Neu im Kino

Falsche Zeit, falscher Ort

Regisseur Ryan Coogler wurde beim Filmfestival in Cannes für seinen Film "Fruitvale Station" ausgezeichnet © picture alliance / dpa / Sebastien Nogier
Von Anke Leweke · 30.04.2014
Der Film nimmt den Zuschauer mit in die letzten Stunden des Lebens von Oscar Grant, der 2009 von einem Polizisten am Bahnhof "Fruitvale Station" erschossen wurde. Ein unpathetischer Film über die Alltäglichkeit von Rassismus in den USA.
Der Text als Audiobeitrag: "Fruitvale Station"
Es gibt diese merkwürdig paradoxe Situation im Kino: Gebannt folgt man einer Geschichte und fragt sich gleichzeitig, warum sie erzählt werden muss, ja, was sie überhaupt auf der Leinwand zu suchen hat. Mit einer Kamera, die mit der Energie des Helden Schritt halten kann, nimmt uns Ryan Coogler in "Fruitvale Station" mit in den Alltag des 22-jährigen Afroamerikaners Oscar Grant aus Oakland.
Oscars leicht großmäuliges Gebaren ist nicht unsympathisch, sein breitbeiniger Gang hat etwas Forsches, als wolle er die Welt erobern. Ausgelassen spielt er mit seiner kleinen Tochter, springt beim Wettrennen aufs Autodach. Er versucht, seine verärgerte Freundin (Melonie Diaz) zu besänftigen, die ihm eine frühere Affäre vorhält. Nachdem er sie zur Arbeit gefahren hat, erledigt Oscar die Besorgungen für die Geburtstagsfeier seiner Mutter.
Es scheint ein ganz gewöhnlicher Tag. Und dennoch wissen wir mehr als der junge Mann auf der Leinwand: Oscar Grant (Michael B. Jordan) hat nur noch wenige Stunden zu leben. Nach einer fröhlichen Silvesternacht wurde er in den frühen Morgenstunden des 1. Januar 2009 auf dem Bahnsteig Fruitvale Station von einem Polizisten erschossen.
Es ist dieser Wissensvorsprung, der angesichts von Ryan Cooglers Film "Fruitvale Station" Fragen aufkommen lässt. Weil er einen Suspense mit sich bringt, der angesichts der realen Ereignisse unangebracht sein könnte. Man folgt einem jungen Menschen während seiner letzten Stunden und wartet letztlich auf den Todesschuss.
Ein klarer Fall von Rassismus
Natürlich ist Ryan Coogler nicht der erste Regisseur, der sich an einem realen Mord abarbeitet, die Tat in eine fiktionalisierte Handlung einbettet. Man denke nur an Michael Hanekes Film "71 Momente einer Chronologie eines Zufalls". In losen Szenen folgt er einer Handvoll Menschen durch ihr eher tristes und einsames Leben, bevor sie in einer Bank Opfer eines Amoklaufes werden.
Oder Gus van Sants Film "Elephant" über die Stunden vor den Schüssen in der Columbine High School. Eigentlich macht van Sant nichts anderes als Ryan Coogler. Er beobachtet junge Menschen bei ihren letzten Gängen und Gesprächen. Seltsamerweise kamen bei diesen beiden Filmen kaum Bedenken auf, hinterfragte man nicht das Anliegen des Regisseurs. Vielleicht weil es sich um Amokläufe handelt, die einen unerklärlichen Rest mit sich bringen, sich wie ein Mysterium über die Handlung legen.
Bei Cooglers Film hingegen ist die Sachlage klar. Der Vorfall auf der Fruitvale Station zeigt den alltäglichen Rassismus eines Landes und seiner Exekutive. Ohne jede Not wurde ein junger Mensch getötet, weil er eine andere Hautfarbe hatte und einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort war. Es ist diese Eindeutigkeit, die den Zuschauer direkt zur Stellungnahme auffordert. Deshalb kann man sich der Geschichte und der Wut, aus der sie entstanden sein muss, nicht entziehen.
Aber es gibt noch eine weitere, existenzielle Ebene: Mit seiner Chronik der letzten Stunden von Oscar Grant macht Ryan Coogler erfahrbar, was es heißt, wenn ein Mensch aus seinem Leben gerissen wird. Das klingt pathetischer, als sich dieser Film ansieht.

"Fruitvale Station" von Ryan Coogler
Mit: Michael B. Jordan, Melonie Diaz, Octavia Spencer
USA 2013, 85 Minuten

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