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Fazit | Beitrag vom 12.07.2019

Nibelungen-Festspielauftakt mit "Überwältigung" von Thomas Melle Zeitgemäße Interpretation des alten Mythos

Christoph Leibold im Gespräch mit Britta Bürger

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Szenenfoto aus "Überwältigung" von Thomas Melle bei den Nibelungen Festspielen Worms, in dem der Chor des Nibelungen im Hintergrund zu sehen ist, während vorne rechts Ortlieb gespielt von Lisa Hrdina schreit und mit dem Fuss aufstampft. (Foto: David Baltzer)
Der Chor der Nibelungen beschwört sein eigenes Ende herauf. Nur Ortlieb, der Sohn Kriemhilds, widersetzt sich. (Foto: David Baltzer)

Traditionell wird bei den Nibelungen-Festspielen ein Stück neu inszeniert. In diesem Jahr kam das neue Werk aus der Feder von Thomas Melle. Der Titel "Überwältigung" war auch Programm, urteilt Fazit-Kritiker Christoph Leibold.

Am Anfang steht der Chor der Nibelungen auf der Bühne und beschwört den eigenen Untergang in Thomas Melles Neuschreibung des Textes unter dem Titel "Überwältigung" herauf. Erst Ortlieb, der Sohn Kriemhilds, der am Ende der Reihe des Chores steht, begehrt auf gegen den kollektiven Abgesang. Diese Neuinterpretation des Textes von Melle sei durchaus "schlüssig", weil sie nach diesem Auftakt dann quasi wieder am Anfang beginnt, erklärt "Fazit"-Kritiker Christoph Leibold. "Also, Ortlieb sagt, 'Ich möchte das anders erleben'. Und erlebt dann diese ganze Geschichte noch mal von vorne, begleitet von einem Spielmann, der ihm die erzählt. Und wir sehen dann die ganze Nibelungengeschichte von vorne." Jedoch nimmt die Sage "unerbittlich" den gleichen Lauf.

Schicksal oder eigenes Werk? 

Dieser Chorische Sprechgesang habe etwas Überwältigendes und sei gut gemacht von der Regisseurin Lilja Rupprecht. Allerdings kommt dann im Laufe des Stücks die Frage auf: "Ist das jetzt Schicksal diese Mechanik, die da in Gang gesetzt worden ist, oder ist es was Anderes? Und Thomas Melle Stückfassung legt eigentlich nahe, 'Doch, es ist was Anderes. Es ist nicht Schicksal, sondern wir sehen hier Menschen, die in sich selbst gefangen sind, die nicht aus sich rauskönnen." Das sei "sehr modern und zeitgemäß", meint Leibold. 

Szenenfoto aus "Überwältigung" von Thomas Melle bei den Nibelungen Festspielen Worms, in dem Klaus Maria Brandauer in der Rolle des Hagen vor einer mit weißen Tüchern bedeckten Bühnenlandschaft mit angewinkelten Armen beide Fäuste ballt. (Foto: David Baltzer)Trotz seines großen Namens weiß Klaus Maria Brandauer die Rolle des Hagen geradezu "entspannt" auszufüllen, so Leibold. (Foto: David Baltzer)

Mehrere große deutsche Schauspielernamen waren auf der Bühne in Worms vereint - unter ihnen Klaus Maria Brandauer in der Rolle des Hagen von Tronje. "Dieses Intime hat ihm gut getan", findet Leibold. Er hätte die Rolle des Bösewichts gut ausgefüllt. "Er ist eben kein prototypischer aufbrausender großspuriger Bösewicht, sondern er ist in diesem ganzen Aufrollen dieser Nibelungengeschichte, derjenige, der altersweise sagt, 'Wir können uns gar nicht dagegen stemmen gegen das, was in uns los ist.'" Brandauer spiele das ganz "zurückgelehnt" und erziele damit einen umso größeren Effekt. 

Allgemein habe das Ensemble in guter Besetzung geglänzt: Kathleen Morgeneyer als "sich den großen Gefühlsamplituden" hingebende Kriemhild, Alexander Simon als Siegfried "ehrgeizig bis zur Arroganz" und Moritz Grove als "schwacher, neurotischer" König Gunther.  

(kpa)

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