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Interview / Archiv | Beitrag vom 23.01.2018

Norbert Bisky über Georg Baselitz"Malerei ist autobiografisch"

Norbert Bisky im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Der Maler Georg Baselitz vor seinem Bild "Große Nacht im Eimer" (John MacDougall / AFP)
Der Maler Georg Baselitz - am 23. Januar 2018 feiert er seinen 80. Geburtstag. (John MacDougall / AFP)

Der Maler Georg Baselitz feiert heute seinen 80. Geburtstag. Sein früherer Meisterschüler Norbert Bisky, selbst berühmter Maler, würdigt ihn als großen Künstler. Baselitz habe vorgelebt, dass Bilder möglichst unbequem sein sollten.

Fünf Jahre lang studierte Norbert Bisky bei Georg Baselitz. Der sei ein sehr guter Lehrer gewesen: "Er hat nie versucht, Leute heranzuziehen, die ihm folgen im Stil der Bilder oder der Skulpturen, sondern er hat versucht, Künstler zu erziehen und Haltung zu vermitteln."

Baselitz habe als Künstler vorgelebt, dass Bilder "nicht bloß Deko", sondern möglichst unbequem sein sollten. Er habe seine Schüler aufgefordert, vorsichtig mit den Mächtigen zu sein und sich nicht zum Hofnarren machen zu lassen:

Der Berliner Maler Norbert Bisky (Torben Waleczek / Deutschlandradio)Der Berliner Maler Norbert Bisky (Torben Waleczek / Deutschlandradio)

"Er hat uns auch eine große Skepsis gegenüber allzu großer Virtuosität mitgegeben. Das ist eine Sache, die mir auch sehr geholfen hat. Weil ich glaube, viele Maler verstricken sich dann in so schöne Details in Bildern. Dabei hat ja die Kunst eine viel größere Kraft und vielleicht geht die verloren, wenn man nur mit Schnörkeln und Ornamenten und bunten Ecken in Bildern beschäftigt ist statt mit der Frage: Was sollen Bilder heute eigentlich?"

"Der Brückechor" von Georg Baselitz (© Georg Baselitz / Foto: © 2014 Christie’s Images Limited / Fondation Beyeler)"Der Brückechor" von Georg Baselitz. Das Bild ist in der Ausstellung der Fondation Beyeler zum 80. Geburtstag des Malers zu sehen. (© Georg Baselitz / Foto: © 2014 Christie’s Images Limited / Fondation Beyeler)

In seinem eigenen Lebensweg erkennt Bisky eine Parallele zu Baselitz - dass es in beider Biografien Brüche gegeben habe:

"Das war bei Baselitz in viel krasserer Form der Fall als bei mir. Er hat im Unterschied zu anderen Künstlern das für sein Werk nutzbar gemacht. Und hat auch diese Haltung vermittelt, das zu machen, zu sagen: Malerei ist autobiografisch, beschäftigen Sie sich mit sich selbst."

(bth)


Das Interview im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Georg Baselitz, der Maler, wird heute 80 Jahre alt. Geboren am 23. Januar 1938 als Hans-Georg Kern im sächsischen Deutschbaselitz – und da merken Sie es schon, daher der Künstlername –, sein Kunststudium hat er noch in Ostberlin begonnen, im Westen dann später wurde er als Georg Baselitz berühmt und seine Werke hängen in vielen wichtigen Museen der Welt. Und es gibt auch jetzt Ausstellungen: eine Geburtstagsausstellung in der Schweiz, in der Fondation Beyeler, und die Münchener Graphische Sammlung zeigt Kunst auf Papier.

Arbeiten des Malers, die man ganz schlicht und Kunstbanausen immer als 'die auf dem Kopf stehenden Bilder' beschreiben könnte, und in einem aktuellen "Zeit"-Interview hat Baselitz über sich selbst gesagt: Ich bin völlig unvernünftig! Wie er ihn erlebt hat, das wollen wir von seinem einstigen Meisterschüler wissen, von dem ebenfalls berühmten Berliner Maler Norbert Bisky, dessen Arbeiten auch das verarbeiten, womit er aufgewachsen ist – also Elemente des sozialistischen Realismus, und wer in den berühmten Berliner Club Berghain geht, der findet dort auch ein Bild von Bisky. Heute aber geht es um seinen Meister, Georg Baselitz, dessen Meisterschüler Norbert Bisky war – ich grüße Sie!

Norbert Bisky: Schönen guten Tag!

von Billerbeck: Werden Sie Georg Baselitz persönlich zum Geburtstag gratulieren?

Bisky: Nein, das werde ich nicht persönlich machen.

von Billerbeck: Das heißt, man ruft nicht an, man schickt keine Karte oder gar ein Bild an den Meister?

