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Lesart | Beitrag vom 11.12.2018

Neues Buch von Funny van DannenÜber sprechende Erbsen und müde Steine

Funny von Dannen im Gespräch mit Andrea Gerk

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Der Künstler und Liedermacher Fanny von Dannen. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)
Funny van Dannen hat jetzt sein neuntes Buch veröffentlicht. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)

Mit die "Die weitreichenden Folgen des Fleischkonsums" bringt Funny van Dannen sein neuntes Buch heraus. Seine Texte bewegen sich an den Grenzen der Realität. Wie auch seine Geschichten sei er selbst "immer halb im Traum", sagt der Autor und Liedermacher.

Andrea Gerk: Gerade hat Funny van Dannen sein 15. Album herausgebracht und sein neuntes Buch, wenn ich richtig gezählt habe. Mit seinem neuen Album "Alles gut Motherfucker" ist er seit November auf Tournee. Aber heute hat sich Funny van Dannen Zeit genommen und ist bei mir im Studio. Schön, dass Sie da sind, hallo!

Funny van Dannen: Hallo!

Gerk: Sie sind ja nicht nur Musiker. Sie malen auch und haben schon diverse Bücher geschrieben. Gerade ist ein neues erschienen, "Die weitreichenden Folgen des Fleischkonsums" heißt es, aber Fleisch kommt darin gar nicht vor. Wie entsteht denn dann so ein Titel?

van Dannen: Doch, es kommt schon vor. Es gibt eine Geschichte, glaube ich, über eine Fleischverkäuferin, in der das Fleisch plötzlich Farbe verliert, weil es einen Schreck bekommen hat. Ich weiß es nicht mehr, aber es kommt schon vor, Fleisch. Aber es stimmt, es ist jetzt nicht unbedingt …

Gerk: Es ist kein Pamphlet für Vegetarismus.

van Dannen: Nein, nein. Überhaupt nicht. Es zeigt vielleicht eher tatsächlich, was mit Gehirnen passiert, die doch über eine längere Zeit Fleisch zu sich nehmen.

Märchenhafte Texte

Gerk: Sie haben schon gesagt, das Fleisch wird fahl. Bei Ihnen sprechen auch Erbsen miteinander in einer Tiefkühlpackung oder Uhren beklagen sich über den Verlauf der Zeit. Sie wollen nicht immer an die Zeit denken. Wie kommen Sie auf so was? Nehmen Sie da die Erbsen fürs Mittagessen aus der Tiefkühltruhe und denken, was ist denn darin vielleicht los? Oder wie entsteht so was?

van Dannen: Nein, das ergibt sich eigentlich von selbst. Ich hab' die Natur immer schon als beseelt empfunden. Ich hab' jetzt nicht direkt mit Bäumen gesprochen, aber ich finde, alles, was uns umgibt, spricht zu uns.

Gerk: Ich hab mich gestern auf ein Interview über Hans-Christian Andersen vorbereitet, und da ist mir noch mal aufgefallen, dass in den Märchen ja auch ganz viel Dinge sprechen. Da treffen sich Blumen zu einem Ball und tanzen und unterhalten sich. Oder der Zinnsoldat. Hat das auch was Märchenhaftes, Ihre Texte?

van Dannen:  Ja, das hat schon auch damit zu tun. Das eröffnet ja auch eine große Freiheit, wenn alles sprechen kann. Ist doch toll!

Gerk: Vielleicht lesen Sie uns mal, da sind auch Gedichte in diesem Buch drin, ein kurzes Gedicht nur, dass man mal eine Idee hat, wie so ein Funny-van-Dannen-Gedicht klingt.

van Dannen:

Ganz andere.
Die Blumen und die Sterne sind extrem beliebt.
Die haben nie gearbeitet, die haben nie geübt.
Die haben keine Meinung und rühren sich nicht vom Fleck.
Die müssen auch nicht online sein, nur schön und ganz weit weg.
Die Blumen und die Sterne werden wie wir vergehen.
Verblühen und verglühen, ohne uns anzusehen.

