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Lesart / Archiv | Beitrag vom 08.03.2018

Nina Verheyen: "Die Erfindung der Leistung"Ein Hoch auf den Leistungsbegriff

Von Wolfgang Schneider

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Cover: "Die Erfindung der Leistung" von Nina Verheyen, in Hintergrund: Ein Mädchen beim Hochsprung (Hanser Verlag / imago / photothek)
Nina Verheyen geht in jede Verästelung des Leistungsbegriffs hinein. (Hanser Verlag / imago / photothek)

Was für ein weites Feld der Begriff "Leistung" beschreibt, zeigt die Historikerin Nina Verheyen mit ihrem rundum lesenswerten Sachbuch "Die Erfindung der Leistung". Kritisch zerlegt sie den Begriff in alle Einzelteile und verteidigt ihn.

Überall ist von Leistung die Rede, sie wird in fast jeder politischen Rede beschworen. Unaufhörlich wird "Leistung" gemessen, verglichen und gefeiert, sei es in der Wirtschaft, im Sport oder in der Unterhaltungsindustrie mit ihren Superstar-Turnieren und Preisverleihungszeremonien. Zugleich begleitet uns die Kritik an der Leistungsgesellschaft seit Jahrzehnten. Mal argumentiert sie ideologiekritisch (Leistung als Fetisch, der die Strukturen sozialer Ungleichheit und die unterschiedlichen Aufstiegschancen trotz gleicher Leistung verschleiert), mal ökologisch (Fragwürdigkeit der permanenten Steigerung von Leistung und Wachstum), mal therapeutisch (Selbstoptimierungszwang, "Entfremdung", "Burnout"). Die eigene Leistungsbereitschaft zu dosieren, gilt als Ausweis einer Lebenskunst, die von Spezialisten für Muße und Entschleunigung vermittelt wird. Das muss man sich allerdings leisten können.

Begriff Leistung leistet viel

Das Überzeugende an Nina Verheyens Essay "Die Erfindung der Leistung" ist, dass er sich auf keine Seite schlägt, sondern klug zwischen den Fronten bewegt. Die Historikerin zerlegt den "Unschärfebegriff" kritisch in alle Einzelteile, verteidigt ihn aber gegen seine Verächter und gegen die Klischees der Leistungskritik.

Es zeigt sich: Leistung ist ein Begriff, der selbst ungeheuer viel leistet. Er hat ein riesiges Feld an verschiedenen Bedeutungen und Unterkategorien, von der Betriebswirtschaft über die Physik bis zur Pädagogik. Verheyen geht in die Verästelungen des Begriffs hinein; sie zieht Konversationslexika und Gesetzbücher zu Rate, um seinen Verwendungsweisen auf den Grund zu gehen; sie zeigt wie er sich historisch entfaltete und im späten 19. Jahrhundert geradezu semantisch explodierte.

Verkürzte Arbeitszeiten, weil so Leistung gesteigert wurde

Physiologie und Maschinenbau wurden damals zu Paradigmen der Messung von Leistung, die zunehmend auch zur Ordnungskategorie des Sozialen wurde. Quantifizierungswahn und Leistungsfetischismus, etwa im Zeichen des Sozialdarwinismus ("survival of the fittest"), griffen nun um sich. Verheyen skizziert die Entwicklung des Prüfungswesens im staatlichen Bildungssystem des 19. Jahrhunderts; sie analysiert die Praktiken der Zuschreibung, Standardisierung und Inszenierung von Leistung (etwa im Sport).

Die vermeintlich objektiv gemessene Leistung entscheidet über Karrierechancen und gesellschaftliche Optionen. Historisch hatte der Leistungsbegriff dabei nicht nur disziplinierenden Charakter, sondern durchaus auch emanzipatorisches Potential: In seinem Namen wurden soziale Hierarchien nicht nur stabilisiert, sondern auch durchlässiger gemacht (die Etablierten mokierten sich dann gern über aufsteigewillige "Streber"). Im Zeichen wissenschaftlich gemessener Leistung wurden die Menschen nicht nur angetrieben, sondern auch Arbeitsbedingungen verbessert und Arbeitszeiten verkürzt, eben weil es der "Leistung" zugute kam.

Spannend, gut erzählt, anschaulich

Eine "soziale Konstruktion" ist Leistung für Verheyen vor allem insofern, als Tätigkeiten und Erfolge individualisiert würden, während daran in Wahrheit viele Menschen beteiligt seien (das Team, die Firma, der unterstützende Ehepartner, der ganze Herkunftskomplex). Sehr wahr, aber auch ein wenig banal – wie der Torschütze, der das Lob sogleich auf die Mannschaft lenkt. Immer wieder plädiert Verheyen jedenfalls dafür, die kollektiven Hintergründe von Leistung deutlicher herauszustellen.

Dieses Sachbuch ist spannend, gut erzählt und jederzeit anschaulich. Die Vielfalt der Aspekte und Exkurse ist beeindruckend, was allerdings den Nebeneffekt hat, dass manches etwas verkürzend behandelt wird (so die Debatte um die IQ-Messung). Einige Male wird Verheyen durch die Multisemantik und das Chamäleonhafte des Begriffs "Leistung" auch dazu verführt, inhaltliche Zusammenhänge herzustellen, wo wohl nur der Zufall des gleichen Wortes waltet oder wo sich die Bedeutungen so weit voneinander entfernt haben, dass sie kaum noch etwas miteinander zu tun haben (etwa: Leistungssport, Gewährleistung, Sozialleistung). Aber solche kleinen Einwände verdanken sich bereits einem Nachdenken über den Leistungsbegriff, zu dem dieser rundum lesenswerte Essay erst anregt.

Nina Verheyen: "Die Erfindung der Leistung"
Hanser Berlin 2018
256 Seiten, 23 Euro

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