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Fazit | Beitrag vom 18.09.2019

Neumarkt Zürich unter neuer Intendanz"Zu wenig für einen Theaterabend"

Christian Gampert im Gespräch mit Gabi Wuttke

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Mike Bonanno (vorne), Alireza Bayram und Jakob Leo Stark (hinten) (Cristiano Remo)
Schön bunt, aber zu eindimensional, meint Christian Gampert: Mike Bonanno (vorne), Alireza Bayram und Jakob Leo Stark (hinten) in „They shoot horses, don’t they?". (Cristiano Remo)

Julia Reichert, Hayat Erdogan und Tine Milz leiten seit Kurzem das Neumarkt Zürich - und wollen es in einen Ort zwischen Stadttheater und Experimentierbühne verwandeln. Mit "They shoot horses, don’t they?" sei das nicht gelungen, findet unser Kritiker.

Die drei Frauen Julia Reichert, Hayat Erdogan und Tine Milz leiten seit dieser Saison das Theater am Zürcher Neumarkt. Sie haben sich eine neue dreiteilige Struktur ausgedacht, um das Haus zwischen Stadttheater und Experimentierbühne zu verorten: Akademie, Playground und Theater.

Tanzen bis zum Umfallen

Der erste Streich nimmt sich "They shoot horses, don’t they?" vor, die von Sidney Pollack verfilmte Geschichte verzweifelter Amerikaner, die in der Weltwirtschaftskrise für Geld tanzen, bis sie tot umfallen. Im August tanzten in der "Playground"-Phase Amateure mit Profis, der beste Amateur durfte später im Stück mittanzen. Als "Akademie" gab es eine Laufband-Installation und schließlich im "Theater"-Teil die Analyse des Ganzen.

Aufführung "They Shoot Horses, Don’t They?" nach Horace McCoy und Sydney Pollack (Cristiano Remo)Nur Tanzen reicht nicht für anderthalb Stunden, meint Christian Gampert. (Cristiano Remo)

Das Stück "They shoot horses, don’t they?" sei zu sehr auf die Tanzsituation beschränkt, meint Theaterkritiker Christian Gampert. "Während der Film biografischen Hintergrund liefert, ist es hier so, dass man glaubt, dass diese Tanzsituation, dieses 'Ich biete mich feil', so überzeugend ist, dass es anderthalb Stunden das Publikum fesseln könnte." Das sei nicht so, meint Gampert.

Die Tänzer wie Mike Bonanno seien zwar großartig, findet der Kritiker, aber: "Von einem Theaterabend würde ich schon erwarten, dass da irgendeine Dramaturgie drin ist, die über das reine Showelement hinausgeht und das fehlt hier."

Entscheidend ist das Geschehen auf der Bühne

Auch wenn die Premiere am Neumarkt nicht optimal gelungen sei, möchte sich Gampert noch nicht festlegen, dass das gesamte Konzept gescheitert sei. "Das ist ein sehr theoretischer Ansatz, den diese drei Frauen haben, die betrachten das Theater auch als Denkanstalt." Ob das funktioniere, müsse sich noch zeigen. "Entscheidend ist, was auf der Bühne stattfindet und nicht die Diskussionsveranstaltungen drumherum", meint Christian Gampert.

(beb)

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