An der Grenze der Realität

Gerk: Die Blumen und die Sterne, auch wieder so ein Märchenmotiv eigentlich. Ihr letztes Buch fiel mir ein, "An der Grenze zur Realität", das passt ja eigentlich auch zu allen Ihren Texten. Ist das so eine Region, die Sie interessiert, da, wo dieser Wirklichkeitsbegriff ausfranst?

van Dannen: Ich glaube, ich bin auch immer an der Grenze zur Realität. Ich bin auch immer so halb im Traum. Ich bin schon ein Grenzgänger, glaube ich.

Gerk: Und vieles ist ja erst mal auf den ersten Blick komisch und absurd, wenn man Ihre Texte liest oder auch Ihre Songs hört. Aber dann kippt es oft ins Melancholische, wie ja auch in vielen Märchen. Sie haben mal gesagt, das Komische ist nur der Anfang. Wo führt der denn dann hin?

van Dannen: Das ist ein Starter eigentlich. Das Absurde ist oft für mich ein Start in eine Geschichte oder ein Lied. Und manche Leute denken auch, es wären Nonsens-Geschichten, aber es sind eigentlich nie Nonsens-Geschichten. Die haben schon alle ihren tieferen Sinn. Es gibt eben verschiedene Ebenen. Man kann es auf einer lustigen Ebene wahrnehmen, aber es gibt auch schon noch eine ernstere Ebene, und ich glaube, ich habe immer den Bezug zur Lebenswirklichkeit, auch zum Alltag.

Klare Positionierung gegen Rechts

Gerk: Ja, und auch ganz dezidiert politische Stellungnahmen, die findet man auch in diesen Texten, aber auch in Ihren Songs. Da positionieren Sie sich ja ganz klar gegen Rechts oder auch gegen bestimmten religiösen Fanatismus, sind da sehr viel direkter. Hört denn bei bestimmten Sachen, bei bestimmten Missständen dann auch der Spaß oder die Ironie auf?

van Dannen: Ja, definitiv. Man kann ja sowieso nur intelligente Menschen mit Ironie erreichen. Das hat schon seine Grenzen. Manchen Leuten muss man einfach eins zu eins klar sagen, was Sache ist. Und manchen Leuten ist auch wirklich mit Worten nicht mehr beizukommen. Da müssen dann schon Taten folgen.

Gerk: Im Moment könnte man darüber auch verzweifeln, oder, dass bestimmte Dinge wieder so hochkommen?

van Dannen: Ja, sicherlich. Aber wir müssen das alles mal in einem größeren geschichtlichen Zusammenhang sehen, und da leben wir ja noch in gesegneten Zeiten. Ich glaube, in unserer gesellschaftlichen Situation stehen wir noch ganz gut da, und wir sollten uns besser auf das Positive besinnen. Jetzt ist die Kraft noch da, diesen Missständen zu begegnen und was entgegenzusetzen. Es gab ja andere Zeiten, da war das schon viel schlimmer.

Gerk: Sie kommen ja ursprünglich musikalisch aus dem Punk. Ist denn davon noch was da von dieser Wut, die eigentlich so in den Anfängen des Punk mal so drin steckte?

van Dannen: Ja, hoffe ich doch.

Eigene Bibliothek mit Poesiealben

Gerk: Weil Sie sich gerade so milde angehört hatten. Ich habe gehört, dass Sie Ihre Texte in Poesiealben schreiben. Warum machen Sie das?

van Dannen: Ach, das ist so eine alte Marotte. Ich fand das früher immer ganz schön, so diese Poesiealben vollzukritzeln.

Gerk: Mit Schloss?

van Dannen: Auch mit Schloss, mit Herzchen, mit Schleifchen, mit allem Drum und Dran. Wunderbar. Früher kriegte man die ja noch bei Woolworth für fünf Euro oder fünf Mark. Aber ich hab‘ da mittlerweile, ich weiß nicht, 200, 300. Ich hab‘ also so nebenher mir eine ganz schöne Poesiealbumsammlung angeschafft.

