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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 04.12.2015

Nordfriisk Instituut"Frasch wan we weese" - "Friesisch wollen wir sein"

Von Dietrich Mohaupt

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Außenansicht des Nordfriiks Instituut in Bredstedt – eine ehemalige Volksschule, jetzt Sitz des Instituts (Thomas Steensen)
Außenansicht des Nordfriiks Instituut in Bredstedt – eine ehemalige Volksschule, jetzt Sitz des Instituts (Thomas Steensen)

Es gibt nicht mehr viele aktive Friesisch-Sprecher. Doch in Nordfriesland stemmt man sich gegen das Vergessen: Das Nordfriisk Instituut versucht, Geschichte, Kultur und Sprache der Friesen zu sammeln und zu katalogisieren. Die wichtigste Aufgabe: Junge Menschen für das Friesische zu begeistern.

Einen Sack Flöhe zu hüten ist vermutlich einfacher, als für Ruhe zu sorgen in der 2. Klasse der Grundschule in Risum-Lindholm, mitten im tiefsten Nordfriesland, nur ein paar Kilometer südlich der Grenze zu Dänemark. Aber Schulleiter Gerd Vahder weiß genau, wie er die Kinder bändigen kann: Gleich soll noch ein Theaterstück weiter geübt werden, kündigt er an – und es wird gesungen, das Lieblingslied der Kinder "Friesisch wollen wir sein", und zwar auf Friesisch, na klar!

"We wan üüs frasch stuk ööwe, än ik wal ma jam uk nuch di schung "Frasch wan we weese" schunge – än deertu teel ik bit trii."

(Wir wollen unser friesisches Stück üben und wir wollen auch noch "Friesisch wollen wir sein" singen – und dazu zähle ich bis drei)

"Friesisch wollen wir sein, wir Alten und Jungen, Friesisch wollen wir reden, Friesisch wollen wir singen ... und wenn's auch nicht mehr Mode ist, wir bleiben Friesisch, das ist ganz gewiss! Das ist für mich schon so ein Glaubensbekenntnis, dass die Kinder wissen: Sie sind was Besonderes. Das ist so ein Alleinstellungsmerkmal, denn hier in Risum-Lindholm wird Friesisch ja noch von der ersten bis zur vierten Klasse durchgängig mit allen Kindern unterrichtet – und die Kinder haben sichtlich Spaß dabei."

Friesisch wollen wir sein in weiten Teilen Nordfrieslands – auf dem Festland, aber vor allem auch auf den Inseln – ist dieser Gedanke, diese Lebenseinstellung wirklich tief verwurzelt. Und zu spüren ist das ganz besonders am immer noch alltäglichen Gebrauch der Sprache. Sie ist eben so etwas wie eine große Klammer, die eine ganze Kultur zusammen hält, betont einer, der es wissen muss.

"Die friesische Sprache ist wohl das wichtigste Identitätsmerkmal der Friesen – aber, es gibt natürlich auch noch mehr. Es gibt auch durchaus Menschen, die sich als Friesen fühlen, ohne dass sie nun Friesisch sprechen, es gehört natürlich die Geschichte dazu, es gehört die Kultur dazu... Sprache also nicht das einzige, aber ich würde sagen: Ohne die friesische Sprache gäbe es dieses Institut wohl nicht."

Zum Teil die ersten Beiträge zur nordfriesischen Identität überhaupt

Mit "dieses Institut" meint Thomas Steensen das Nordfriisk Instituut in der Kleinstadt Bredstedt, ein paar Kilometer nördlich von Husum. Der gelernte Journalist und Historiker ist Direktor des Instituts, das in den vergangen 50 Jahren zu einer unverzichtbaren Anlaufstelle für alle geworden ist, die – so formuliert es Thomas Steensen – sich für nordfriesische Themen interessieren und denen "friesische Belange" ein Anliegen sind.

"Aufgabe des Nordfriisk Instituut ist es, Bemühungen um die friesische Sprache, um friesische Geschichte und Kultur wissenschaftlich zu begleiten."