Bisky: Nein, werde ich nicht tun. Ich finde es toll, dass Georg Baselitz jetzt öffentlich so geehrt wird, wie es ihm, glaube ich, zusteht, dass viele Leute verstehen, das ist ein großer Künstler, von denen es auch gar nicht so viele gibt in dem Land. Und ich finde das wichtig, das auch zu würdigen, aber ich … Ich habe fünf Jahre bei ihm studiert, habe sehr viel bei ihm gelernt, aber ich rufe da jetzt nicht an und sage: "Hallo, ich bin auch noch da!" Und wenn ich ihn dann das nächste Mal sehe, dann werde ich mich sicherlich mit ihm unterhalten.

Baselitz war ein sehr guter Lehrer

von Billerbeck: Fünf Jahre bei ihm studiert, Sie waren einer, wenn ich mich nicht irre, von 20, die Meisterschüler bei Baselitz gewesen sind damals an der Hochschule der Künste, die heute UdK heißt, Universität der Künste. Wie war die erste Begegnung mit ihm, können Sie sich daran noch erinnern?

Bisky: Ja, da kann ich mich sehr gut dran erinnern. Ich habe versucht, an der damals noch Hochschule der Künste mein Kunststudium zu beginnen, und mich mit Leuten unterhalten, bei wem man denn studieren könnte. Und es war sehr klar, dass gute Freunde mir dazu geraten haben, geh zu Baselitz, red mit ihm, das ist ein super Professor, da kannst du was lernen.

Und dann habe ich meine Mappe unter den Arm genommen und mich da auf den Flur gestellt und meine Bilder gezeigt. Und dann kam Baselitz an und lustigerweise war ein Kamerateam dabei und dann habe ich da meine Bilder auf dem Boden gezeigt, dann blättert man so Papierarbeiten durch, und da hat Baselitz gar nicht so viel dazu gesagt, hat mir dann aber irgendwie … Sein Assistent hat mir dann eine halbe Stunde später mitgeteilt, dass ich jetzt in der Klasse bin. Dann war ich in der Klasse drin.

In Fazit sprachen wir außerdem mit Werner Spies über Georg Baselitz:

von Billerbeck: Tja, so leicht geht das, man macht die Mappe auf, legt die auf den Boden und – zack! – sagt Baselitz, Sie können kommen, oder dessen Assistent! Freunde haben gesagt, bei dem kannst du was lernen. War er denn ein guter Lehrer?

Bisky: Er war ein sehr guter Lehrer und er hat nie versucht, sozusagen Leute heranzuziehen, die ihm folgen im Stil der Bilder oder der Skulpturen, sondern er hat versucht, Künstler zu erziehen und Haltung zu vermitteln. Und es gab eigentlich niemanden, der so wie Baselitz gemalt hat. Und falls es mal jemand versucht hat, ich kann mich erinnern, es gab mal eine Situation, da hat jemand so ein Bild gemalt, das sah echt ganz schön nach Baselitz aus, und da hat er ihm sofort gesagt, das geht nicht, das können Sie nicht machen! Und das zeichnet, glaube ich, einen guten Lehrer aus, nach wie vor.

von Billerbeck: Baselitz ist ja ebenso wie Sie im Osten Deutschlands geboren und aufgewachsen, er in Sachsen, Sie in Berlin. Gab es da eine Verbindung oder war das biografisch doch zu weit auseinander?

Bisky: Ja, ich glaube, das ist jetzt sehr vereinfacht auch. Als Kind hat er das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt mit all seinen Katastrophen und Schrecken im zerbombten Dresden, das ist jetzt überhaupt nicht mit meiner Biografie vergleichbar. Aber ich glaube, was eine Parallele war, dass es auch in meiner Biografie so ein paar Brüche gegeben hat, dass es nicht so ganz stromlinienförmig abgelaufen ist, sondern dass es Veränderungen gegeben hat, und die Gesellschaft, der Wahnsinn, die Zeitläufe, dass die in so ein Leben eingreifen.

Und das war bei Baselitz natürlich in viel krasserer Form der Fall als bei mir, aber er hat im Unterschied zu anderen Künstlern das für sein Werk nutzbar gemacht und hat auch diese Haltung vermittelt, das zu machen, also zu sagen: Malerei ist autobiografisch, beschäftigen Sie sich mit sich selbst.

Bilder sollen nicht bloß Deko sein

von Billerbeck: Das heißt, wenn ich Sie richtig verstehe, dann mussten Sie sich gar nicht von Ihrem Meister emanzipieren, sondern der Meister, der Lehrer Baselitz hat eigentlich dafür gesorgt, dass Sie sich mit sich selbst beschäftigen, und nicht mit dem, was er macht?

