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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 16.04.2014

NordschleswigGrenzziehungen und Grenzgänge

Denkmäler und ihre Geschichte im deutsch-dänischen Grenzgebiet

Von Dietrich Mohaupt

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Idstedt-Löwe (dpa / picture alliance / Bodo Marks)
Der 150 Jahre alte Idstedt-Löwe wurde 2011 nach Flensburg zurück gebracht. (dpa / picture alliance / Bodo Marks)

Gesprengte Mahnmale, zerstörte Gedenkstätten, verschwundene Statuen: Die Grenzregion Sønderjylland-Schleswig ist reich an Gedenkstätten und Denkmälern, die an die komplizierte Geschichte erinnern.

In einer langgezogenen Spirale führt ein breiter Schotterweg auf eine eiszeitliche Erhebung bei der Gemeinde Apenrade, gut 40 Kilometer nördlich der deutsch-dänischen Grenze. Knivsberg heißt dieser Hügel, der seit Ende des 19. Jahrhunderts zu einem wichtigen Bestandteil der Geschichte der Grenzregion geworden ist. Auf dem Weg nach oben erläutert der Historiker Frank Lubowitz vom Archiv der deutschen Volksgruppe in Apenrade die Bedeutung des Knivsbergs für die deutsche Minderheit in Dänemark. Der gesamte Süden des Landes stand damals seit der dänischen Niederlage im deutsch-dänischen Krieg 1864 unter preußischer Verwaltung, bis die Bewohner 1920 in einem Volksentscheid mehrheitlich für einen Anschluss an Dänemark stimmten.

Lubowitz: "Hier wurde seit 1894 das Jahresfest der deutsch gesinnten Nordschleswiger in preußischer Zeit gefeiert. Und es wurde ein ganz besonderes Fest, nachdem Nordschleswig 1920 dänisch geworden ist - das Fest, bei dem man sich seiner Identität als deutscher Nordschleswiger versicherte, sich traf, Ehen schloss zum Beispiel und die Kinder versuchte, durch dieses Fest bei der deutschen Haltung festzuhalten."

Seit 1901 fand dieses Fest im Schatten eines mächtigen Denkmals statt. Ein wuchtiger Turm, 46 Meter hoch, mit einem Bismarck-Standbild in einer Nische in halber Höhe, beherrschte damals den Knivsberg. Allerdings stand für diese Bismarck-Statue schon bald ein Umzug an.

Lubowitz: "Dieser sieben Meter hohe Bismarck wurde 1919 schon in Voraussehung, dass die Abstimmung, die 1920 um die Zugehörigkeit Nordschleswigs stattfand, für Deutschland verloren gehen würde, abtransportiert. Sie steht jetzt seit 1930 auf dem Aschberg in der Nähe von Eckernförde."

Durch den Abtransport entging der Stein gewordene Bismarck dem Schicksal, das den Turm im Sommer 1945, nach der Befreiung Dänemarks von der Besetzung durch Nazi-Deutschland, ereilte: Mit 850 Kilogramm Sprengstoff jagten Mitglieder der Widerstandsbewegung das Symbol deutscher Obrigkeit in die Luft. Die Trümmer wurden zehn Jahre später eingeebnet und zugeschüttet, nur einige Gesteinsreste blieben übrig. Sie bilden heute eine Gedenkmauer, die ein Relief mit einer Darstellung des alten Bismarckturms trägt. Mehr Symbolik braucht es an diesem Platz auch nicht, meint Frank Lubowitz:

"Für die Generation, die unter dem Turm noch ein Knivsbergfest erlebt hat und dann nach 1945 hier zwei Jahre später das erste Knivsbergfest nach dem Krieg in den Trümmern gefeiert hat, für die war es sicherlich schon schmerzhaft - aber das hat heutzutage keine Bedeutung mehr. Also den Knivsbergturm will heute niemand mehr zurück haben, wir haben als deutsche Minderheit in Nordschleswig unsere eigenen Symbole, und die sind eher auf Verständigung ausgerichtet denn auf eine nationale Konfrontation, die dieser Bismarck ja ausdrücken würde."

Verständigung statt Konfrontation - die Denkmäler in der Grenzregion erzählen jede Menge Geschichten über den langen, mühsamen Weg zum Miteinander von Deutschen und Dänen. Nicht immer sind es große Monumente, manchmal reicht auch schon ein eher kleiner, unscheinbarer Stein am Straßenrand. Nur ein paar Kilometer westlich des Knivsbergs ist so einer zu finden: Der sogenannten Hærulfstein, ein Runenstein aus der Wikingerzeit. Zu erreichen ist er auf schmalen Landstraßen, die sich durch die hügelige Landschaft Sønderjyllands winden. Etwa mannshoch steht der Granitblock am Feldrand direkt am Ochsenweg, einem uralten Handelsweg zwischen Jütland und Hamburg. Kein Symbol des modernen Nationalstaats Dänemark, aber nationales Kulturgut - und damit willkommenes Siegeszeichen für die im 2. Schleswig-Holsteinischen Krieg siegreichen Preußen, erzählt Frank Lubowitz:

"Nach dem Krieg von 1864 war der preußische Prinz Friedrich Karl an dem Stein interessiert. Er nahm ihn sich sozusagen als Kriegsbeute mit und stellte ihn in seinem Jagdschloss Dreilinden bei Berlin auf. Dort stand er dann bis in die 1950er-Jahre und wurde dann auf Veranlassung des Berliner Oberbürgermeisters Ernst Reuter an Dänemark zurückgegeben und fand seine Aufstellung hier an seinem ursprünglichen Platz am Ochsenweg oder auf dänisch am Hærveijen."

Streit um die Doppeleichen

Rückgabe nationaler Symbole als Schritt in Richtung Versöhnung - bei so einem Stein geht das, bei anderen Denkmälern eben nicht. Sie sind aus der Landschaft getilgt, mehr oder weniger gründlich. Aber auch diese "verschwundenen" Denkmäler erzählen Geschichten - so wie die berühmten Deutschen Doppeleichen. Nach der Märzrevolution 1848 wurden diese Eichen, zwei Stämme, die aus einer gemeinsamen Wurzel wieder zu einer Krone zusammenwachen, auch im heute dänischen Nordschleswig gepflanzt - im Schleswig-Holsteinlied, der offiziellen Landeshymne, sind sie verewigt.

"Teures Land, du Doppeleiche, unter einer Krone Dach, stehe fest und nimmer weiche, wie der Feind auch dräuen mag ..."

Die deutsche Eiche, die unerschütterlich auch die Herzogtümer Schleswig und Holstein unter einer gemeinsamen Krone - nämlich der des deutschen Reiches - vereinigt und allen Feinden trotzt: Für die dänische Mehrheit in Nordschleswig war dieses urdeutsche Nationalsymbol nicht akzeptabel. Die Doppeleichen fielen deshalb überall im Land der Axt zum Opfer, erzählt die Historikerin Inge Adriansen vom Museum Schloss Sonderburg:

"Die deutschen Doppeleichen wurden weggenommen in den 1850er-Jahren, die meisten von ihnen. Dann wurden neue Doppeleichen 1898 gepflanzt hier in Nordschleswig. Aber nach 1920 wurden die meisten entfernt und die letzten 1945."

Eine Doppeleiche stand bis kurz nach Kriegsende 1945 in der Gemeinde Broacker bei Sonderburg. Ein beeindruckender Baum war das, berichtet Inge Adriansen in ihrem Buch „Denkmal und Dynamit", das sich mit dem Schicksal verschiedener Denkmäler in der deutsch-dänischen Grenzregion befasst. Ein Baum mit einer mächtigen Krone, eigentlich wie geschaffen für die Jugend im Dorf zum Klettern und Versteckspielen, aber:

"Für dänisch gesinnte Jungen oder Jungen von dänischen Familien wäre es nicht gut, sich in der Doppeleiche zu verstecken. Weil es war ja ein deutsches Symbol und man sollte nicht die Doppeleiche benutzen - auch nicht im Spielen."

