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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 17.12.2018

Norddeutschlands Landwirte am Ende des Dürrejahres"Wir hoffen, dass noch mal ’ne Regenperiode kommt"

Von Johannes Kulms

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Eigentlich sind die Weiden auf dem Hof der Rieckerts nahe Kiel satt grün. Doch seit Monaten herrscht hier Dürre und die Kühe finden kein Futter mehr. (Deutschlandradio / Johannes Kulms)
Eigentlich sind die Weiden auf dem Hof der Rieckens nahe Kiel satt grün: Im Dürrejahr 2018 war das anders. (Deutschlandradio / Johannes Kulms)

Das Jahr war trocken. Sehr trocken. Ein Hilfsprogramm von Bund und Ländern soll Verdienstausfälle der Bauern ausgleichen. Die sind teils erheblich - wie bei einem Biobauern-Paar in Schleswig-Holstein. Nicht nur die Weihnachtsgeschenke fallen hier kleiner aus.

Es ist gemütlich im Wohnzimmer der Rieckens. In der Ecke bollert der Ofen, davor döst eine Katze. Kherstin und Bert Riecken sitzen versunken in ihren Sesseln.

Hinter den beiden Bio-Landwirten liegt ein katastrophales Jahr. Ein Jahr, das sie dazu zwingen könnte, schon sehr bald kürzer zu treten.

Bert Riecken: "Die Geschenke fallen kleiner aus. Du überlegst dir, was du einkaufst. Du fährst einmal weniger in Urlaub. Du kaufst dir ’n kleineres Auto. Du kaufst dir vielleicht ’n gebrauchtes Auto. Also, wenn man will kann jeder die Hälfte seiner Privatausgaben senken".

An einem heißen Tag in diesem Sommer 2018 will mir Bert Riecken seine Weideflächen zeigen.

Der Hof der Familie liegt 15 Kilometer südlich von Kiel, in einer wunderschönen sanft-hügeligen Umgebung. Bloß: Ende Juli ist das Gras vollkommen verdorrt. Die Weiden ähneln eher einem staubigen Bolzplatz.

"Diese Dürre ist einzigartig. Also, ich finde, vielleicht erlebt man das einmal in 100 Jahren. Also, das ist ein Ausmaß was unglaublich ist. 3,5 Monate kein Regen. Und das in einer gemäßigten Region wo wir in Abständen immer sichere Regenfälle haben. Ich finde das bedrohlich. Und das sorgt auch für schlaflose Nächte, das lässt einen nicht mehr ruhig bleiben. Da geht man ja abends mit ins Bett mit diesen Sorgen. Die eigenen Sorgen sind eigentlich nicht so groß, aber wenn man die Rinder sieht, ist das schwer zu ertragen."

Bei Dürre geben die Kühe weniger Milch

Bert Riecken und seine Frau Kherstin sind Milchbauern. Erst wenige Monate zuvor haben sie die Umstellung zum Biobetrieb abgeschlossen. Und jetzt diese Dürre! 

Wegen der Hitze und der leeren Weide stehen die Milchkühe an diesem Nachmittag im Stall. Sie kriegen Futter – aber in geringeren Mengen und in anderer Qualität als das, was die Tiere sonst auf der Weide finden würden. Wegen der Futterknappheit gehen die Rieckens bereits jetzt Ende Juli an die Reserven, die eigentlich für den Winter vorgesehen sind. Auch das Stroh, das sie noch extra dazukaufen, kann nicht verhindern, dass die Kühe in diesem Dürresommer weniger Milch geben. Damit sinken auch die Umsätze.

"Wir erzeugen jetzt mit diesem schwächeren Futter 20 Liter pro Kuh und Tag und wollen eigentlich 26 Liter pro Kuh und Tag."

Zwölf ihrer 70 Tiere mussten sie wegen der Futterknappheit bereits vorzeitig schlachten lassen. Für die Rieckens bedeutet das einen Schlag ins Kontor. Doch das Landwirtepaar gibt sich kämpferisch. Dabei hilft Kherstin und Bert Riecken auch ihr Glaube.

Bert und Kherstin Riecken auf ihrem Hof in Großbarkau (Deutschlandradio / Johannes Kulms)Bert und Kherstin Riecken auf ihrem Hof in Großbarkau (Deutschlandradio / Johannes Kulms)
Kherstin Riecken: "Wir sind gottesfürchtig auf jeden Fall. Ich finde schon, es hat biblische Ausmaße also für unseren Betrieb auf jeden Fall. Und schauen wir mal – wie Gott uns weiterträgt. (…) Schon seit Wochen beten wir für Regen. Hat noch nicht ganz funktioniert. ’N Regentanz haben wir auch schon probiert. Na ja, es ist bitter, es ist echt bitter."

