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Frühkritik | Beitrag vom 24.11.2016

Neu im Kino: "Ich, Daniel Blake"Gegen die hässliche Fratze des Turbo-Kapitalismus

Von Jörg Taszman

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TO USE IN CONNECTION WITH CANNES FILM FESTIVAL HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES (picture alliance / dpa / Cannes Film Festival / Handout)
Eine Szene aus dem Gewinner-Film "I, Daniel Blake" (picture alliance / dpa / Cannes Film Festival / Handout)

Daniel Blake ist ein anständiger Bürger, er zahlt immer seine Steuern und fällt nicht auf. Doch plötzlich erkrankt er und ist auf das Sozialsystem angewiesen. Er gerät in einen Teufelskreis aus Anträgen und Zuständigkeiten - dem er sich widersetzt. Regisseur Ken Loach ist mit "Ich, Daniel Blake" ein Film gelungen, der sowohl unterhaltsam und humorvoll als auch sozialkritisch ist.

Man hat noch kein Bild gesehen und wird während des Vorspanns Zeuge eines absurden Telefonats. Eine Frauenstimme fragt den Zimmermann Daniel Blake, ob er noch 50 Meter laufen könne. Nein, medizinisch qualifiziert ist sie nicht, aber sie soll dennoch einstufen, ob der etwa 60-jährige Blake Recht auf Arbeitslosenhilfe habe. Zunehmend verärgert stellt Daniel Blake fest, dass die anonyme Stimme, die im Auftrag der Regierung anruft, sich nicht dafür interessiert, dass er kürzlich einen Herzinfarkt hatte und vom Arzt krankgeschrieben ist.

Willkommen in den Mühlen der westlichen Bürokratie. Vom Sozialstaat ist nicht mehr viel übrig. Da haben Maggie Thatcher, Tony Blair und bis vor kurzem James Cameron ganze Arbeit geleistet. Ken Loach filmt diesen Ist-Zustand mit der ihm typischen Mischung aus Wut, bissigem Humor und Emotionalität. In seinem kraftvollen Werk beschreibt Ken Loach auch, wie Katie eine junge Mutter mit zwei Kindern auf dem Arbeitsamt verzweifelt darum kämpft, finanzielle Unterstützung zu erhalten. Bürokratische Beamte verweigern ihr jede Hilfe, weil sie zu spät zum Termin kommt. Bis sich Daniel Blake wortstark für sie einsetzt. Es ist der Beginn einen ungewöhnlichen, platonischen Freundschaft.

Authentisch und voller wütender Leidenschaft 

Die Figuren von Ken Loach und seinem schottischen Drehbuchautor Paul Laverty sind nie Abziehbilder oder heroisierte Kämpfer aus der Arbeiterklasse. Sie kämpfen um ihre Würde und stammen aus einer sozialen Schicht, die das bürgerliche Kino gerne ausspart. "Ich, Daniel Blake" ist ein typischer Loach. Er lebt von der Authentizität, dem Jargon der Straße, den unbekannten Darstellern mit den vom Leben gezeichneten Gesichtern. Und so ist dieser Film ebenso unterhaltsam wie humorvoll, authentisch und voller wütender Leidenschaft gegen die hässliche Fratze des Turbo-Kapitalismus, der sozial Schwache einfach ausgrenzt und demütigt.

Ken Loach ist einer der ganz großen europäischen Regisseure. Das hat er mit diesem engagierten, kleinen Meisterwerk über den Zimmermann Daniel Blake erneut bewiesen. Und so geht die Goldene Palme 2016 in Cannes auch völlig in Ordnung. Sorry Toni Erdmann...

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