In den vergangenen fünf Jahrzehnten hat das Nordfriisk Instituut zahlreiche Grundlagenwerke produziert – zum Teil erstmals wirklich wissenschaftlich aufgearbeitete Beiträge zur nordfriesischen Identität.

"Beispielsweise gab es 1818 den ersten Plan, doch endlich mal eine Gesamtdarstellung der nordfriesischen Geschichte zu verfassen und dann herauszugeben. Dieser Plan konnte nie verwirklicht werden – weil eben auch hauptamtliche Strukturen fehlten. Die sind dann hier geschaffen worden, und so konnten wir – das ist, meine ich, ein besonderer Erfolg auch dieses Instituts – 1995 die erste umfassende Gesamtdarstellung zur Geschichte Nordfrieslands herausgeben."

Auch für die nordfriesische Sprache hat das Institut in Bredstedt unverzichtbare Arbeit geleistet, zum Beispiel mit der Entwicklung moderner Sprachkurse, für die im wahrsten Sinne des Wortes erst einmal Grundlagen geschaffen werden mussten.

"Wir dürfen ja nicht vergessen: All das, was für andere selbstverständlich ist – dass man eine Grammatik hat, dass man einen Duden hat und so weiter – das muss für die kleine friesische Sprache – es ist eine kleine, aber eben eine eigenständige Sprache – eben alles erst entwickelt werden. Und solche Grundlagenwerke zu schaffen, das hat uns sehr viel Zeit und Mühe gekostet."

Toleranz ist eines der wichtigsten Dinge

Die Wurzeln für diese Grundlagenarbeit des Instituts liegen weit zurück in den Jahren direkt nach dem Zweiten Weltkrieg. Diese Jahre waren im Norden Schleswig-Holsteins stark geprägt von den Nachwehen der deutsch-dänischen Gegensätze im alten dänischen Herzogtum Schleswig und der kriegerischen Auseinandersetzungen in den Jahren 1848 bis 51 und 1864. Auch für die Nordfriesen hatte dieser Konflikt gravierende Auswirkungen, betont Thomas Steensen.

"Der deutsch-dänische Konflikt geht ja auf das 19. Jahrhundert zurück. Für die Nordfriesen ist er – man kann fast sagen ein tragisches Grundproblem. Denn in diesem übermächtigen Gegensatz war es enorm schwierig eigene friesische Position dann einzunehmen."

In dieser Zeit zerfiel die friesische Bewegung in zwei Teilorganisationen, eine mit eher regionalfriesischen Positionen mit starken Bindungen nach Schleswig-Holstein und eine zweite nationalfriesische, die auf eine friesische Eigenständigkeit als anerkannte Minderheit setzte und mit Dänemark kooperierte. Dieser Gegensatz eskalierte noch einmal nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und damit auch dem Ende der deutschen Besatzungsherrschaft über Dänemark. Er brachte aber auch ein Umdenken.

"Da hat es einzelne Nordfriesen gegeben, die gesagt haben: Wir wollen jetzt unser eigenes Anliegen betreiben und wollen versuchen, für die friesische Sprache und Kultur zu arbeiten. Und das kann man inmitten dieses Grenzkampfes nur, indem man sich neutral verhält und indem man die wissenschaftliche Objektivität zum Maßstab nimmt."

Aus diesem Grundgedanken heraus wurde 1948 der "Verein Nordfriesisches Institut" gegründet, das eigentliche Institut allerdings wurde erst 1965 als "Nordfriisk Instituut" offiziell eröffnet, in Bredstedt, ziemlich genau in der geographischen Mitte des Kreises Nordfriesland. Eine der engagiertesten Unterstützerinnen des Instituts war damals schon Marie Tångeberg. Geboren und aufgewachsen im Marienkoog, so ziemlich in der nordwestlichsten Ecke Nordfrieslands, hatte die heute 91-Jährige von Anfang an klare Vorstellungen von den Aufgaben des "Instituts der Nordfriesen".

