Seit 01:05 Uhr Tonart

Freitag, 28.02.2020
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Lesart / Archiv | Beitrag vom 05.06.2019

Neuer Triest-Krimi von Veit HeinichenKommissarin Xenia Zannier löst Proteo Laurenti ab

Veit Heinichen im Gespräch mit Joachim Scholl

Beitrag hören Podcast abonnieren
Kleine Boote im Wasser vor einer Häuserzeile mit schönen Fassaden  (imago images / Photocase / MPower)
Boote im Hafen von Triest: Der Prototyp der europäischen Stadt, sagt Veit Heinichen über den Ort, an dem seine Romane spielen. (imago images / Photocase / MPower)

Veit Heinichen gründete einst den Berlin-Verlag. Heute lebt der Bestsellerautor in der norditalienischen Hafen- und Grenzstadt Triest. "Borderless" heißt sein neuer Krimi, der Gegenwartsthemen wie Einwanderung und Rechtspopulismus verarbeitet.

Joachim Scholl: Als studierter Betriebswirt hat er mal bei Mercedes Benz gearbeitet, dann zum Buchhändler umgesattelt, den Berlin-Verlag gegründet, war Geschäftsführer, und schließlich zog er nach Italien, ließ sich in Triest nieder, und von dort aus begann die Karriere von Veit Heinichen als Bestsellerautor und Star nicht nur der deutschen Krimiszene. In vielen Sprachen sind seine Thriller übersetzt, ein Millionenpublikum kennt auch die Verfilmungen und freut sich schon auf diesen neuen Roman, der jetzt erschienen ist: "Borderless".

Viele Fans werden jetzt die Ohren spitzen und sagen: Oh, welchen Fall muss Commissario Proteo Laurenti denn jetzt lösen? So heißt der Held aus bislang zehn Heinichen-Romanen, aber Überraschung: Proteo Laurenti taucht nur kurz in den Kulissen auf. Im Zentrum steht jemand Neues, eine Kommissarin mit dem Namen Xenia Ylenia Zannier, sie ist schon mal auch so in den Kulissen früher mal aufgetaucht, aber jetzt ist sie also mittendrin. Wie kommt es, Herr Heinichen?

Veit Heinichen: Wie der alte Goethe sagte im "Zauberlehrling": Die Geister, die ich rief, werde ich nun nicht mehr los. So ging es mir mit dem Laurenti, und ich habe ihn in meinem fünften Roman versucht, umzubringen. Habe ich nicht geschafft, und dann kann man das machen, was angeblich in den besten Familien vorkommt: Man setzt ihm die Hörner auf und geht fremd mit einer anderen Figur und einem komplett anderen Stoff. Da ist die Xenia eine ganz wichtige Figur in einer Materie, die ich über viele, viele Jahre recherchiert habe.

"Absolute Deckungsgleichheit zwischen Protagonist und der Materie"

Scholl: "Borderless", grenzenlos – im Titel steckt schon das Thema. Es geht um Grenzüberschreitungen in allen möglichen Formen, der Kriminalität, Wirtschaft, Waffen, Korruption, Immobilienschwindel und dann noch das ganz aktuelle Thema der Flüchtlinge. Wie, Veit Heinichen, ist dieser Roman in Ihrem Kopf entstanden?

Heinichen: Durch jahrelange Beobachtungen und jahrelange Recherche. Ich fange nie vorher an, zu schreiben, ohne dass ich die Materie beherrsche und sie kenne. Deswegen kann ich auch nie sagen, wann ich anfange, weil das ja eine permanente Beobachtung und Studie ist. Darüber bilden sich die Protagonisten raus.

Jeder Stoff braucht seine Protagonisten. Es muss, um die Authentizität herzustellen, eine absolute Deckungsgleichheit zwischen Protagonist und der Materie herrschen. In diesem Fall ist das ein sehr brennendes Thema, obwohl ich vor sieben, acht Jahren mit dem Schreiben begonnen habe und 13 Fassungen zu bewältigen hatte, bis es endlich lesbar wurde, was es jetzt auch sehr ist. Es soll Sie ja nicht loslassen. Diese Dramaturgie zu finden, hat mir dann unter anderem die Xenia geholfen.

Es dreht sich nicht nur um den Titel "Borderless" also im kriminalistischen, im politischen Sinne, sondern auch in den Abgründen der einzelnen Protagonisten in ihren psychologischen Beweggründen, in ihrer Motivation, ob das der Wille zur Macht ist oder die Gier nach Geld oder Eifersucht oder falscher Ehrgeiz oder Obrigkeitshörigkeit. Es spielt alles zusammen, bis hin natürlich auch zur erstickenden Liebe, die es durchaus auch in diesem Roman gibt.

