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Tonart | Beitrag vom 11.03.2020

Nina Hagen wird 65Mit einer Kunstfigur die Gesetze außer Kraft gesetzt

Moderation: Martin Böttcher

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Porträtfoto von Nina Hagen bei der Aufzeichnung der ARD-Quizshow "Wer weiß denn sowas? XXL" am 04.09.2018 (imago images / Future Image / gbrci)
Nina Hagen stehe nicht unter dem Druck, zu beweisen, wie jugendlich sie ist, oder wie altersweise - sagt Journalistin Sonja Eismann. (imago images / Future Image / gbrci)

Sie ist eine der erfolgreichsten deutsche Musikerinnen: Nun wird Nina Hagen 65 Jahre alt. Sonja Eismann vom "Missy Magazin" würdigt die "Godmother of Punk" - und erklärt, warum Hagen als Vorbild für junge Feministinnen heute kaum noch taugt.

Martin Böttcher: Eine schrille Stimme, die Grenzen sprengt - egal, ob Nina Hagen Schlager sang oder sich durch Rocksongs röhrte. Dazu die öffentlichen Auftritte, die für Skandale gesorgt haben. Im österreichischen Fernsehen etwa hat sie 1979 demonstriert, wie Frauen optimal masturbieren.

Auf Ibiza heiratete sie 1987 in einer Punkhochzeit ihren 18-jährigen Freund, von dem sie sich eine Woche später wieder trennte. Und immer wieder ihre Ausflüge zu Außerirdischen, zum Spirituellen, zum Hinduismus und dann zum Protestantismus. Aus Anlass ihres 65. Geburtstags spreche ich mit Sonja Eismann vom Missy Magazine über die Kunstfigur Nina Hagen.

In vielen Beiträgen zu Nina Hagens 65. Geburtstag wird sie als "Godmother of Punk" bezeichnet, also als die Patin des Punks. Ist das der richtige Titel für eine Frau, die schon alle möglichen Identitäten von der Schlagersängerin über Punk bis hin zu Esoterikerin angenommen hat?

Sonja Eismann: Ja und nein. Von ihrer Haltung her – sich einen feuchten Kehricht darum kümmern, was die anderen über einen denken und was "erlaubt" ist – war sie natürlich immer schon Punk und ist es bis heute. Sie hat tatsächlich beständig Grenzen ausgetestet und sich auch nicht um so etwas Langweiliges wie Genrebeschränkungen in der Musik gekümmert.

Andererseits hatte sie durch ihre Verbindung zur bekannten Mutter, der Schauspielerin Eva-Maria Hagen, und deren damaligem Lebensgefährten Wolf Biermann, wegen dem sie ja mit ausgebürgert wurden, ganz andere Startvoraussetzungen als irgendwelche Do-It-Yourself-Hinterhofpunks. Sie war quasi bei der Veröffentlichung ihrer ersten Platte "Nina Hagen Band" 1978 schon ein Star.

Böttcher: Die Haltung und auch das Aussehen, der Style - das ist das eine. Musikalisch Punk zu sein, etwas anderes. Wie viel Punk steckt denn und steckte in der Musik von Nina Hagen?

Ihre Art ist für viele schwer zu verstehen

Eismann: Musikalisch war Punk immer nur ein Element unter vielen. Wie gesagt, Genrebegrenzungen haben sie noch nie interessiert. Ich kann mich noch erinnern, wie ich als Kind Musik von ihr gehört habe und befremdet gedacht habe, aha, dieser überkandidelte Operngesang ist also Punk? Der "Rolling Stone" sprach anlässlich der aktuellen Veröffentlichung ihrer alten DDR-Lieder auch von Deutschrock, was zwar ein schreckliches Wort ist, aber irgendwie trotzdem besser passt, weil da alles Mögliche drin steckt.

Von ihrer Lebensführung her und auch von diesem Stylemix war sie auch dem Hippietum nicht so fern - bekanntlich der größte Feind des Punk. Ich glaube, dass diese Zuschreibung als "Godmother of Punk" mehr dem Bedürfnis entspringt, ihre unkonventionelle Art, ihre Durchgeknalltheit, in einen Begriff zu fassen, als ihre Musik korrekt zu beschreiben. Ihre Art ist ja gerade angesichts ihres Alters für viele schwer zu verstehen oder auch bedrohlich.

Böttcher: Nina Hagen war vieles in all den Jahren, in denen sie in der Öffentlichkeit stand. Und sie hat bis heute meiner Ansicht nach auch eine erotische Ausstrahlung. Was bedeutet es denn, wenn eine Figur wie Nina Hagen unter den Augen der Öffentlichkeit 65 wird?

