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Fazit | Beitrag vom 30.09.2020

Neu im Kino: "Enfant terrible"Wilder Trip durch das Leben Fassbinders

Von Hartwig Tegeler

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Szene aus dem Film "Enfant Terrible": Rainer Werner Fassbinder (gespielt von Oliver Masucci) in schwarzer Lederjacke und mit Polizeimütze.  (Bavaria Filmproduktion)
Oliver Masucci verkörpert Rainer Werner Fassbinder herausragend, urteilt Hartwig Tegeler. (Bavaria Filmproduktion)

Bürgerschreck, machtbesessen, liebeshungrig: Regisseur Rainer Werner Fassbinder lebte, als ob es kein Morgen gäbe, und starb 1982 mit nur 37 Jahren. Oskar Roehlers Film „Enfant Terrible“ zeigt die Widersprüche in einem Künstlerleben der Extreme.

Worum geht es?

Oskar Roehler erzählt die Geschichte von Rainer Werner Fassbinder von den Anfängen des Anti-Theaters der 1968er-Jahre über die ersten Filme und Erfolge und damit zusammenhängend die Geburt des "Bürgerschrecks", erzählt von einem Leben auf der Rasierklinge, was für den Filmemacher bedeutete, tags zu drehen, abends zu schreiben und nachts in Schwulenclubs nach Liebe und Sex zu suchen.

Das Private und die Kunst bildeten dabei bei Fassbinder immer eine Einheit. Seine Geliebten wurden seine Darsteller, die Malträtierten, Hochgejubelten, Ausgebeuteten aus dem berühmt-berüchtigten Fassbinder-Clan zu den Figuren in seinen Filmen. Oskar Roehler erzählt von einem Künstler, der radikal, ohne Rücksicht auf Verluste – auch in seinem Umfeld – lebte, als ob es kein Morgen gebe.

Was macht den Film besonders?

"Enfant Terrible", dieses Biopic über das "schreckliche Kind" des deutschen Films der 1960er-, 70er- und 80er-Jahre, ist aber keine Anekdotensammlung. Vielmehr merkt man Oskar Roehler sehr genau an, dass er einen Film aus Budget-Gründen in einer minimalistischen Theater-Dekoration gedreht hat. In der entfaltet sich ein quälendes Wühlen durch ein extremes und extrem widersprüchliches Leben und das Scheitern daran.

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Roehlers Film legt ein rasendes Tempo mit einem herausragenden, intensiven Oliver Masucci als Fassbinder vor. Mit koksgetriebener Dynamik, Hektik, Brüllen. Roehler erzählt im Kern, wie die Kreativität, die durch den wilden Geist Rainer Werner Fassbinders hindurch nach außen will, sich immer wieder von anderen Menschen behindert sieht.

Am Ende von "Enfant Terrible" muss man aufpassen, nicht für einen verrückten Moment zu glauben, in der Gestalt von Oliver Masucci sei Rainer Werner Fassbinder wieder auferstanden.

Die Bewertung

Die Qualität von Oskar Roehlers Film liegt in der Brachialität, mit der er die Widersprüche in Fassbinders Leben auffaltet – Machtsucht, Kunstsucht, Liebessucht, dazu die Vivisektion der BRD auf der Leinwand – und diese Widersprüche zur Betrachtung offen daliegen lässt.

Fassbinder hat über Theodor Fontane gesagt, dessen "Effi Briest" er verfilmte, dass er diesen Schriftsteller schätze, weil dieser präzise beschreibe, ohne eine Lösung für das Problem vorschlagen zu können. Damit fühle er, Fassbinder, sich diesem Schriftsteller sehr nahe.

Nach "Enfant Terrible" könnte man meinen, dass auch Oskar Roehler sich aus dem gleichen Grund Rainer Werner Fassbinder nahe fühlt und die Frage, ob ein großer Künstler ein guter Mensch sein muss, als rhetorisch betrachtet. Das ist natürlich heute, in den Zeiten von politischer Korrektheit und "Cancel Culture" eine Provokation.

Mehr zum Thema

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