Gerk: Eine ganz eigene Bibliothek mit Poesiealben. Und wenn Sie dann so einen Text anfangen zu schreiben, wissen Sie dann gleich, ob das ein Song wird oder ein literarischer Text?

van Dannen: Nein, nicht immer. Das hängt wahrscheinlich dann vom Sprachrhythmus ab, ob es dann in Richtung Song geht. Manchmal versuche ich aber auch, einen Song aus einem Text zu machen, der vielleicht nicht so singbar klingt aufs erste Hören. Das finde ich dann auch immer ganz interessant, so ein Lied dann doch hinzukriegen.

Aufregung vor jeder Show

Gerk: Sprechen Sie sich die Texte selbst vor oder summen Sie die? Weil der Rhythmus ist ja schon wichtig bei Ihnen und die Melodie.

van Dannen: Ich komme ja vom Mündlichen. Ich bin dem Mündlichen nahe. Ich hab' ja auch direkt mit Lesungen angefangen vor Publikum. Also nicht so im stillen Kämmerlein, sondern in der Kneipe auf dem Tresen und dann direkt zur Sache. Und da muss man natürlich dann auch gleich liefern.

Wenn man die Leute langweilt, dann ist man schnell wieder runter. Das hat sich ja jetzt mit den Poetry Slams so eingebürgert mittlerweile, aber das war bei mir im Anfang schon auch so. So die direkte Publikumsreaktion war schon wichtig.

Funny van Dannen (Deutschlandradio Kultur)Funny van Dannen zu Gast im Deutschlandfunk Kultur. (Deutschlandradio Kultur)

Gerk: Aber gleichzeitig sagen Sie selbst, Sie wären ein schüchterner Mensch. Wie passt das zusammen, dass es einen dann trotzdem so auf die Bühne drängt?

van Dannen: Ja, wahrscheinlich Geltungssucht. Man möchte dann doch irgendwas darstellen in der Welt.

Gerk: Oder viele machen ja auch gerade das sich zur Lebensaufgabe, was sie am schlechtesten können, also eben doch das zu überwinden.

van Dannen: Ich konnte es eigentlich schon immer ganz, also auf der Bühne. Wenn ich dann schon mal auf der Bühne bin, dann fühle ich mich auch schon mal ganz wohl. Aber bis ich dahin komme, bin ich schon aufgeregt. Das ist so eine ambivalente Geschichte.

Gerk: Sie sind ja jetzt seit Anfang November auf Tournee. Das müssen Musiker ja jetzt wieder verstärkt machen, weil man mit den Platten ja nicht mehr so viel Geld verdient. Wie erleben Sie das? Ist das auch eine Inspirationsquelle fürs Schreiben, was man auf so einer Tournee erlebt als Musiker?

van Dannen: Ach, eher selten. Ich habe es eigentlich lieber ruhig, und ich bin ganz gern an einem Ort. Das Reisen ist nicht so meine Sache. Also schon die ganzen Hotels, das ist immer alles furchtbar, finde ich.

Auch Heiligabend wird gesungen

Gerk: Jetzt ist Weihnachtszeit. Die Kollegen von Erdmöbel, die schreiben ja jedes Jahr einen Weihnachtssong. Wie gehen Sie mit dem Thema um? Singen Sie zu Hause mit Ihrer Familie?

van Dannen: Wenn ich nicht auf Tour bin, stelle ich eigentlich auch zu jedem Advent ein Adventslied ins Netz, für die Fans. Und zu Weihnachten dann auch noch eins. Aber jetzt war ich unterwegs und dann ist das irgendwie in Vergessenheit geraten. Aber wir bleiben dran.

Zu Weihnachten muss ich noch was reinstellen, auf jeden Fall. Ja, Advents-, also Weihnachtslieder haben wir natürlich schon gesungen zu Hause, immer zum Heiligen Abend. Bevor die Glocke geht, bevor der Weihnachtsmann dann kommt und die Geschenke bringt, wird natürlich gesungen.

Gerk: Und den Adventssong, den können wir dies Jahr vielleicht vor Weihnachten noch finden. Wir schauen mal nach. Funny van Dannen, vielen Dank, dass Sie hier waren!

van Dannen: Ich danke auch!

Gerk: Und das neue Buch von Funny van Dannen heißt "Die weitreichenden Folgen des Fleischkonsums" und ist bei der Edition Tiamat erschienen. 184 Seiten hat es, und es kostet 18 Euro.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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