Niedrigwasser und Algen-Plage

Sorge um den Bodenseepegel

06:54 Minuten
Luftaufnahme von der Oberfläche des Bodensees, in dem ein großer grüner Algenteppich schwimmt.
Im Bodensee vor Langenargen und Eriskirch haben sich Algen breitgemacht. © picture alliance / dpa / Felix Kästle
Von Thomas Wagner · 12.08.2022
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Schiffe auf dem Trockenen, immer mehr Seegras und viele Algen: Am Bodensee ist der Pegel so niedrig wie lange nicht. Fischer, Touristen und Schiffseigner haben mit jeweils eigenen Problemen zu kämpfen.
„Wir gehen jetzt Richtung Bodensee zur Steganlage, und was uns gleich auffallen wird: dass wir kaum Wasser haben.“ Jürgen Schulz, Anfang 60, ist Hafenmeister in Horn am Untersee, also am südwestlichen Ausläufer des Bodensees. Sommerferienzeit, eine frische Brise, die vom Schweizer Ufer herüberweht – eigentlich ideale Bedingungen für Wassersportler.
Aber die meisten Liegeplätze in dem kleinen Gemeindehafen sind leer. "Im Moment sieht man die ersten Boxenplätze, Stegplätze, trocken", so Schulz. "Da geht gar nichts. Und erst ab Mitte der Steganlage haben wir etwa 20 Zentimeter Tiefgang. Mehr ist es im Moment nicht.“
Sandige Küstenlinie mit Niedrigwasser am Untersee bei Ermatingen, Thurgau.
Der derzeitige Wasserstand im Bodensee ist so niedrig wie selten zuvor.© imago images / bodenseebilder.de

„Das Niedrigwasser – alles wirkt einfach ein bisschen trist und traurig, einfach dadurch, dass man jetzt nicht mehr ins Wasser springen und sich erfrischen kann, wenn man das gerne machen würde.“ Ben Wägele und Elvira Albrecht, beide aus Stuttgart, machen Bike-Urlaub am Bodensee, radeln am Gemeindehafen Horn vorbei und stellen fest: Mit einem spontanen Sprung ins kühle Nass wird es nichts werden. Dazu ist der Wasserstand im Bodensee einfach viel zu niedrig.

Rücklaufende Pegel seit Anfang Juni

Der Pegel Konstanz liegt derzeit mehr als einen Meter unter den August-Werten der Vorjahre. Zwar gibt es bei der Entnahme von Trinkwasser, mit dem der Zweckverband Bodensee-Wasserversorgung weite Teile Baden-Württembergs versorgt, trotz des niedrigen Wasserstandes keine Probleme – die Entnahmetürme befinden sich in über 60 Metern Wassertiefe – und dennoch: Der derzeitige Wasserstand ist so niedrig wie selten zuvor.

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„Sie müssen sich vorstellen: Wir hatten seit Anfang Juni rücklaufende Pegel. So früh hatten wir das in den letzten Jahren nicht in dieser ausgeprägten Form.“ Hafenmeister Jürgen Schulz steht versonnen auf dem hölzernen Steg, zeigt hinüber an den Schilfgürtel am Ufer: Dort lugt der schlammige Seegrund hervor. Und weiter draußen hat sich die Wasseroberfläche, nur wenige Zentimeter über dem Grund, eigenartig grün verfärbt. „Man sieht es auch hier: üppige Seegrasfelder. Der ganze Hafen, die ganze Steganlage ist teilweise mit Seegras zugedeckt. Ich vermute, das hängt mit der steigenden Wassertemperatur zusammen.“