"Ich gehöre zu den einfachen Friesen, die aus den Kögen kommen und ich bin Lehrerin geworden. Und ich übernahm damit auch Verantwortung für Kinder und für die Geschichte, und das Institut sollte die kulturelle Anlaufstelle für uns sein – was man so 'Feinkultur' nennt, damit meine ich Buch und Wissen und Forschung. Also das Institut war für uns eine wunderbare Brücke hinaus in die Welt und aber auch eine Brücke, auf der die Welt zu uns kommen konnte."

Ein typisches Friesenhaus auf Sylt (Weddingstedt Braderup) mit der friesischen Fahne daneben (Thomas Steensen)Ein typisches Friesenhaus auf Sylt (Weddingstedt Braderup) mit der friesischen Fahne daneben (Thomas Steensen)

Neben der Förderung der friesischen Sprache stand für Marie Tångeberg immer auch die wissenschaftliche Erforschung und Dokumentation des nordfriesischen Lebens, der Identität der Nordfriesen im Vordergrund. Das Wissen über die eignen Wurzeln – gerade für ein so kleines Volk, eine Minderheit, ein ganz wichtiger Aspekt, betont sie.

"Vor allem unsere Geschichte war uns wichtig. Die Geschichte ist ja, wir erfuhren sie zum Teil auch per Buch, und sie wurde erzählt – aber wir wollten sie ausgebaut wissen per Buch, per Schrift, damit sie verbreitet werden konnte. Damit die Friesen auch eine ausgebaute Identität bekommen konnten. Nicht nur dass sie wissen: Auch wir sind Friesen, wir leben auf dem Hof, wir haben Land, wir sind gute Bauern, wir sind wunderbare Seeleute – aber wir haben auch noch anderes, wir haben eine Geschichte, und ohne Geschichte verliert ein Volk ja allmählich das Bewusstsein, was es ist."

Angefangen hat das Nordfriisk Instituut in drei Räumen eines Wohnhauses in Bredstedt, heute ist es zu einem respektablen Institut in einer ehemaligen Volksschule geworden. Wo früher Deutsch – natürlich vorzugsweise Hochdeutsch – dominierte, da sind heute aus fast jedem Büro lebhafte Gespräche auf Friesisch zu hören. Und doch ist jeder des Friesischen nicht mächtige ebenso willkommen, betont Inken Völpel-Krohn. Sie ist Vorsitzende des Vereins, der noch heute Träger des Instituts ist. Wissenschaftliche Objektivität, national- und parteipolitische Neutralität, und vor allem Toleranz – das sind für sie bis heute die Eckpfeiler der Institutsarbeit, damit hat es sich nicht nur im eigenen Land einen guten Ruf erworben.

"Also – das Institut ist auch international anerkannt. Und interessant ist eben, dass diese amerikanische Institution, Smithsonian Institution for Folklife and Cultural Heritage, sich auch für unsere Arbeit interessiert – wir sind also bekannt über die Grenzen hinaus. Vor allem weil wir neutral sind – diese Neutralität garantiert, dass man nicht voreilig Schlüsse zieht und Urteile fällt, und das ist eigentlich das oberste Gebot für Toleranz."

Hauptgeldgeber ist das Land Schleswig-Holstein

Das alles hat natürlich seinen Preis – das Nordfriisk Instituut hat eigene Einnahmen, weil es als Verlag regelmäßig wissenschaftliche Arbeiten und Sachbücher veröffentlicht. Das reicht aber nicht, um die Arbeit von derzeit 13 im Haus beschäftigten Kolleginnen und Kollegen zu finanzieren, betont Institutsdirektor Thomas Steensen.

"Hauptgeldgeber ist das Land Schleswig-Holstein mit jetzt 360.000 Euro. Der Kreis Nordfriesland hält die Arbeit für die friesische Sprache und Kultur für wichtig und gibt deswegen 56.000 Euro, und erfreulicherweise hat auch die dänische Minderheit das Nordfriisk Instituut von Anfang an mit unterstützt – zur Zeit sind es etwa 26.000 Euro, die wir vom Südschleswigschen Verein erhalten."