"Damals saßen Außenministerium und die Regierung ja noch in Bonn"

Scholl: Triest liegt im Grenzland. Nahe bei sind Österreich, Slowenien, Kroatien. Und Ihre Geschichte, Veit Heinichen, die lassen Sie zurückreichen bis in die 1990er-Jahre bis zur heute kontrovers eingeschätzten Anerkennung Sloweniens und Kroatiens, zu den schrecklichen Kriegen, die dann stattgefunden haben. Sie sind bekannt dafür, akribisch zu recherchieren. Also jetzt entsteht diese Zeit einfach eigentlich noch mal neu. Wie war es denn für Sie, in diese Geschichte noch mal einzutauchen?

Heinichen: Dadurch, wenn man ein anderes Herangehen hat und nicht direkt mittendrin steckt wie damals, als wir alle von den Ereignissen vor der Haustür im ehemaligen Jugoslawien überrollt wurden, aber das auch nicht ernstgenommen haben.

Ich erinnere mich an große Friedensdemonstrationen für Ruanda und andere Dinge und für Irak, Iran und so weiter, aber den Jugoslawien-Krieg haben wir in Deutschland eigentlich viel zu wenig vollgenommen, obwohl er ja direkt in Reichweite war, abgetan.

Das heißt, wenn man dann in der Recherche rangeht, tun sich durchaus ganz andere Dinge auf. Wenn es 1990 beginnt, also ein Jahr vor der Unabhängigkeitserklärung Kroatiens und Sloweniens, dann müssen wir auch erwähnen, dass damals das Außenministerium und die Regierung ja noch in Bonn saßen, während hier in diesem Roman, der Kanzleramtsminister natürlich in Berlin sitzt, der durchaus eine entscheidende Rolle mitspielt als Koordinator der deutschen Geheimdienste.

Name der Hauptfigur "Xenia" bedeutet die Fremde

Scholl: Jetzt verknüpfen Sie diese Historie mit den aktuellen Entwicklungen. Die Handlung spielt zum größten Teil in Grado, das ist eine Touristenstadt in der Gegend von Triest. Und an einer Stelle sagt die Kommissarin: "Ohne Fremde wäre Grado dem Verfall preisgegeben. Ohne Fremde ist die gesamte Grenzregion im Nordosten Italiens undenkbar, ohne Fremde ergebe Europa keinen Sinn."

Das denkt die Kommissarin, als sie die Plakate einer ominösen patriotischen Vereinigung und Schmierereien an den Wänden sieht, wo eine fremdenfeindliche Stimmung erzeugt wird durch Überfälle auch und Übergriffe. Haben Sie selbst, Veit Heinichen, eine solche Stimmung erlebt in Ihrer Stadt oder in der Gegend?

Heinichen: In Triest nicht. In der Gegend, in diesem Sinne, auch nicht. Aber ganz Europa ist mittlerweile ein Dorf, und diese populistischen Tendenzen, um mit Hass entweder Wählerstimmen oder Umsatz zu machen oder Profit zu machen, sind nun mal leider auch "borderless" - ohne Grenzen.

Es ist eine durchgehende Problematik, mit der man versucht, die Leute für doof zu verkaufen. Und Xenia – vielleicht darf ich das noch kurz anfügen –, ihr Name bedeutet selbst die Fremde, und sie weiß ganz genau, was Europa ist. Sie ist in diesem Grenzgebiet vielsprachig großgeworden, weil das normal ist hier. Sie ist gereist, sie hat ihre Karriere in anderen Städten Italiens, im Süden vor allem, gemacht und ließ sich irgendwann zurückversetzen in dieses Grado. Das ist ein verschlafener schöner Adria-Badeort, von dem irgendjemand in dem Roman mal sagt, das sei so gemütlich, dass im Sommer selbst die Alten zu träge zum Sterben seien.

Schwarzweißaufnahme des Autors. Er trägt Brille und Lederjacke und schaut in die Kamera. (Massimo Goina / Piper Verlag)"Hier ist keiner fremd", sagt Veit Heinichen über seinen Wohnort Triest. (Massimo Goina / Piper Verlag)

Scholl: Die italienische Politik, die wird zurzeit beherrscht durch einen militanten Innenminister, Matteo Salvini, den kennt man inzwischen mehr als den Ministerpräsidenten. Hat sich denn das Land, Veit Heinichen, oder auch Ihr Triest in letzter Zeit verändert?