Bisky: Ja, das sind natürlich sehr komplexe Vorgänge. Ich habe fünf Jahre da studiert und sehr viele unterschiedliche Impulse bekommen. Aber er ist einfach ein Künstler, der vorgelebt hat und uns auch gezeigt hat: Bilder sollen nicht bloß Deko sein, sondern möglichst unbequem, seien Sie vorsichtig mit den Mächtigen, werden Sie nicht zum Hofnarren, lassen Sie sich nicht benutzen. Und er hat uns auch eine große Skepsis gegenüber allzu großer Virtuosität mitgegeben.

Und das ist eine Sache, die mir auch sehr geholfen hat. Ich glaube, viele Maler verstricken sich dann in so schöne Details in Bildern, dabei hat ja Kunst eine viel größere Kraft. Und vielleicht geht die verloren, wenn man nur mit Schnörkeln und Ornamenten und bunten Ecken in Bildern beschäftigt ist statt mit der Frage: Was sollen Bilder heute eigentlich?

von Billerbeck: Baselitz hat auch mal gesagt, abstrakt kommt man nicht weiter. Und dieses Credo des Nicht-Abstrakten haben Sie ja auch von ihm übernommen, oder das haben Sie immer gehabt, das weiß ich nicht genau.

Bisky: Nee. Nee, gar nicht. Baselitz hat erstens selbst über viele Jahre sehr abstrahierte Bilder gemalt, …

von Billerbeck: Ich weiß, aber irgendwann gab es da eine Änderung, ne?

Bisky: Gerade mit seinen öffentlichen Äußerungen versuchte er immer auch, Kontroversen und Diskussionen anzustacheln. Wenn Sie sich viele seiner Äußerungen der letzten Jahre anschauen, werden Sie da sehen, da gibt es dann auch immer wieder Widersprüche nach ein paar Jahren. Und ich weiß, dass er selbst großen Respekt vor abstrakter Tradition gerade in der amerikanischen Malerei hat, aber eben gesagt hat: Sie können das nicht einfach so für sich übernehmen und so tun, als hätten Sie es erfunden!

Ich glaube, er geht da mit Skepsis an diese Übernahmen ran, dass man versucht, so einen internationalen Stil zu kopieren, der irgendwie auch geht, aber er hat prinzipiell … Ich weiß, dass er eine hohe Meinung von de Kooning hat und ich habe niemals das Gefühl gehabt, ich dürfte keine abstrakten Bilder malen oder so. Das ist totaler Quatsch.

Baselitz will an der Debatte teilnehmen

von Billerbeck: Also das ist nicht die Provokation, wenn Sie sagen, er sagt alle fünf Jahre da Dinge, die sich eigentlich widersprechen zu dem, was er vorher gesagt hat … Eigentlich ist das doch normal. Ich kenne auch genug Künstler, die sagen, ah, das, was ich da gemalt habe, gefällt mir überhaupt nicht mehr, ist jetzt was Neues, und das bezieht sich vielleicht auch auf die Äußerung?

Bisky: Nein, es gibt ja schon eine Menge, die er in den letzten Jahren geäußert hat, die ich jetzt irgendwie nicht so teilen würde und die es auch manchen Leuten, glaube ich, schwer macht, auf sein Werk zu schauen. Aber das ist ihm, glaube ich, wichtig, er möchte einfach an der Debatte teilnehmen und er möchte auch in der Gesellschaft vorkommen und sagen: Hey, ich bin hier nicht euer Dekokünstler, sondern ich fordere euch heraus.

Und da gibt es dann manchmal Sachen, die irgendwie total komisch, weil er dann sagt irgendwie, Frauen können nicht malen, und dann revidiert er das aber wieder ein paar Jahre später und so. Das sind aber Dinge, ich glaube, da geht es ihm vor allen Dingen um die Debatte. Und ich würde es gut finden, wenn man einfach erkennt: Da ist wirklich ein großer Künstler am Werk, der seit vielen Jahrzehnten durchhält, ein relevantes Werk zu schaffen, was gerade für junge Leute im Moment – ich habe ja selbst Studenten jetzt an der HbK in Braunschweig – sehr relevant ist und wo viele gerade 20-Jährige raufschauen und sagen, hey, das finde ich aber interessant! Und das muss man als Künstler erst mal hinkriegen, mit 80!

von Billerbeck: Der Maler Norbert Bisky über seinen einstigen Lehrer Georg Baselitz, der heute – Sie haben es gehört – 80 Jahre alt wird. Wir danken für das Gespräch!

Bisky: Danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Die Baselitz-Ausstellung in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel läuft noch bis 29. April 2018.  

In der Staatlichen Graphischen Sammlung München ist die Ausstellung "Im Blick. Georg Baselitz zum 80. Geburtstag" zu sehen - noch bis 18. Februar 2018.

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