Norddeutsche Philharmonie Rostock mit Rachmaninows 2. Klavierkonzert

Musik als Antidepressivum

Ein schwarz-weiß-Foto zeigt einen Mann mittleren Alters, der frohgemut in die Kamera schaut, während er an seinem Flügel sitzt.
Die eigene Musik brachte ihm wieder neue Farbe ins Leben: Sergej Rachmaninow an seinem Flügel. © IMAGO / United Archives International
Moderation: Stefan Lang · 16.03.2021
Sergej Rachmaninow befreite sich mit seinem zweiten Klavierkonzert von Selbstzweifeln: der pianistisch aufreizende Part half gegen depressive Enge, die Musik ebnete den Weg. Und auch Prokofjew schrieb sich 1947 mit der 6. Sinfonie Leid von der Seele.
Das Orchester des Abends, die Norddeutsche Philharmonie Rostock, wirbt mit dem Slogan "Leinen los – Volle Fahrt voraus". In diesen Tagen ist es eine Fahrt durch viel zu ruhiges Wasser. Doch die philharmonische Flaute wurde mit der Aufzeichnung des Konzertes für einen Moment unterbrochen, mit zwei Werken russischer Herkunft.
Das Orchester ist für Beifall aufgestanden und umsteht seinen Chefdirigenten Marcus Bosch.
Die Norddeutsche Philharmonie Rostock hätte gern vor Geimpften gespielt, muss aber noch warten.© Norddeutsche Philharmonie Rostock / Dorit Gaetjen
Rachmaninow steckte in einer schweren Schaffenskrise. Doch er gab nicht auf, er suchte sich Hilfe bei einem Psychiater, der ihm sein künstlerisches Selbstbewusstsein zurückholen konnte. Und so widmete er sein erstes Werk, an dem er Monate schrieb, jenem Mann, der ihm so geholfen hatte: Nikolai Dahl. Die Komposition war dann schon so etwas wie Heilung durch Schaffen, Ausweg aus der Krise mittels Konzentration.

Mit Musik zu neuem Selbstbewusstsein

Das ganze Konzert hat er dann dem gewidmet, der ihn aus Depression und Krise holte, dem Psychiater Nikolai Dahl. Die Uraufführung des Konzertes fand im im Oktober 1901 statt, Solist war der Komponist persönlich. Kein Wunder, dass das Werk pianistisch höchst aufgeladen ist.

Werk der Rückkehr

Es folgt Musik von Sergej Prokofjew, die ebenso Spiegel einer bewegten Zeit ist. Düster zu Beginn, schwingt sie sich im dritten Satz zu einer plakativen Freude auf. Die 6. Sinfonie ist Prokofjews Vorletzte, entstanden 1947, wurde sie auch im gleichen Jahr in Leningrad aus der Taufe gehoben. Prokofjew war nach den eher unbeschwerten Jahren im Exil nach Russland zurückgekehrt - für seine internationalen Kollegen ein Schritt der unverständlich blieb. Prokofjew stand die Welt stand offen, doch er wählte die sozialistisch-realistische Einzelhaft.
Zwei Jahre nach Zweiten Weltkrieg entstand die Sinfonie Nummer 6 - eine Zeit, die sowohl vom Sieg als auch von den vielen Verlustüberwindungen geprägt war. Die Sechste ist im Grunde ein herbes, ernstes Gegenstück zu seiner Fünften, die das pralle Leben zugewandt zeigte. Man warf dem Komponisten "konstruierte und willkürliche Komplexität" vor. Er wollte sich auch gar nicht beim Publikum einschmeicheln oder bei den Allmächtigen in Kultur und Politik - es ist ein durch und durch privates Werk.
Ein Mann im Frack steht auf einem Schiff im Hafen und stützt sich mit seinen Händen jeweils auf einen Metallsockel, der für Leinen bestimmt.
Marcus Bosch ist seit Herbst 2020 Chefdirigent in Rostock.© Marcus Bosch / Thomas Häntzschel
Aufzeichnung vom 13. März 2021 im Volkstheater Rostock
Sergej Rachmaninow
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 c-Moll op. 18
Sergej Prokofjew
Sinfonie Nr. 6 es-Moll op. 111
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