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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.06.2013

Normierender Körperkult

Regula Stämpfli: "Die Vermessung der Frau", Gütersloher Verlagsgruppe, Gütersloh 2013, 191 Seiten

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Barbie wird bei Stämpfli zur "Nuttenfigur" (AP-Archiv)
Barbie wird bei Stämpfli zur "Nuttenfigur" (AP-Archiv)

Eindringlich warnt Regula Stämpfli mit "Die Vermessung der Frau" vor einer Welt, in der körperliche Abweichungen nicht geduldet werden. Das komplexe Thema Biopolitik bereitet die Soziologin verständlich auf - manchmal aber allzu schablonenhaft und undifferenziert.

Klarer Fall - hier kämpft eine engagierte Wissenschaftlerin gegen ein klar definiertes Feindbild: In Kapiteln wie "Warum wir unseren Verstand im OP-Saal der Schönheitschirurgie abgeben" beklagt Regula Stämpfli die freiwillige Unterwerfung vieler Frauen unter ein Diktat der Schönheitsindustrie, das Turbo-Diäten, Botox-Spritzen und Schamlippen-Operationen als persönliche Heilsbringer verkauft.

Der Körperkult sei in westlichen Gesellschaften zu einer neuen Religion geworden, so die Autorin, eine Religion der menschlichen Dingwerdung, die Menschen vorwiegend als biologischen Apparat versteht. "Gott ist tot, es lebe der Körper", so die Devise der heutigen "Vermesser-Wissenschaften", die vor allem den weiblichen Körper als Objekt mit einem festen Kilo- zu Zentimeterverhältnis und eingebautem Verfallsdatum betrachten. Selbst Liebe und Begehren wolle man heute mit Fruchtbarkeitszyklen und biologistischen Merkmalen erklären.

Die Soziologin, Philosophin und Doktorin der Geschichte Regula Stämpfli betont in ihrem Buch "Die Vermessung der Frau", dass unsere Vorstellungen über einen "schönen" oder gar "normalen" Körper historische Konstruktionen sind. Schönheit ist weder naturgegeben noch objektiv, sondern "in den Körper eingeschriebene Politik".

Dabei beobachtet Regula Stämpfli einen zunehmenden Druck zur körperlichen Normierung - nicht nur im weiblichen Intimbereich, sondern bei allen körperlichen Abweichungen. Das macht sie an einem sehr persönlichen Beispiel deutlich: Seit fünf Jahren werde sie vermehrt auf ihr auffälliges Muttermal im Gesicht angesprochen.

Zu den ungebetenen Ratschlägen völlig fremder Menschen ("Ach, das können Sie nun mit Laser locker wegmachen lassen!") kämen Artikel in Gesundheitszeitschriften, die vor einem erhöhten Hautkrebsrisiko bei Muttermalen warnten. "So werden Defekte kreiert", schreibt die Autorin und schlägt den Bogen von ihrem Muttermal über Zahnspangen und das Richten von Nasen bis hin zur Präimplantationsdiagnostik, wo gegenwärtige Menschenbilder schnell zum "Todesurteil mit Ultraschallbild" werden könnten – etwa bei Kindern mit Down-Syndrom.

Warnung vor einer Biodiktatur

Eindrücklich warnt Regula Stämpfli vor einer "mit finanziellen Anreizen gestalteten Biodiktatur", das heißt vor einer Welt, in der körperliche Abweichungen nicht länger geduldet werden und äußerliche Schönheit mehr wiegt als der Mensch selbst.

Doch so sehr man der Autorin inhaltlich recht geben mag, so wichtig ihr Anliegen und ihre Sorge vor einer entfesselten Biopolitik sind, fällt einem schnell Stämpflis oftmals undifferenzierter "J´accuse"-Stil auf die Nerven. Bei knalligen Sätzen wie, "Es ist zwar erst zehn Jahre her, dass die US-amerikanischen Girl-Fantasien und idiotische Topmodel-Wettbewerbe in Deutschland einzogen, doch die Macht der US-amerikanischen Prostituiertenkultur hat hierzulande ganze Arbeit geleistet", fällt es schwer, Regula Stämpflis eigenen Willen zur kritischen Analyse zu erkennen.

Es ist hilfreich, dass die Autorin das komplexe Thema Biopolitik populärwissenschaftlich und einfach verständlich aufbereitet. Doch allzu schablonenhafte Verallgemeinerungen über "die Nuttenfigur Barbie" oder den unterstellten "Wunsch zur perfekten Einheitsmöse" werden den vielfältigen Lebenswirklichkeiten von Frauen – und Männern! - im 21. Jahrhundert nicht gerecht.

Und trotzdem: Sollte es Regula Stämpfli mit ihrem leider oft undifferenzierten, dafür aber leidenschaftlichen Plädoyer gelingen, das komplexe Thema Biopolitik auf die öffentliche Agenda der Medien, allen voran von Talkshows und populären "Frauen"-Zeitschriften zu heben, kann man ihr Buch nur wärmstens empfehlen.

Besprochen von Tabea Grzeszyk

Regula Stämpfli: Die Vermessung der Frau - Von Botox, Hormonen und anderem Irrsinn
Gütersloher Verlagsgruppe, Gütersloh 2013
191 Seiten, 17,99 Euro

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