Möglichen staatlichen Hilfen für ihren Hof stehen die Rieckens zu diesem Zeitpunkt trotzdem eher skeptisch gegenüber. Viel wichtiger sei doch, dass die Politik sich endlich mal für vernünftige Preise für die landwirtschaftlichen Produkte einsetzt, findet Kherstin Riecken.

Auch Bernhard von Bodelschwingh sieht das ähnlich. Sein Hof liegt eine dreiviertel Stunde Autofahrt von den Rieckens entfernt. Hier, in der Nähe von Neumünster, betreibt Bernhard von Bodelschwingh auf 200 Hektar Milchviehwirtschaft und Ackerbau.

Von Bodelschwingh: "Ich bin sonst nicht so der Freund auf staatliche Hilfen immer zu pochen. Na ja, wir sind unternehmerisch tätig und wir müssen irgendwie uns so verändern, dass wir das hinbekommen, auch ohne die staatlichen Hilfen."

Dass die Politik aber zu diesem Zeitpunkt Hilfen für die Landwirte prüft, findet von Bodelschwingh grundsätzlich gut. Seit Monaten lässt der 51-Jährige einen Teil seiner Felder künstlich beregnen. Davon zeugen schwere Wasserleitungen, die über dem Boden verlaufen. Sie tragen zumindest ein wenig dazu bei, dass der Betrieb zu diesem Zeitpunkt nicht in seiner Existenz bedroht ist. Noch nicht.

Hoffen auf eine Regenperiode

Von Bodelschwingh: "Es wird sich zeigen, in den nächsten Wochen wie die Situation ist. Und das hoffen wir einfach, dass jetzt noch mal ’ne Regenperiode kommt wo wir für das Futter und die Saat noch mal die Chance kriegen, dass da Zuwachs ist."

Doch erstmal gibt es einen Geldregen. Nach wochenlangen Trommeln des Bauernverbands verkündet Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner am 22. August: es wird Geld geben! Insgesamt 340 Millionen Euro sollen an die Bauern ausgezahlt werden, deren Existenzen durch die Dürre bedroht ist. Finanziert zur Hälfte vom Bund und von den Ländern.

Klöckner: "Wir werden die Betriebe nicht im Regen stehen lassen."

Knappe vier Monate später sitzt Bernhard von Bodelschwingh in seinem Wohnzimmer und sieht hinterm Fenster schönstes norddeutsches Schmuddelwetter:

Von Bodelschwingh: "Normalerweise nervt es ja, wenn es immer nur feucht und windig und eigentlich scheußlich ist. Zurzeit freuen wir uns und genießen das, ja."

Mit der Rückkehr des Regens im Herbst hat sich bei von Bodelschwingh und seiner Familie die Anspannung etwas gelockert. Trotzdem wiegen die Ernteverluste des Jahres 2018 schwer: 30 Prozent beim Getreide, 30 bis 40 Prozent beim Kartoffelanbau und fast 50 Prozent weniger Gras, mit dem von Bodelschwingh seine Kühe füttert. 10 der 110 Tiere hat er vorsichtshalber schlachten lassen.

Er kenne zwar keinen Landwirt, der wegen der Dürre aufgegeben habe. Aber mehrere Betriebe, die eine Dürrehilfe beantragt haben. Auch Bernhard von Bodelschwingh hat überlegt.

Von Bodelschwingh: "Aber es trifft bei uns nicht zu. Also, wir haben nicht so diese großen Nöte, weil wir eben auch eben auch im Marktfruchtbereich noch am Start sind und dort eben Geld verdienen können. Und dadurch können wir eben auch ’n bisschen die Milchviehhaltung subventionieren."

Dass sein Betrieb nun alleine mit einem Umsatzrückgang von 20 Prozent klarkommen muss, findet er in Ordnung. Immerhin: Die Ernterückgänge bei Getreide und Kartoffeln haben die Güter verknappt und die Preise gleichzeitig ansteigen lassen.

Nach dem Regen im Herbst zeigt sich der Schleswig-Holsteinische Bauernverband zufrieden mit den Aussaatbedingungen für Wintergetreide und Raps.

