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Neue Musik | Beitrag vom 03.11.2020

Neue Musik in der DDR – ein RückblickAvantgarde unter anderen Voraussetzungen

Von Florian Neuner

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Das Publikum hat sich während der Uraufführung um die Musiker herum verteilt (Archiv Heike Hoffmann)
Die Gruppe Neue Musik "Hanns Eisler" Leipzig mit einer Aufführung von Friederich Schenkers "Missa nigra" (Archiv Heike Hoffmann)

30 Jahre nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland stellt sich die Frage, welche Rolle im Osten sozialisierte Komponisten heute spielen und inwieweit man von einer spezifischen Tradition und Ästhetik sprechen kann.

Die Doktrin des sozialistischen Realismus hatte längst schon keine Geltung mehr. In den Honecker-Jahren stand die zeitgenössische Musik in der DDR längst nicht unter so scharfer Beobachtung wie die Literatur. Vieles wurde möglich – eine andere Avantgarde entwickelte sich.

Das Zentrum der neuen Musik in der DDR war Leipzig. Dort dirigierte Herbert Kegel mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Programme, die auch Musik, die einige Jahre zuvor noch als Formalismus oder westliche Dekadenz beargwöhnt worden war – etwa die Schönberg-Schule – nicht ausschloss. Und in der Messestadt wurde auch die Gruppe Neue Musik "Hanns Eisler" gegründet, die als Spezialensemble für neue Musik bald international konzertierte. Komponisten wie Paul-Heinz Dittrich, Friedrich Goldmann oder Friedrich Schenker wurden im Westen aufgeführt und konnten auch reisen.

Blühende Kulturlandschaften

Die dichte Kulturlandschaft der DDR, die zahlreichen Orchester und Theater, auch in kleineren Städten, bescherten zumindest den Komponisten ein Auskommen und Aufträge, die Mitglieder im Komponistenverband waren. In den späten Jahren der DDR entwickelte sich aber auch – zunächst im Untergrund – eine lebendige Szene für improvisierte Musik. Nach der Wiedervereinigung vor 30 Jahren fiel es vielen, vor allem der älteren Musiker schwer, sich unter den neuen Marktbedingungen zu behaupten.

Funktionswechsel

"Die meisten Komponisten", so die Kulturwissenschaftlerin und Festivalleiterin Heike Hoffmann, "haben sich verstanden als Künstler, die gesellschaftlich eingreifen wollen, und als solche haben sie erstens eine sehr anerkannte Position gehabt und zweitens eine wirklich wichtige Funktion wahrgenommen. Und diese gesellschaftliche Relevanz ist jetzt natürlich mit den heutigen Marktstrukturen total verschwunden.

Die Komponisten sind auch nicht mehr als Gruppe existent, sondern sind Individuen, wie der Künstler eben Individuum ist, und versuchen halt, ihre Wege zu finden … sind sich mehr oder weniger treu geblieben, aber ich denke, die Schwierigkeit war für viele, diesen Schritt mitzugehen bzw. zu akzeptieren, daß die Funktion eine andere geworden ist in der Gesellschaft".

Eigenes Kapitel

Musik aus der DDR – ist das nicht wirklich längst ein abgeschlossenes Kapitel? Und kann man überhaupt von einer eigenständigen Ästhetik, einem von den westeuropäischen Avantgarden abgrenzbaren Musikdenken sprechen? Vor allem: Kann man das noch immer?

Was ist davon geblieben? Wie haben sie sich diese Komponisten weiterentwickelt nach der Wende? Welche Rollen spielen sie im gesamtdeutschen Musikleben?

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