Heinichen: Triest hat sich nicht verändert, weil Triest ist der Prototyp der europäischen Stadt durch die Einwanderung seit frühester Stunde immer gewesen. Und als Hafenstadt, als Grenzstadt. Oder als es noch keine Grenzen in Europa gab, als die Reiche noch offen waren, aber vor allem als Hafenstadt durch den internationalen Austausch natürlich. Hier ist keiner fremd, und hier ist es ganz schwierig, jemanden zu finden, der einen ethnisch - sagen wir mal - monotonen Stammbaum hat, sondern man findet immer ganz Europa drin.

Diese populistische Tendenz, die der Innenminister Salvini von der Lega vertritt und mit der er Wählerstimmen um sich zu scharen versucht, indem er idiotisch einfache Lösungen anbietet, die es nicht gibt, diese Tendenz gibt es aber leider nicht nur in Italien und gibt es auch in Deutschland, es gibt sie in Österreich, es gibt sie in Frankreich und in den osteuropäischen Ländern. Da dreht es sich genau darum, dass man den Tatsachen so nicht begegnen kann, denn da werden Lösungen vorgeschlagen, als könnte man die Probleme ausblenden wie man das Licht ausstellt. Es ist aber in der Tat eine Verwebung von Schattengesellschaften und vor allem in der Gier nach Profit und Macht hemmungslos instrumentalisiert.

Ein Ex-Investmentbanker als Schlepper

Scholl: Wir dürfen natürlich nicht zu viel verraten, Herr Heinichen, die Spannung geht also wirklich buchstäblich bis zur letzten Seite. Nach einer besonderen Figur möchte ich Sie aber dennoch fragen, auch im Zusammenhang mit der Flüchtlingsproblematik, die im Roman doch eine Rolle spielt. Da gibt es nämlich einen reichen Mann, der sein Geld als Investmentbanker in Deutschland verdient hat.

Jetzt lebt er wieder in Triest, ist so ein langhaariger Hippie-Typ mit Harley-Davidson- und Karl-Marx-T-Shirt, züchtet offiziell nur noch Gemüse, ist aber ein heimlicher Schlepper, organisiert Flüchtlingsfahrten von der Türkei aus. Sie zeichnen ihn aber durchaus als guten Menschen, der anderen auch hilft und wirklich Gutes im Sinn hat. Interessante Figur jedenfalls. Was hatten Sie im Sinn?

Heinichen: Valerio Alfieri heißt er. Er hat eine große Bankerkarriere in Mailand hinter sich und ist dann zum Broker in Frankfurt geworden, ist in der CDU-Mittelstandsvereinigung dort auch angesiedelt, ist selbst mit einer Türkin in Frankfurt verheiratet, die eine Personalagentur, eine deutsch-türkische, betreibt und so weiter.

Er ist keine unsympathische Figur. Das gebe ich zu. Ich habe meine großen Probleme mit ihm, weil er kann sich seine Wohltäterschaft leisten, also finanziell leisten. Er hat eigentlich gar nichts zu verlieren und führt damit an der Problematik genauso vorbei, wie es die schlimmsten Demagogen tun. Also es ist auch er ein Prototyp von Figuren, denen wir im Alltag begegnen können.

Autoren wie Italo Svevo oder James Joyce lebten hier

Scholl: Ihre Romane bringen einen auf jeden Fall immer genau in diese italienische Stimmung, die man eigentlich auch so toll findet, wenn man durch Triest geht mit Ihnen und durch diese Region. Literaturliebhaber verbinden die Stadt natürlich auch somit Autoren wie Italo Svevo oder James Joyce, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts längere Zeit dort gelebt hat. Manche sagen sogar, der "Ulysses" hätte viel mehr Triest als Dublin in sich. Ist Triest eigentlich für Sie, die Region, auch immer noch eine Literaturgegend, Veit Heinichen? Ich meine, es ist ja etwas völlig anderes, wenn man da lebt, nicht wahr?

Heinichen: Wenn ich mich frage, wo Literatur entsteht und mir anschaue, was ich alles gelesen habe, was ich lese und so weiter, merke ich, dass sie vor allem aus kontrastreichen Gebieten für uns ganz interessant wird, also nicht in der Monokultur, in der Einöde, sondern da, wo es Spannungen gibt. Und da hat Triest als Stadt sowohl in ihrer Geschichte wie auch in der Gegenwart extrem viel zu bieten.

Sie ist sicherlich eine der wenigen Hauptstädte der Weltliteratur in Europa, in der Literatur immer in vielen Sprachen geschaffen wurde - und nicht nur einer - und von vielen Autoren unterschiedlicher Nationalität, die aber auch bis heute durch ihre strategisch zentrale Lage im Mittelmeerraum und in Europa eine ganz wesentliche Scharnierfunktion hat.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Lesart

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur