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Lesart | Beitrag vom 13.12.2018

Nora Bossong über"Rapefugee"

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Nora Bossong über "Rapefugee" (unsplash.com/dpa)
Nora Bossong (unsplash.com/dpa)

Kennen Sie Kofferwörter? Sie funktionieren ähnlich wie Metaphern: Zwei Wörter werden aufeinander bezogen, um das Bedeutungsspektrum des einen um das des anderen zu erweitern und so eine Eigenschaft hervorzuheben oder neu zuzuschreiben.

Man denke an den Menschen als des Menschen Wolf. Es braucht dafür nicht zwingend eine Ähnlichkeit zwischen den Dingen, Ereignissen oder Wesen zu bestehen, diese Ähnlichkeit kann auch schlichtweg unterstellt werden. Man kann dieses Spiel mit beliebig vielen Wörtern und Unterstellungen betreiben, Fremdsprachenkenntnisse sind dabei willkommen. Das Ganze macht umso mehr Spaß, je diffamierender das Wort ist, das am Ende rauskommt und spielend leicht ermöglicht es, vom Einzelfall auf die Gesamtheit zu verweisen.

Mit der Findung des Kofferworts Rapefugee ist in dieser Hinsicht eine besondere Glanzleistung an Perfidie gelungen. Es wird gebildet aus dem Wort refugee, also jener oder jenem, der oder die Schutz sucht, und dem Wort rape (Vergewaltigung) oder rapist (Vergewaltiger), also dem, wovor Schutz gesucht wird. Das ist mehr als der Wolf im Schafspeltz, hier wird im Schutzsuchenden die Bedrohung selbst platziert. Die implizite Moral dieses Wortes lautet: Lass niemanden ein, wer Schutz sucht, trägt den Keim des Bösen in sich.

Das englische Wort refugee ist ein Lehnwort aus dem Französischen. Mit refugié waren die einst in Frankreich verfolgten Hugenotten gemeint, die in ihrer Heimat nicht bloß diskriminiert, sondern verfolgt, vergewaltigt, brutal ermordet wurden. Wer von ihnen Glück hatte, fand woanders Zuflucht. So bin auch ich, genauer gesagt meine Vorfahren nach Deutschland gekommen.

Die Hugenotten werden in letzter Zeit gern gelobt als Vorbild für gelingende Integration. Viele von ihnen sprechen zum Beispiel mittlerweile sehr gut Deutsch, einige beherrschen sogar die Orthografie, und für die Volkswirtschaft ist es von Vorteil, dass sich der protstantische Ethos so gut mit dem Kapitalismus verbinden lässt. Les Hugenottes sont des veritables refugiés und wer von rapefugees spricht, meint mich mit, auch wenn das denen, die von rapefugees sprechen, nicht in den Kram passt, weil ich so hübsche helle Haut habe und so rotes Haar und zu Weihnachten gehe ich in die Kirche.

Wenn ich hier also als Angesprochene reden darf: Man kann mit Wörtern spielen und aus ihnen Unterstellungen bauen, aber man kann Wörter nicht beherrschen oder sie ihrer Herkunft berauben. Man kann sich ebenso wenig aussuchen, bei wem eine Beleidigung aufhört. Wer diffamiert, um Macht über andere zu fühlen, baut weder an Sprache noch Schutz, sondern nur an der eigenen inneren Enge.

"Kalt-Deutsch. Die Sprache der Gegenwart." Deutschlandfunk Kultur nimmt die Veränderungen in der Sprache unserer Gegenwart unter die Lupe und schreibt das Wörterbuch der Alltagssprache weiter. (Deutschlandradio/unsplash.com) (Deutschlandradio/unsplash.com)

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