Erstmals in seiner 50-jährigen Geschichte kann sich das Institut seit ein paar Monaten auch einen hauptamtlichen Bibliothekar leisten – Harald Wolbersen ist Herr über geschätzt rund 20.000 Bücher und Zeitschriften, so genau weiß er das gar nicht, weil der Bestand über die Jahrzehnte nicht sonderlich exakt erfasst wurde. Gerade fertig geworden ist der neue, öffentlich zugängliche Leseraum der Bibliothek im Erdgeschoss des Instituts, ein großer, heller Raum mit langen Regalen voller Bücher und Zeitschriften an den Wänden. Hier befindet sich auch das Zeitungsarchiv, abgeheftet ganz simpel in Leitzordnern.

"Da haben wir dann über die 50 Jahre Zeitungen ausgewertet, die relevant sind für Nordfriesland, und dann die entsprechenden Artikel ganz einfach ausgeschnitten, deklariert – wo gehören die hin in der Systematik – und dann entsprechend abgeheftet. Und das ist ein ganz wichtiger Fundus! Wir hatten neulich eine Doktorandin im Haus, die über die Bürgerwindparks geforscht hat, und da gibt es nicht so richtig Literatur darüber. Ok, was macht man dann – man geht ran an diese Zeitungsausschnittsammlung und sucht sich den Ordner mit Windkraftanlagen/alternative Energien raus und findet dann – bis zurück in die 70er Jahre – Artikel zu den Bewegungen Windkraftanlagen pro und contra usw."

Ein Schatz der Bibliothek des Nordfriisk Instituut – die wahren Kostbarkeiten sind allerdings in dem ebenfalls ganz neuen Magazinkeller untergebracht. Hinter einer dicken Stahltür lagern in einem klimatisierten Raum alte Fotos, Dias, CDs, Filme und Videobänder, vor allem aber natürlich jede Menge Zeitschriften und Bücher, von ganz neu bis ganz alt. Der Raum ist vollgestellt mit schweren Rollregalen, trotzdem muss das Institut beim Ankauf der Bücher genau abwägen, betont Harald Wolbersen.

"Es befindet sich hier der Kern für die nordfriesische Kultur sozusagen. Das beinhaltet das Schrifttum zu Nordfriesland, nordfriesische Sprache, aber auch angrenzend Ostfriesland, Westfriesland und Regional- und Landeskunde Schleswig-Holsteins. Wir versuchen uns darauf zu beschränken, wirklich die Kernpublikationen, die wirklich auch eindeutig ausweisbar sind für das Nordfriesische, zu sammeln."

Immer wieder kostbare Originaldokumente aus Nachlässen

Noch ist Platz im Archiv des Nordfriisk Instituut, aber die Regale sind irgendwann auch mal voll. Bis dahin hat Harald Wolbersen aber noch genug Zeit, sich auch mit den Nachlässen zu beschäftigen, die das Institut immer wieder erhält. Zum Teil sind sie noch gar nicht richtig erfasst, nur oberflächlich katalogisiert und dokumentiert. Dabei schlummern gerade in diesen Nachlässen häufig echte Perlen. Harald Wolbersen öffnet vorsichtig eine Archivbox.

"Hier haben wir den Nachlass einer Person: Axel Noack, Professor Axel Noack aus Ringe, anscheinend Sprachwissenschaftler. Und wir haben Manuskripte, Bücher, über die friesische Sprache erhalten. Hier haben wir ein kleines Heft, da steht 'Frisisk 1 / Frisisk 2'. Sachen hat er da exzerpiert aus anderen Werken, aber auch teilweise eigene Notizen gemacht. Für die Sprachforschung des Nordfriesischen natürlich sehr, sehr wichtig."

Und auch für die Erforschung der Kultur und Geschichte Nordfrieslands finden sich in den Nachlässen immer wieder kostbare Originaldokumente. Eines der ältesten Bücher im Bestand des Instituts stammt aus dem 17. Jahrhundert.