Heute ist keine einzige deutsche Doppeleiche mehr in Nordschleswig zu finden, selbst die Erinnerung daran verblasst langsam. Genau wie der Erinnerungen an zwei preußische Denkmäler auf dem wohl berühmtesten Schlachtfeld des deutsch-dänischen Krieges 1864 auf den Düppeler Schanzen und der Insel Alsen. Am 18. April 1864 erstürmten preußische Soldaten nach stundenlangem Artilleriefeuer die dänischen Verteidigungsstellungen auf der Anhöhe westlich von Sonderburg - damit entschied Preußen den Krieg für sich.

Ehemaliges Schlachtfeld Düppeler Schanzen (dpa / picture alliance / Axel Heimken) Impressionen der Düppeler Schanzen, dem Ort des preußischen Sieges gegen Dänemark 1864 (dpa / picture alliance / Axel Heimken)

Als Erinnerung daran errichteten die Sieger auf den Düppeler Schanzen und bei Arnkiel auf der Insel Alsen zwei gut 20 Meter hohe Sandstein-Monumente, die nach der Volksabstimmung 1920 für wachsenden Unmut unter der dänischen Bevölkerungsmehrheit sorgten. Vorerst konnten die dänischen Behörden aber nichts gegen die Denkmäler ausrichten - man setzte aber eigene Erinnerung dagegen, berichtet Inge Adriansen:

"Man musste ja akzeptieren, dass Deutschland wünschte, dass die beiden Denkmäler sollten hier bleiben. Und deshalb hat man in den 1920er- und 30er-Jahren ungefähr 100 kleine Gedenksteine über dänische Offiziere über dem ganzen Schlachtfeld errichtet. Man versuchte die Kulturlandschaft zu 'dänisieren' - und die Kulmination dieser Dänisierung war die Sprengung der beiden Denkmäler."

Acht Tage nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, in den frühen Morgenstunden des 13. Mai 1945, zerriss eine gewaltige Explosion zunächst das Düppel-Denkmal, einen Monat später war auch das Arnkiel-Denkmal Geschichte. Die dänische Polizei ermittelte zwar - allerdings ergebnislos. Im Sommer und Herbst 1945 waren die gesprengten Überreste der Monumente noch eine große Attraktion für die Bevölkerung. Heute ist die Schanze 4 auf der Düppeler Höhe, der frühere Standplatz des Denkmals, eine kahle Kuppe, die einen herrlichen Blick über die Ostsee und die Stadt Sonderburg bietet. Keine Spur mehr von einem deutschen Denkmal - kein Stein, keine Mauerreste des Monuments, alles fein säuberlich eingeebnet, längst ist Gras darüber gewachsen. Man ging damals sogar soweit, die Trümmerreste in einer nahegelegenen Mergelgrube zu vergraben - ein Gerichtsbeschluss untersagte den damaligen und zukünftigen Besitzern der Grube, die Trümmer jemals wieder auszugraben.

Adriansen: "Man wünschte kein Martyrium für die deutsche Minderheit zu erhalten in Düppel und Arnkiel auf der Insel Alsen. Dort hat die Autorität beschlossen, wir sollen alle Spuren von der Demolierung entfernen, so dass wir alles vergessen."

Erst im Spätsommer 2006 wurde eine Hinweistafel für das hier einst vorhandene Denkmal und dessen Zerstörung aufgestellt. Gleich neben dieser Hinweistafel steht ein weiteres Symbol für die konfliktreiche deutsch-dänische Geschichte, das sich sogar zu einem echten Mythos entwickelt hat. Ein schmaler Kiesweg führt gut 100 Meter von der Düppeler Schanze zu einer alten Windmühle, die am 18. April 1914, dem 50. Jahrestag der Schlacht, eine ganz besondere Rolle spielen sollte. Dänische Patrioten hatten in der Nacht zu diesem 18. April eine Marmortafel an der Mühle befestigt, auf der in Gedichtform der dänischen Soldaten gedacht wurde. „Treue hält die Schanze noch" lautet eine Zeile dieses Gedichts - eine recht provokante Äußerung, meint der Direktor der Kulturstiftung Schleswig-Flensburg, Matthias Schartl:

