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Fazit | Beitrag vom 25.05.2020

Neues Buch von Juli ZehKritische Verteidigerin der hiesigen Demokratie

Arno Orzessek im Gespräch mit Andrea Gerk

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Juli Zeh blickt offen in Richtung des Betrachters. (H. Hartmann / Future Images / imago-images)
Für die Schriftstellerin und Juristin Juli Zeh sind Freiheitsrechte von besonderer Bedeutung. (H. Hartmann / Future Images / imago-images)

In ihrem 2009 erschienen Roman "Corpus Delicti" befasste sich Juli Zeh mit einer Art Gesundheitsdiktatur. In ihrem neuen Buch geht sie Fragen von Leserinnen und Lesern zu diesem Text nach. Unser Kritiker Arno Orzessek beleuchtet den aktuellen Bezug.

"Corpus Delicti" heißt ein Roman von Juli Zeh, in dem sie eine Art Gesundheitsdiktatur beschreibt - ein System, in dem das gesundheitliche Wohlergehen der Bürger absolut gesetzt wird und dafür deren Freiheitsrechte drastisch eingeschränkt werden.

Das Buch ist vor elf Jahren erschienen und es ist inzwischen auch Schullektüre. Nun ist ein Ergänzungsband erschienen - "Fragen zu Corpus Delicti". 

Juli Zeh hatte sich in den letzten Wochen mit anderen Prominenten gegen überzogene Beschränkungen der Grundrechte im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie ausgesprochen.

Das neue Werk sei aber nicht vor dem Corona-Hintergrund entstanden, sagt unser Kritiker Arno Orzessek. Juli Zeh habe auf die vielen Nachfragen zu ihrem Buch reagiert und erkläre mit dem neuen Buch die Entstehung von "Corpus Delicti". 

Ein Selbstporträt der Bürgerin Juli Zeh

Darin gehe sie beispielsweise auf die Hauptfiguren des Romans und die Einflüsse auf ihr Schreiben ein, aber es gehe auch um übergeordnete Aspekte, sagt Orzessek.

"Man könnte sagen: je länger, desto mehr wird das Buch zu einer Art von Selbstporträt der Bürgerin Juli Zeh, die sich im übrigen trotz ihrer öffentlichen Intervention, die wir jetzt schon in vielerlei Hinsicht kennen, gar nicht als besonders politisch empfindet. Corona ist kein Thema. Das Buch war wahrscheinlich fertig, bevor die Krise begann."

In "Fragen zu Corpus Delicti" erläutere Zeh die Verführungskraft einer Gesundheitspolitik, die darauf beruhe, dass alle Maßnahmen der Vernunft entsprächen - mit dem Ziel, die Gesundheit des Einzelnen und des Volkskörpers zu optimieren. Dazu aber brauche der Staat Daten und Kontrolle und er erzwinge dafür auf zunehmend brutale Weise Konformität.

Zehs Kritik am umfassenden Präventionsdenken

Sie berufe sich in ihren Erläuterungen auf Max Horkheimer und Theodor von Adorno, die Dialektik der Aufklärung und auf den italienischen Philosophen Giorgio Agamben und seine These, dass jede Politik, die an den Körper anknüpfe, in eine totalitäre Praxis führen müsse, so Orzessek.

Man müsse dabei im Auge behalten, dass Zeh "Corpus Delicti" als eine Dystopie charakterisiere, aber nicht als ein Gleichnis auf waltende Zustände. "Sie ist eine Verteidigerin der hiesigen Demokratie. Als solche kennen wir sie, sie ist keine Staatsfeindin. Zugleich aber ist richtig: Sie lehnt die Kontrolle und Normierung des Individuums vehement ab. Ihr Engagement gegen Big Data ist bekannt."

Das computerbasierte, algorithmische Kalkül der Existenz sei Zeh ein Gräuel, und sie schreibe an einer Stelle, dass nicht das Wissen, sondern das Nichtwissen dem Menschen Freiheit schenke. "Ich denke, das ist eine Provokation in einem Zeitalter, das gerne alles im Griff hätte und alles rechnen lässt."

Orzessek sagt, er teile Zehs Kritik an einem umfassenden Präventionsdenken, an Belohnungssystemen für korrekte, also konforme Lebensführung wie beispielsweise in China. 

"Juli Zeh meint, dass wenn man erst einmal glaubt, dass es im Leben wie in der Politik in erster Linie um die Abwehr jeder Form von Bedrohung geht, dann verblassen demgegenüber praktisch alle anderen Werte. Und ich fürchte, damit liegt sie richtig."

(rja)

Juli Zeh: Fragen zu "Corpus Delicti"
Random House 2020
240 Seiten, 8 €

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