Verteilung der Hilfen nicht "mit der Gießkanne"

Kritik übt die Landwirtschafts-Lobby dagegen an den Bedingungen für die Dürrehilfen. Das Prozedere sei zu kompliziert, es gebe zu viele Ausschlusskriterien und es dauere zu lang, bis die Gelder auch bei den betroffenen Landwirten ankämen.

Albrecht: "Niemand soll da ausgeschlossen werden. Aber es muss eben nach Kriterien gehen, die nicht wir festlegen, sondern die auch der Bundesrechnungshof und die EU-Kommission sehen beim Beihilferecht, das können wir nicht einfach brechen."

Stellt Schleswig-Holsteins grüner Landwirtschaftsminister Jan-Philipp Albrecht klar.

Albrecht: "Und es ist auch im Sinne der Bürgerinnen und Bürger, die als Steuerzahler am Ende dieses Geld für die Hilfen zahlen, die wollen auch sehen, dass das nicht einfach mit der Gießkanne raus geschüttet wird, sondern denen zugutekommt, die tatsächlich einen beträchtlichen existenziellen Schaden zu verzeichnen haben."

Von den rund 12.000 Landwirten in Schleswig-Holstein haben etwa 1.000 einen Antrag auf Dürrehilfe gestellt. Unter ihnen sind auch Bio-Milchbauern Bert und Kherstin Riecken.

Riecken: "Die Situation hat sich so dramatisch verschlechtert bei uns, dass wir gesagt haben: Wir sind drauf angewiesen. Also haben wir den Antrag gestellt."

37 Prozent weniger Erträge müssen die Bio-Milchbauern in diesem Jahr stemmen. Das Ehepaar kämpft mit einem finanziellen Loch von etwa 100.000 Euro. Würde der Antrag auf Dürrehilfe bewilligt, könnten sie 40.000 oder sogar 60.000 Euro erhalten. Dieses Geld müssten sie nicht zurückzahlen…

Riecken: "Wir können uns ja nicht auf die Politik verlassen oder immer warten. Das war nie unser Ding. Bloß wenn das einmal in 30 Jahren richtig zur Sache geht und `n Familienbetrieb dann auch gefährdet ist, dann hätten wir uns `n bisschen mehr flexiblere Politik gerade mit der Dürrehilfe gewünscht."

Zwar haben sie noch keine offizielle Antwort erhalten. Doch die Rieckens gehen davon aus, dass ihr Antrag auf Dürrehilfe abgelehnt wird. Denn unter den sieben K.o.-Kriterien für eine Bewilligung wird auch das Einkommen geprüft. Die vorgegebene Einkommensgrenze für Eheleute würden sie um 2000 Euro überschreiten – weil die entsprechenden Behörden leider nur den letzten Einkommenssteuerbescheid betrachteten. Dieser war 2016 deutlich höher als in den Jahren zuvor.

Riecken: "Also, man fühlt sich sehr willkürlich behandelt durch diese K.o.-Kriterien. Und auch durch diesen ganzen Antrag. Also, ich habe drei Tage gebraucht, um alle Sachen zusammen zu haben. Wir haben mit unserem Steuerberater und unserem Landwirtschaftlichen Berater zusammen gesessen und alle Zahlen zusammen geholt."

Hoffnung auf den Lerneffekt: "Weniger ist mehr"

Trotzdem versuchen die Eltern von drei Kindern auch zum Ende dieses katastrophalen Jahres nach vorne zu schauen. Der Betrieb werde weitergehen ist Bert Riecken überzeugt. Wenn es keine Dürrehilfen gebe würden im nächsten Jahr eben notwendige Reparaturen zurückgestellt. Und auch beim Lebensstil würde die Familie kürzertreten.

Mit Bernhard von Bodelschwingh und Landwirtschaftsminister Jan-Philipp-Albrecht teilt er die Hoffnung, dass das Dürrejahr auch etwas Positives bringen könnte: Dass die Landwirte lernen, besser mit dem Klimawandel umzugehen und zu akzeptieren: Weniger ist mehr! Mit Pflanzen, deren Wurzeln noch tiefer in den Boden reichen und Kühen, die einfach etwas weniger Milch produzieren.

Riecken: "Ja, ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass Schleswig-Holstein ein spezieller Naturbereich wird, wo man auch eine besondere Landwirtschaft ausprobiert, auf das Klima besser abgestimmt."

Nun steht aber erstmal das Weihnachtsfest vor der Tür. Für Kherstin und Bert Riecken in diesem Jahr ein besonderes. Sie wollen einfach durchatmen und ein hartes Jahr hinter sich bringen. Die ganze Familie wird zusammenkommen.

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