"Also da haben wir dann hier z.B. das Nordstrander Landrecht, das eben aus dem Jahr 1670 stammt. Und das ist natürlich auch eine ganz besondere Quelle – es gibt ja in Nordfriesland Bereiche, die eigene Rechtsvorschriften hatten lange Zeit in der frühen Neuzeit, und hier haben wir eben so ein Werk, das genau dieses Recht auszeichnet."

Zwei Friesinnen zeigen stolz das zweisprachige Schild am Finanzamt in Husum (Thomas Steensen)Zwei Friesinnen zeigen stolz das zweisprachige Schild am Finanzamt in Husum (Thomas Steensen)

Aus den Tiefen der nordfriesischen Geschichte, und damit aus dem Keller des Nordfriisk Instituut, wieder zurück in die Gegenwart. Und zu der gehört auch, dass der Chef des Ganzen, Thomas Steensen, regelmäßig nach Flensburg reist, um dort an der Europa-Universität Friesisch zu lehren. Schon kurz nach der Gründung des Instituts in Bredstedt begann die Zusammenarbeit mit der damaligen Pädagogischen Hochschule in Flensburg. Heute ist das Nordfriisk Instituut ein sogenanntes An-Institut der Uni. Schwerpunkt ist dabei die Lehrerausbildung. Die Förderung der friesischen Sprache an den Schulen steckt seit Jahren in Schwierigkeiten, es fehlt an entsprechend ausgebildeten Lehrkräften, erläutert Thomas Steensen.

"Vor allem für die Grundschulen ist diese Universität wichtig, was das Friesische angeht. Das heißt, die Studierenden haben die Möglichkeit, im Rahmen ihres Deutsch-Studiums den Schwerpunkt Friesisch zu wählen, und im Master-Studium können sie dann – nach dem Bachelor-Abschluss also – ein Zertifikat erwerben mit mehreren Modulen, um dann die Befähigung zu haben, an der Schule Friesisch zu unterrichten."

Bevor das geht heißt es allerdings für die meisten Studierenden erst einmal selber Friesisch büffeln. Nur wenige stammen aus der Region und sprechen Friesisch als Muttersprache. Im Einführungskurs bei Thomas Steensen müssen sie sich langsam mit einer völlig fremden Sprache vertraut machen. An der Tafel stehen ein paar Sätze auf Friesisch – es geht unter anderem um die Einrichtung des Seminarraums, in dem viele Stühle und acht Tische stehen. Thomas Steensen liest den ganzen Satz vor und fragt nach einem Schreibfehler, der sich an der Tafel eingeschlichen hat. Wer sieht, wo der Fehler ist?

Steensen: "Heer stönje manning stoule än oocht scheewe. Huum schut, weer die fäigle as? Weer as it ferkiird?"

Student: "Maning mit einem 'n'!"

Steensen: "Jüst! Maning bloots ma iinj 'n' – et jeeft niinj dööwelte konsonante. Ja? Åltens blots ån konsonant schriwe."

Maning – viele – wird nur mit einem "n" geschrieben, es gibt im Friesischen keine doppelten Konsonanten. Immer nur einen Konsonanten schreiben! Wer geglaubt hat, Friesisch mal eben so nebenbei an der Uni lernen zu können, der muss schnell einsehen, dass er sich gewaltig geirrt hat. Friesisch ist eine eigenständige Sprache – mit vielen Anlehnungen ans Englische zwar, aber eben doch eigenständig. Da hilft nur üben, üben, üben ...

"Ik ban Mumme üt Nordfraschlönj - Ich bin Mumme aus Nordfriesland / Gut / Min ålernehüs lait tacht ääder e dik - Mein Elternhaus liegt direkt hinter dem Deich / Genau – liegt dicht hinter dem Deich / Üüsen tååge as ma räide teeked -... Ich habe keine Ahnung! / Üüsen ist die männliche Form des Possessivpronomens üüs, heißt unser, und tååge ist Dach, unser Dach ... / ist mit Reet vielleicht irgendwie bedeckt? / Genau – ist mit Reet gedeckt."