Seegras ist begrüßenswert – teilweise

„In der Tendenz stellen wir schon fest, dass der Klimawandel am See ankommt, dass die Temperaturen im Wasser im Mittel steigen. Das alles fördert letztlich auch solche Extremsituationen", sagt Thorsten Rennebarth, Biologe am Institut für Seenforschung in Langenargen. Riesige Algenteppiche, starker Seegrasbewuchs, dazu das Niedrigwasser: All dies habe mit höheren Temperaturen zu tun.
Die befördern zum einen das Wachstum von Seegras und Algen. Zum anderen aber hängt auch das Niedrigwasser damit zusammen. "Es fällt weniger Schnee, und im Sommer kommt dann weniger Wasser aus den Alpen als das früher der Fall war.“
Zwar sei der Bewuchs des Seegrundes mit langen, zur Wasseroberfläche ragenden Seegras-Pflanzen aus biologischer Sicht sogar begrüßenswert, "weil sie für die Fische sehr wichtig sind, weil sie für den Sauerstoffgehalt sehr wichtig sind“. Doch die an der Oberfläche schwimmenden grünen Teppiche, die aus kleinen Algen bestehen, bereiten den Experten Sorgen.
„Die Algenteppiche, die wir haben, die machen mehr Probleme, weil die sehr viel Biomasse in kürzester Zeit bilden", sagt er. "Diese Biomasse stirbt auch schnell wieder ab. Diese absterbenden Algenmassen fangen an zu faulen, diese Fäulnisprodukte stinken, und da, wo die Wellen das ans Ufer spülen, hat man da einen stinkenden Schlick aus Algenresten.“
Drei Personen sitzen im versandeten Uferbereich des Bodensees auf einem Baumstumpf.
Der Klimawandel kommt am See an, sagen Experten: Niedrigwasser ist eine der Folgen.© picture alliance / dpa / Andreas Rosar
Doch obwohl die längeren, auf dem Grund stehenden Seegraspflanzen von den Biologen als ökologisch unbedenklich, ja sogar als nützlich eingestuft werden, bereiten sie am Bodensee dennoch Probleme – und zwar den Hobby-Kapitänen mit ihren Schiffen, unter anderem vor dem Hafen des Konstanzer Yachtclubs: „Wir sind heute steckengeblieben im Hafen. Wir hatten Seegras in der Schraube, mussten tauchen und das Schiff rausschleppen. Dieses Jahr ist das schon sehr extrem.“

Neue Hindernisse für die Schiffe

„Wir merken hier nur, dass, wenn wir hier anlanden, dass das Seegras sehr bremst, sich einfach ums Ruder wickelt. Das ist schon auffällig.“ Auch für die die größeren Passagierschiffe stellt der ungewöhnlich starke Seegrasbewuchs eine potenzielle Behinderung dar.
Die Bodensee-Schiffsbetriebe rücken deshalb dem Seegras dieser Tage mit der so genannten „Seekuh Erna“ zu Leibe – ein Mäh-Schiff, das mit einer Art Schaufel an einem Greifarm das Seegras vom Grund in einen Behälter an der Oberfläche schaufelt. Ein Einsatz, den auch die beim Konstanzer Yachtclub versammelten Segler gutheißen. „Ich habe davon schon gehört, aber es noch nie gesehen. Ich denke, dass die irgendeine Walze hat, wie so ein Mähdrescher. Aber die kann halt nur Fahrwasser freimachen. In die Häfen kommt die nicht rein.“

Das Gute an Makrophyten

Was zur Folge hat, dass dort die Freizeitskipper mit ihren Segel- und Motorbooten weiterhin Probleme haben werden. Biologe Thorsten Rennebarth vom Institut für Seenforschung Langenargen kann dagegen den großen Seegras-Pflanzen, den sogenannten „Makrophyten“, außerhalb von Häfen und Schifffahrtswegen sogar etwas Gutes abgewinnen.
„Für die Schwimmer würde ich mal die persönliche Empfehlung ausgeben: Mal die Taucherbrille aufsetzen, schnorcheln und gucken, was in den Makrophyten alles drin ist", sagt Rennebarth. "Dann ist das eine interessante Welt unter Wasser, die gar nicht mehr so eklig ist, wenn sie an den Füßen kitzelt. Das ist da recht spannend, was da an Fischen alles so rumsaust."
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