Neue Fehlerkultur

Eine falsche Konjunktur der Entschuldigung

04:53 Minuten
Illustration von zwei gefalteten Händen, als Geste der Entschuldigung.
Scheinheilige Entschuldigungen entwerten eine kostbare Geste, warnt der Philosoph Arnd Pollmann. © Getty Images / iStock / Yayasya
Von Arnd Pollmann · 01.05.2022
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Bundespräsident Steinmeier, Xavier Naidoo, Ex-Ministerin Anne Spiegel – die öffentliche Entschuldigung liegt im Trend. Das wirkt vielleicht fortschrittlich, zeugt aber von einer bedauerlichen Entwicklung, kommentiert der Philosoph Arnd Pollmann.
Am letzten Wochenende hat Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder der New York Times zu Protokoll gegeben: „Ich mache jetzt nicht einen auf Mea Culpa. Das ist nicht mein Ding.“ Dieser freche Trotz, mit dem sich Schröder weigert, seine Geschäftsbeziehungen zu Putins Russland zu bereuen, sorgt für Empörung. Ist in den letzten Wochen doch geradezu ein Trend zu beobachten gewesen, öffentlich um Entschuldigung zu bitten und sich publicityträchtig zerknirscht zu zeigen.

Abbitte als Flucht nach vorn

Dieses hippe Ritual verdankt sich professioneller Medienkompetenz: Heutzutage lassen sich moralische Verfehlungen immer schwerer unter den Teppich kehren. Gleichzeitig ist ein wachsendes Gespür für Fehltritte und Mikroaggressionen zu verzeichnen, mit dem es zu einer Multiplikation von Anlässen kommt. Und seit dem Kindergarten weiß man: Steht die Erwartung „Du musst dich entschuldigen!“ erst einmal im Raum, kann man sich ihr nur noch schwer entziehen. Dann wird die Abbitte zur Flucht nach vorn: Wer das eigene Ansehen wahren will, hat Einsicht und Bußfertigkeit zu demonstrieren.
Arnd Pollmann schaut freundlich in die Kamera.
Um Entschuldigung muss man bitten. Wer glaubt, sich selbst entschuldigen zu können, kann es gleich lassen, meint Arnd Pollmann.© privat
In den letzten Wochen war jedoch zu spüren, dass die Öffentlichkeit mit vielen dieser Entschuldigungen nicht zufrieden war. Denken wir an Anne Spiegel, die ehemalige Familienministerin, an Boris Johnson, Will Smith oder auch an Xavier Naidoo: Außer den eigenen Fans wollte Ihnen niemand ihre zur Schau gestellte Zerknirschung abnehmen.

Ohne Reue keine Entschuldigung

Zunächst wird daran deutlich, dass man sich gar nicht „selbst“ entschuldigen kann. Das muss die jeweils andere Seite tun. Man kann allenfalls um Entschuldigung bitten. Wobei die korrespondierende Vergebung etwas nahezu Unwahrscheinliches hat: Die verzeihende Person muss bereit sein, fortan von weiterer Vergeltung abzusehen. Dazu müssen wichtige Bedingungen erfüllt sein.

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er ist Professor für Ethik und Sozialphilosophie an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin und Mitherausgeber des philosophischen Onlinemagazins Slippery Slopes.

Die Entschuldigung muss aufrichtig, echt wirken. Das ist nur dann der Fall, wenn die Person einsichtig ist und ihr Handeln bereut. Sonst ist die Entschuldigung geheuchelt. Auch sollte die Entschuldigung freiwillig erfolgen. Schon daran hapert es in diesen Tagen erzwungener PR-Maßnahmen oft. Wer auf Druck hin sagt: „Na gut, dann entschuldige ich mich eben!“, hat schon verloren.

Wiedergutmachung und Wille zur Besserung

Im Übrigen wird sich die Gegenseite selten mit einem lapidaren „Bitte entschuldige!“ zufriedengeben. Das Anliegen muss gut begründet sein. Eine bereits damals überforderte Landesministerin bereut ihren Urlaub inmitten einer Flutkatastrophe mit dem Hinweis auf schwere familiäre Belastungen. Aber diese Belastungen halten sie nicht davon ab, kurz darauf ein Bundesministerium zu übernehmen. Das wirkt wenig überzeugend.
Solche Erklärungen sind auch deshalb heikel, weil sie vorbehaltlos zu erfolgen haben. Wer etwa sagt: „Ich entschuldige mich, wenn du dich entschuldigst“, kann es gleich lassen. Auch wer ein relativierendes „aber“ anfügt, wie etwa der Bundespräsident, der mit Blick auf Putin sagt: „Ich habe mich getäuscht. Aber wir haben uns alle getäuscht“. Und noch zwei weitere Tipps: Man sollte tätige Reue zeigen und Wiedergutmachung folgen lassen. Außerdem sollte man den festen Willen demonstrieren, auch zukünftig nicht rückfällig zu werden, lieber Xavier Naidoo!

Entwertung durch Inflation

Angesicht dieser überaus anspruchsvollen Gelingensbedingungen wird deutlich, dass jede aufrichtige Bitte um Entschuldigung einem moralischen Insolvenzantrag gleicht. Man zieht ethisch „blank“. Auch deshalb sollte man sich weder unbedacht entschuldigen noch vorschnell darum bitten. Wer sich unentwegt entschuldigt oder aber ständig auf Entschuldigungen pocht, fällt anderen rasch auf den Wecker.
So auch der derzeitige Trend zur öffentlich inszenierten Zerknirschung. Denn wer diese inflationäre Bußerwartung allzu eilfertig bedient, entwertet die so heikle wie kostbare Geste. Aus Sicht einer Ethik der Entschuldigung mag einem am Ende ein Ex-Kanzler, der auf authentische Weise trotzig bleibt, lieber sein als ein sich entschuldigender Sprechautomat im Schloss Bellevue.

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