Ohne Umlaut zum Erfolg

Daniel Brühl, dessen Film Rush das Zurich Film Festival eröffnete © dpa / picture alliance / Warren Toda
Von Jörg Taszman · 01.10.2013
In Zürich versucht man Promi- und Programmkino unter einen Hut zu bekommen. Das Festival bringt die Filmwelt zwar nicht unbedingt weiter, zeigt allerdings eine gelungene Mischung aus amerikanischen Blockbustern und internationalem Independent-Kino.
Ganz Zürich schmiss sich in Schale zur Eröffnung auf dem grünen Teppich. Der Rennfahrerfilm "Rush" eröffnete am Donnerstagabend das Zurich Filmfestival ohne Umlaut. Man ist da ja international ganz Englisch. Dem Schweizer Kulturminister Alain Berset war das eine kleine, ironische Spitze wert. "The Umlaut in Zurich has gone with the wind", meinte er und hatte die Lacher auf seiner Seite.

Da auch "Rush" als Eröffnungsfilm prächtig zu unterhalten vermochte und ein ebenso bescheidener wie sympathischer Daniel Brühl, der im Film Niki Lauda spielt, kräftig gefeiert wurde, ließ sich der Einstand schon einmal gut an. Das Züricher Filmfestival lebt von seinen glamourösen Momenten und seinen Stars. Das Budget von 6 Millionen Schweizer Franken kommt hauptsächlich von insgesamt über 100 Sponsoren. Die möchten natürlich auch eine Außenwirkung erzielen. Nadja Schildknecht erläutert das Konzept, dass sie mit ihrem Ko-Festivaldirektor Karl Spoerri propagiert.

Nadja Schildknecht: "Sicherlich ist das ein Spagat. Wie lassen uns aber nicht ins Programm reinreden. Ich glaube auch, dass die Sponsoren eigentlich bereit sind auch Neues zu erfahren und dementsprechend das Programm auf unserer Seite lassen. Wir sind aber auch ein Publikumsfestival.

Das heißt wir wollen wirklich auch das Publikum begeistern mit ganz verschiedenen Filmen und dies bedeutet bei den 122, die wir zur Auswahl haben, hat es auch wirklich jedes Genre dabei und auch für jeden Geschmack etwas."

In Teilen der Schweizer Presse werden die beiden 40-jährigen, relativ jungen Festivalmacher angegriffen. Man wirft ihnen vor, nur auf Stars zu setzen, den großen Verleihern mit ihren US-Filmen lediglich eine Kinostartrampe zu bieten und sich das Beste aus anderen Festivals zusammen zu suchen. Das ist nicht falsch, aber durchaus legitim.

Und warum sollte ein Festival nicht auch kommerzielle Filme wie "Diana" zeigen, der erst im Januar in Deutschland in die Kinos kommt. Oliver Hirschbiegel, der deutsche Regisseur musste viel Prügel einstecken, auch in Zürich kam der Film nicht gut weg. Oliver Hirschbiegel kann jedoch ganz gut einstecken und wirkte im Gespräch gut gelaunt, obwohl sein Film in Großbritannien floppte.

Hirschbiegel: "Ich glaub das was wir gemacht haben ist wahrscheinlich das Angreifbarste oder das Irritierendste für die Engländer, weil es ohne jeden Sarkasmus und Ironie ne sehr wahrhaftige, tiefe, universelle Liebesgeschichte erzählt. Das finden die irritierend. Das macht denen Angst."

Bestes amerikanisches Independent-Kino
Neben den vielen bekannten Filmemachern wie Atom Egoyan oder James Gray die ihre neuesten Filme persönlich vorstellten, überzeugte vor allem der Wettbewerbsbeitrag "Fruitvale Station" des nur 27 Jahre jungen Afroamerikaners Ryan Coogler. Er erzählt die wahre Geschichte des 22-jährigen Afroamerikaners Oscar Grant, der in der San Francisco Bay Area in der Silvesternacht 2008/2009 von einem weißen Polizisten erschossen wurde, obwohl er mit Handschellen gefesselt auf dem Boden einer Metrostation lag.

Der Film gewann beim Sundance Festival, dem wichtigsten amerikanischen Festival für unabhängiges Kino bereits den Hauptpreis, feierte nun seine deutschsprachige Premiere und ist bestes amerikanisches Independent-Kino. Auch Ryan Coogler kam nach Zürich und wies darauf hin, wie traumatisch dieser rassistisch gefärbte Mord für eine ganze Region war.

Ryan Coogler: "Also für mich, war das unglaublich bewegend. Das war jemand, der aussah ich und einfach so erschossen wurde. Wenn man das dann im Internet oder den Nachrichten sieht, hat das eine Wirkung. Es versetzte die ganze Region um San Francisco in einen Schockzustand.

Wir sind ja eher liberal und Kalifornien hatte ja Obama gewählt. Im November 2008 wird also der erste afroamerikanische Präsident gewählt. Und Oscar Grant wird praktisch vor laufenden Fernsehkameras Sylvester 2008 von einem weißen Polizisten erschossen."

Der Film "Fruitvale Station" gehört in den USA bereits zu den Geheimfavoriten für einen Oscar, das liegt auch am Hollywoodmogul Harvey Weinstein, der Oscarmacher, der mit Filmen wie "The Kings Speech" oder "The Artist" bei den Oscars triumphierte und nun auch diese nur eine Million teure, kleine Produktion in die US-Kinos brachte. Harvey Weinstein, der auch Quentin Tarrantino so groß herausbrachte, kam ebenfalls nach Zürich und gab dort eine Masterclass, die im wesentlichen aus dem Erzählen amüsanter Anekdoten bestand. Dabei lobte er auch deutsche Schauspieler.

Harvey Weinstein: "Ich hatte eine Wahnsinnszeit, als wir Inglourious Basterds in Berlin drehten. Daniel Brühl war großartig, Christoph Waltz natürlich auch, aber keiner war witziger als Til Schweiger. Alles, was ihr über ihn lest, in seinen Filmen seht. Er ist noch viel cooler. Er führte uns an Orte von denen wir nie gehört hatten, Orte von denen er bestimmt auch selber nie gehört hatte und Orte, die wohl nur eine Nacht lang existierten, weil er sie für uns öffnete."

Man kann in diesem Jahr behaupten, dass es in Zürich gelungen ist, das Kino zu feiern und dem Publikum dabei dennoch kleinere, schrägere Werke zu präsentieren. Beispielsweise "Finsterworld", der im deutschsprachigen Wettbewerb lief. Es ist ein bitterböser, origineller Film aus Deutschland, der beim Schweizer Publikum wegen seiner herrlich komischen Dialoge für viele Lacher sorgte.

Vielleicht gewinnt "Finsterworld" ja in Zürich einen Preis. Auf jeden Fall profitierte das Festival in diesem Herbst davon, dass in den nächsten Wochen viele sehr gute Filme ins Kino kommen und man sich nur clever zu bedienen brauchte.

Harvey Weinstein jedenfalls orakelte, dass es für ihn die härteste Oscar Saison aller Zeiten würde, weil auch die Konkurrenz über hochwertige Produktionen verfüge. Wenn es Festivals wie Zürich gelingt, den Kinobesuch wieder ankurbeln, der in der Schweiz bei minus zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr liegt, dann haben sie ihren Zweck erfüllt.
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