"1864 war Düppel der Schauplatz eines Sieges der preußischen Truppen über Dänemark, und wenn dort plötzlich aus Reihen der dänisch gesinnten Bevölkerung eine Gedenktafel errichtet wird zur Erinnerung an die gefallenen dänischen Soldaten hier, dann war das in den Augen der Preußen sicherlich ein Dorn im Auge und aus dänischer Sicht betrachtet ein Zeichen für einen lebendigen Nationalismus."

Und den wollte die preußische Obrigkeit auf keinen Fall dulden - schließlich sollte am Jubiläumstag ein Festumzug mit Veteranen der Schlacht direkt an der Mühle vorbei zu einer Siegesfeier am Düppel-Denkmal führen. Ein preußischer Gendarm bemerkte kurz vor Beginn des Umzugs die frisch montierte Gedenktafel, erzählt Inge Adriansen:

"Es war für einen Preußen grober Unfug und man glaubte, dass die deutschen Veteranen von 1864 wurden aufgeregt, wenn sie das Gedicht gelesen hätten und deshalb wurde die Tafel sofort weggenommen."

Ein Teil des Mythos um diese Tafel basiert auf Berichten, wonach die deutschen Behörden sie nicht nur abmontierten, sondern auch zertrümmerten. Tatsächlich bewahrte jedoch die Müllerfamilie die Tafel damals sorgfältig auf und ließ sie nur fünf Jahre später, kurz vor der Volksabstimmung über die Zugehörigkeit Nordschleswigs zu Dänemark, an gleicher Stelle wieder anbringen. Bei einem Brand der Mühle 1935 wurde die Gedenktafel dann völlig zerstört, die Überreste wurden auf einer Platte wieder zusammengefügt, die heute in dem kleinen Museum an der Mühle zu sehen ist.

Triumphale Pose war eine Provokation für die Dänen

So ganz ist der Mythos von der mutwilligen Zerstörung der Gedenktafel durch die Deutschen aber noch nicht getilgt - noch immer steht er beispielhaft für die Überzeugung vieler Dänen, dass ihre nationalen Denkmäler wiederholt von Deutschen geschändet worden seien. Welchen Stellenwert und welche Symbolkraft die nationalen Gedenkstätten und Monumente in der deutsch-dänischen Grenzregion auch heute noch haben, das lässt sich besonders gut an einem Beispiel in Flensburg ablesen.

Dort, auf dem Alten Friedhof, steht seit September 2011 zwischen alten Gräbern und mächtigen Laubbäumen wieder der sogenannte Idstedt-Löwe. Wie schon vor gut 150 Jahren thront der Bronzelöwe, den Kopf triumphal emporgereckt, auf einem mächtigen Granitsockel. Eine eindrucksvolle Erscheinung, die aber trotz ihrer Gesamthöhe von mehr als sieben Metern gut in das Gesamtbild des Alten Friedhofs passt, meint Flensburgs Oberbürgermeister Simon Faber:

"Also nach meiner Einschätzung fügt er sich ganz wunderbar ein. Er ist zwar einerseits eine sehr große Skulptur, andererseits sind auch die Bäume sehr schön groß und auch von der Farbe her fügt er sich wunderbar in das Gesamtensemble ein und das ist auch mein Eindruck, dass viele ihn, gerade auch weil er eigentlich eine sehr schöne Skulptur ist, sehr schnell annehmen und er einfach auch viel Freude auslöst."

Von Freude war bei der ersten Enthüllung des Löwen 1862 allerdings vor allem bei der deutschen Bevölkerungsmehrheit in Flensburg nicht viel zu spüren. Besonders die triumphale Pose wurde als Provokation empfunden. Schließlich war das Monument damals als Erinnerung an den Sieg Dänemarks im ersten schleswig-holsteinischen Krieg über die deutsch-nationalen Truppen in der Schlacht bei Idstedt 1850 errichtet worden. Dänemark hatte sich damit die Herrschaft über das Herzogtum Schleswig gesichert.

