sie wieder glücklicher geworden."

Dem Glück auf der Spur ist auch der 47-jährige Familienvater. Zurück will er nicht. Montaser hebt die Hände: Bloß nicht zurück nach Ägypten, zum autoritären Herrscher Abdel Fattah al-Sisi. Viel zu gefährlich. Noch immer hat er Alpträume, lassen sich die Dämonen der Vergangenheit schwer abschütteln.

"Ich schreibe Gedichte, um zu verstehen, was passierte. Warum alles so schlimm war in Ägypten. Einige Leute haben mich schon gefragt: Wann fängst du an, über Trondheim zu schreiben? Über deine Eindrücke? Ich antworte dann: Vielleicht in zehn Jahren. Es ist noch zu früh. Jetzt muss ich erst einmal verarbeiten, was mir in Ägypten passiert ist."

Ende des Jahres will Montaser neue Gedichte herausbringen. Es wird um sein altes Leben gehen. Und vielleicht auch ein kleines bisschen um ICORN, seinen Rettungsanker.

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