Lehrerausbildung bildet eine wesentliche Säule

Andere sind schon viel weiter. Miriam Doka zum Beispiel hat als "Nicht-Muttersprachlerin" quasi von Null angefangen, den Einführungskurs hat sie längst hinter sich. Sie bereitet sich gerade auf ihr Friesisch-Zertifikat in Flensburg vor. Und anschließend will sie auf jeden Fall im hohen Norden bleiben.

"Ich komme ursprünglich aus Rheinland-Pfalz, bin in Mainz geboren. Ich habe, weil ich es einfach unglaublich schön fand und ich mich da so hingezogen fühlte und ich mich zu Hause gar nicht so identifizieren konnte, bin ich nach Kiel gegangen und habe da studiert, meinen Bachelor in Frisistik gemacht. Habe es lieben gelernt und bin dann hierher gekommen und dann auch noch Lehrerin zu werden. Ich arbeite auch schon im Master-Zertifikat hier an der Uni und bin da schon fast durch – und das ist auf jeden Fall, wahrscheinlich nach Risum-Lindholm dann oder in die anderen kleinen Schulchen, die es da noch gibt."

Gerd Vahder hört das sicher gerne. Der Leiter der Grundschule in Risum-Lindholm weiß genau, wie wichtig das Nordfriisk Instituut für den Erhalt und die Förderung der friesischen Sprache an den Schulen in Nordfriesland ist. Die Lehrerausbildung ist dafür eine ganz wesentliche Säule – aber das Institut in Bredstedt ist noch mehr, es ist ein echter Partner der Schulen, betont er.

"Das Institut arbeitet an Unterrichtsmaterialien, die der Schule zur Verfügung gestellt werden, das Institut ist Ratgeber für uns wenn wir Quellen suchen, wenn wir Materialien suchen, und das Institut war auch daran beteiligt, dass der Leitfaden – das ist ein Lehrplan für den Friesisch-Unterricht – dass der wissenschaftlich fundiert aufgebaut wird."

"Friesisch ist richtig spannend"

Zu diesem Leitfaden gehört auch, dass die Kinder möglichst spielerisch in der Schule mit der friesischen Sprache umgehen sollen. Gerd Vahder hat sich deshalb zum Abschluss der Unterrichtsstunde in der zweiten Klasse einen kleinen Vokabel-Wettkampf ausgedacht. Die Regeln sind ganz einfach: zwei Gruppen mit jeweils 5 Kindern, es geht um Tempo und Punkte für die richtige Antwort.

Er ruft den Kindern friesische Wörter zu, die sie übersetzen. Den Kindern macht es offensichtlich Spaß – und das ist ganz wichtig, wenn es gelingen soll, die friesische Sprache weiter im Alltag der Menschen in Nordfriesland zu verankern. In den vergangenen 50 Jahren hat das Nordfriisk Instituut in Bredstedt dazu schon eine ganze Menge beitragen können. Sogar auf mich hat der Besuch im Institut, die Gespräche mit den Beteiligten, eine fast unwiderstehliche Anziehungskraft ausgeübt – Friesisch ist richtig spannend. Für den Institutsdirektor ist das aber noch lange kein Grund, sich entspannt zurück zu lehnen, im Gegenteil. Es werde wohl immer eine Herausforderung bleiben, diese kleine Sprache und damit auch die Kultur und Lebensweise der Nordfriesen weiter zu erhalten und zu fördern. Er habe sich jedenfalls noch einiges vorgenommen, betont Thomas Steensen, vor allem mit Blick auf die Schulen.

"Der friesische Schulunterricht ist im Augenblick noch sehr auf die Grundschulen beschränkt, und wir wollen natürlich, dass an den weiterführenden Schulen Friesisch ebenfalls stärker noch angeboten wird. Bisher gibt es so eine kleine Oase auf der Insel Föhr – da kann man auch auf Friesisch Abitur machen – und das soll natürlich weiter ausgebaut werden. Und ich denke im Friesischen gibt es so viel, was Forschung und Lehre angeht, dass auch die nächsten 50 Jahre die Nachfolger, die dann hier tätig sind, keinerlei Langeweile haben werden."

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