Als dann im Februar 1864 österreichische Truppen als Verbündete Preußens in Flensburg einmarschierten und Dänemark kurz vor der Niederlage im deutsch-dänischen Krieg stand, begannen eifrige Bürger der Stadt mit der Zerstörung des Löwendenkmals. Die konnte nur durch den eiligen Abtransport der Statue nach Berlin verhindert werden, wo der Idstedt-Löwe bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs im Hof der Kadettenanstalt in Lichterfelde stand. Amerikanische Truppen brachten ihn dann im Oktober 1945 auf Bitten der dänischen Regierung nach Kopenhagen. In Dänemark hatte der Löwe als von Deutschen teilweise zerstörtes und entführtes Kulturdenkmal inzwischen einen gewissen Märtyrerstatus erlangt - als Zeichen der Befreiung vom Nationalsozialismus wurde seine Rückkehr auch von König Christian X. gefeiert:

"Ich nehme den Löwen, den Idstedt-Löwen, mit Dank an diejenigen entgegen, die ihn hierher brachten und mit Dank an diejenigen, die ihr Leben geopfert haben, damit wir frei werden konnten."

In diesem Ausschnitt aus einer dänischen Wochenschau vom 20. Oktober 1945 fehlt allerdings eine Anmerkung des Königs. Christian X. hatte über den Löwen damals auch gesagt:

"...dass, wenn die Umstände es zulassen, er wieder in Flensburg aufgestellt werden sollte, um an die Zeiten zu erinnern, die dahingegangen sind, und in Erinnerung an all diejenigen, die ihr Leben im Dreijährigen Krieg opferten."

Immer wieder wurde seither darüber gerätselt, ob der König damit vielleicht gemeint habe: wenn Flensburg eines Tages wieder dänisch ist. Ganz geklärt wurde das nie, auch heute herrscht noch Ungewissheit, betont der Flensburger Historiker Jörn-Peter Leppien:

"Ich glaube nicht, dass sich das ganz endgültig klären lässt, aber die überwiegende Auslegung dieses Spruchs ist doch die, dass die Umstände eine Beruhigung meinen und auch den Wunsch meinen, dass in Flensburg, sprich die Flensburger Ratsversammlung überwiegend ein Votum dafür abgibt, dass der Löwe nun nach Flensburg zurück kommen kann."

Der Weg dahin war aber lang und mühselig - vor allem bei den Deutschen im Grenzland war der Löwe zunächst alles andere als willkommen. Erst nachdem mit den Bonn-Kopenhagener Erklärungen von 1955 das Zusammenleben zwischen Mehrheiten und Minderheiten auf beiden Seiten der Grenze offiziell geregelt war, änderte sich auch die deutsche Haltung zum Idstedt-Löwen.

Trotzdem scheiterten in den folgenden Jahrzehnten mehrere Vorstöße zur Rückkehr des Löwen nach Flensburg an teils heftigen Protesten in der Fördestadt. Der entscheidende Schritt gelang erst 2009 dem damaligen Oberbürgermeister Klaus Tscheuschner. Ohne große öffentliche Diskussion holte er die politischen Parteien ins Boot für das gemeinsame Ziel: Rückkehr des Idstedt-Löwen.

Tscheuschner: "Es war letztlich gelungen, diese Aktion als gemeinsamen Antrag aller Ratsfraktionen sogar einzuspielen, sprich alle sieben Ratsfraktionen haben dann beantragt, diesen Löwen nach Flensburg zurückzuholen. Auf dem Weg dahin war viel Überzeugungsarbeit notwendig, aber nach und nach ist Front der Kritiker gebröckelt in dem Maß, wie man sich einfach sachlich mit dem Thema auseinander gesetzt hat. Und zum Schluss gab es nur noch eine Hürde, nämlich die Frage der Finanzen, und als dann gesagt wurde: okay, wenn die dänische Seite und Sponsoren alles zahlen, dann sind wir einverstanden - in dem Moment war das Eis gebrochen dann."