Eismann: Das Schöne an ihrer Kunstfigur – denn das war sie immer schon, ähnlich wie Grace Jones oder David Bowie – ist ja, dass hier alle Gesetze außer Kraft gesetzt sind. Sie wird nicht von der Öffentlichkeit gezwungen, so wie Madonna bis ins hohe Alter noch Sexyness unter Beweis zu stellen. Abgesehen davon, dass sie, wie ich finde, immer sexy war, aber eben auf ihre ganz individuelle Art, was viele Leute vielleicht auch verschreckt hat, was ja auch sehr lustig ist.

Sie steht aber auch nicht unter dem Druck, zu beweisen, wie jugendlich sie noch ist oder wie altersweise sie geworden ist. Sie macht einfach, was ihr Spaß macht und das kann durchaus jugendlich und durchgeknallt sein, das kann aber auch eher gesetzt sein mit Brechtliedern oder Gospelsongs oder das Sprechen von Rollen in Kinderfilmen.

Böttcher: Nina Hagen ist sicher eine der wichtigsten deutschen Sängerinnen. Sie war als eine der wenigen auch international erfolgreich. Macht sie das zu einem Vorbild für jüngere Musikerinnen - oder leben wir in Zeiten, in denen das Modell Nina Hagen keine Chance mehr hat?

Absage an Normvorstellungen von Weiblichkeit

Eismann: Auch da lässt sie sich wieder in keine klaren Kategorien einordnen: Wenn wir an ihren Song "Unbeschreiblich weiblich" denken, ist das heute immer noch ein radikal feministischer Schlachtruf für das Selbstbestimmungsrecht der Frauen.

Eismann: Sie spricht da, oder schreit eher, ganz unverblümt über eine Abtreibung, die dann auch durchgeführt wird – das ist ja bis heute ein großes Tabuthema.

Sie äußert auch ganz deutlich ihre Absage an Normvorstellungen von Weiblichkeit. Sie will nicht Mutter sein, nur weil die Gesellschaft das von ihr erwartet. Sie hat keine Lust, "ihre Pflicht als Frau zu erfüllen" und fühlt sich trotzdem "unbeschreiblich weiblich", was sie ganz trotzig auch äußert, eben auf ihre selbstdefinierte Art: Sie bestimmt selbst, was das heißt.

Auf ihrer Website habe ich auch ein Foto mit der englischen Frauenpunkband The Slits gefunden, auf dem sie 1978 gemeinsam am Berliner Paul-Lincke-Ufer sitzen. Es gab also diesen feministischen Austausch mit anderen Musikerinnen.

Aber im Gegensatz zu den Slits hat sie, jedenfalls soweit ich weiß, nie versucht, selbst auch in einem reinen Frauenkollektiv Musik zu machen. Ihr soziales Engagement ist sehr vielfältig, hat dadurch aber auch keine klare Linie: Sie setzt sich z.B. gegen Genitalverstümmelungen von Mädchen ein und gegen sexuellen Missbrauch von Kindern, aber auch gegen Zwangseinweisungen in die Psychiatrie oder etwa dafür, dass die Untersuchungen zum Mord an Kurt Cobain noch mal neu aufgerollt werden.

Junge Feministinnen haben nun andere Idole

Böttcher: Wenn man diese Vorbildrolle von Nina Hagen noch ein bisschen weiter fasst, gibt es dann auch Anknüpfungspunkte für junge Feministinnen? Also funktioniert die "Godmother of Punk" auch als "Godmother des Feminismus"?

Eismann: Diese Anknüpfungspunkte gibt es durch ihr radikal selbstbestimmtes Handeln, durchaus auch mit den Songzeilen, die wir eben gehört haben. In erster Linie steht Nina Hagen aber für sich selbst, für diese Kunstfigur. Sie ist die Diva, sie ist ein Unikat, das nicht wiederholt werden möchte. Deswegen ist es da ein bisschen schwierig, vereinnahmt zu werden. Im Punk war es auch uncool, sich als Feministin zu bekennen, weil das zu sozialdemokratisch beziehungsweise hippiesk klang.

Andererseits ist das, wie Nina Hagen sich heute äußert, für jüngere Feministinnen nicht mehr so kompatibel. Das sind Themen, die eher in der Zeitschrift "Emma" widergespiegelt werden, wo es auch eine gewisse Skepsis gibt, also gegen Trans-Identitäten oder Nina Hagens Kampf gegen Sexarbeit.

Das ist für eine neuere Generation von Feministinnen nicht mehr zeitgemäß. Die haben im Moment andere Idole. Aber ich könnte mir gut vorstellen, dass es, mit mehr Abstand zu den jetzigen Kämpfen innerhalb der Bewegung, in Zukunft wieder einen anderen Blick auf Nina Hagen gibt. Und dass sie dann vielleicht zum 75. oder gar 100. noch mal ganz neu entdeckt wird.

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