Im Zeichen von Freundschaft und Vertrauen

Einige technische Fragen galt es noch zu klären - und schließlich konnte Prinz Joachim von Dänemark am 10. September 2011 das Löwendenkmal an seinem ursprünglichen Standort auf dem Alten Flensburger Friedhof wieder enthüllen. Ein einst als Siegesdenkmal errichtetes Monument mit einer inzwischen ganz neuen Bedeutung - so sah es jedenfalls der Prinz in seiner Ansprache:

"Es ist eine Zeit mit Frieden und Freundschaft zwischen Dänen und Deutschen. Das gilt zwischen Minderheiten und Mehrheiten auf beiden Seiten als gute Nachbarn. Es ist diese Botschaft, die in einer neuen Inschrift auf dem Sockel hervorgehoben ist. Hier heißt es: 2011 wieder errichtet als Zeichen von Freundschaft und Vertrauen zwischen Dänen und Deutschen."

Schöne Worte - aber nicht ganz treffend, meint dazu Frank Lubowitz vom Archiv der deutschen Volksgruppe in Apenrade. Der Historiker hat so seine Bedenken, ob es wirklich angebracht ist, den Idstedt-Löwen einfach so zu einem dänisch-deutschen "Versöhnungsdenkmal" umzuetikettieren:

"Es ist und bleibt ein dänisches Nationaldenkmal, dessen Qualität als Versöhnungsdenkmal sich erst erweisen muss. Das zweite Bedenken ist, dass auf dänischer Seite ein Versuch, ebenfalls ein Versöhnungsdenkmal in Form eines modernen Denkmals auf Düppel aufzustellen, auf sehr starke Kritik gestoßen ist und dann auf Grund dieser Kritik dann auch zurückgezogen worden ist. Und insofern fehlt mir da etwas die Gegenseitigkeit bei dieser doch sehr wichtigen Symbolik."

Genau diese Gegenseitigkeit, die müsse eben noch weiter wachsen, betont die schleswig-holsteinische Europaministerin Anke Spoorendonk. Sie hat die Rückkehr des Idstedt-Löwen nach Flensburg vor zwei Jahren als Abgeordnete des Südschleswigschen Wählerverbandes SSW, der Partei der dänischen Minderheit im schleswig-holsteinischen Landtag, erlebt. Für die Ministerin war das ein Teil des Versöhnungsprozesses zwischen Deutschen und Dänen, der noch längst nicht abgeschlossen ist - und zu dem auch gehört, dass es offenbar manch einem immer noch schwer fällt, den Idstedt-Löwen nicht mehr als triumphales Siegesmonument der Dänen zu betrachten.

Spoorendonk: "Ich kann das ja auch respektieren, dass die das so sehen. Aber gleichwohl ist es bemerkenswert, dass diesmal diese Diskussionen so nicht stattgefunden haben. Wichtig ist, dass man diskutiert, wie mit nationalen Monumenten umgegangen werden sollte, und dass die Botschaft, die auf dem neuen Sockel steht, dass die dann auch mit Leben erfüllt wird."

Ein Zusammenleben als gute Nachbarn, in Freundschaft und Vertrauen - nach den letzten 160 Jahren einer konfliktreichen gemeinsamen Vergangenheit sind Deutsche und Dänen auf einem guten Weg dahin. Ein Zeichen dafür ist auch die Rückkehr des Idstedt-Löwen auf den Alten Friedhof in Flensburg. Sie wurde eben nicht mehr in erster Linie unter dem Gesichtspunkt kritischer Distanz zu nationalen Symbolen des vermeintlichen historischen Gegners diskutiert, sondern sie zeigt, dass die Mehrheit der Bewohner der Grenzregion inzwischen bereit ist, ihre gemeinsame Geschichte - und auch die damit verbundenen Symbole der jeweils "anderen Seite" - zu akzeptieren.

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