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Fazit / Archiv | Beitrag vom 14.12.2015

Neu im Kino: "Carol"Wunderbar zeitlose Liebesgeschichte

Von Bernd Sobolla

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Der Regisseur Todd Haynes präsentiert seinen Film "Carol" am 8. November 2015 in Hollywood. (dpa / picture alliance / EPA / Mike Nelson)
Der Regisseur Todd Haynes präsentiert seinen Film "Carol" am 8. November 2015 in Hollywood (dpa / picture alliance / EPA / Mike Nelson)

Der amerikanische Regisseur Todd Haynes befasst sich in seinen Filmen häufig mit gleichgeschlechtlichen Beziehungen. In "Carol" erzählt er wunderbar zeitlos und in grandiosen Bildern die Geschichte zweier Frauen, die sich in den 50er-Jahren ineinander verlieben.

Die 19-jährige Therese, gespielt von Rooney Mara, träumt davon, Fotografin zu werden. Ihren Lebensunterhalt verdient sie noch als Verkäuferin in einem New Yorker Warenhaus. Wo sie unter anderem Carol bedient, eine attraktive, stilvoll gekleidete Frau der High Society.

Terese: "Wir bräuchten Ihre Kontodaten und Ihre Lieferadresse."

Carol: "Oh, ich liebe Weihnachten. Geschenke verpacken und all das. Woher wissen Sie so viel über Modelleisenbahn?"

Terese: "Oh, ich lese - zu viel vermutlich."

Carol: "Ist doch erfrischend. Frohe Weihnachten!"

Terese: "Frohe Weihnachten."

Therese notiert die Adresse, damit die Einkäufe geliefert werden können, und legt, ohne genau zu wissen warum, einen persönlichen Weihnachtsgruß dazu, auf den Carol schnell reagiert.

"Was tun Sie sonntags?"

"Oh, nichts Bestimmtes. Und Sie?"

"Oh, nichts – in letzter Zeit. Wenn Sie mich mal besuchen wollen: Sie sind jederzeit willkommen. Hätten Sie Lust, mich am Sonntag zu besuchen?"

Liebesgeschichte spielt nicht zufällig in den 50ern

Regisseur Todd Haynes hat für die ungewöhnliche Liebesgeschichte nicht nur die 50er-Jahre gewählt, weil dies der Romanvorlage entspricht:

"In den USA war es eine Zeit von Veränderungen und Unsicherheit. Eine Kombination der Stimmung der 40er-Jahre und des neuen Gefühls von Verwundbarkeit wegen der Sowjetunion, den wachsenden Waffenarsenalen. Und dann der Niedergang der Truman-Regierung sowie der Wunsch nach einer neuen stabileren amerikanischen Führungsrolle. Vor diesem Hintergrund keimt die Sehnsucht zwischen diesen beiden unterschiedlichen Charakteren auf."

Wobei Cate Blanchet Carol spielt, die im Gegensatz zu Therese aus einer anderen, einer reichen Gesellschaftsschicht stammt und auch deutlich älter ist.

"Sie ist sehr stolz, intelligent, einfühlsam, und sie weiß, wie die Welt funktioniert. Und dass sie in deren Schema nicht passt. Aber ich denke, sie hat einen Weg gefunden, sich damit zu arrangieren, auch wenn sie einsam ist. Ihre Ehe scheitert aus vielerlei Gründen, wobei die Tatsache, dass sie sich mehr zu Frauen hingezogen fühlt, natürlich schwer wiegt."

Beide genießen die ersten gemeinsamen Ausflüge. Auch wenn man als Zuschauer zunächst nicht genau weiß, ob sich Carol in Therese verliebt, oder ob sie in ihr nur eine Gespielin sieht, die etwas Abwechslung in ihr Leben bringt. Doch zwischen der sich anbahnenden Liebe der beiden Frauen steht noch etwas anderes. Carol ist verheiratet – und sie hat ein Kind.

Perfekte Atmosphäre, grandiose Bilder

Die melodramatische Atmosphäre hat Todd Haynes perfekt in Szene gesetzt, und Kameramann Ed Lachmans Bilder sind grandios: Die weichen, fast impressionistischen Konturen der Gegenstände und Umgebung, wenn Therese und Carol durch die Nacht fahren. Die dicken Regentropfen auf der Scheibe, die Dialoge, die zwischen den Zeilen immer nachwirken. Oder die angenehm unaufdringlichen Einstellungen, wenn sich die beiden Frauen auch körperlich nahekommen.

Rooney Mara war fasziniert von ihrer Rolle, da Therese ihre Gefühle lange in Frage stellt, auch weil sie eigentlich mit einem jungen Mann liiert ist:

"Wenn du dich verliebst, dann funktioniert dein Geist wie der eines Kriminellen. Du hast ständig verschiedene Szenarien im Kopf oder Dinge, die schief gehen könnten. Denkst über Verrat oder mögliche Untreue nach oder wo du der Person deines Herzens in die Arme laufen könntest. Dein Geist macht dann wirklich Überstunden."

Für Carol ist die Situation noch schwieriger. Denn Carols Mann droht, ihr das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter zu entziehen, sollte sie nicht bereit sein, mit ihm und dem Kind ein "normales" Leben zu führen.

Ehemann: "Was hast du so Tolles vor? Was hast du denn vor? Hier mit Eddie Weihnachten feiern? Oder vielleicht mit der kleinen Verkäuferin da drin? Los, sag schon was, Carol! Was ist dein Plan?"

Carol: "Hör auf!"

Ehemann: "Verdammt, solchen Frauen wie dir traue ich alles zu."

Carol: "Du hast so eine Frau wie mich geheiratet."

Ehemann: "Wenn du dich jetzt nicht sofort in dieses Auto setzt..."

Carol: "Dann was? Dann ist es vorbei?"

Obgleich "Carol" wunderbar im Stil der 50er-Jahre-Melodramen inszeniert ist, wirkt der Film auch zeitlos. Leider hat Todd Haynes Cate Blanchet als Carol ein wenig zu lasziv inszeniert und gibt ihr wenig Platz, ihre mütterliche Seite zu zeigen. Dennoch ist ihm ein betörendes Melodram gelungen, in dem er das Erblühen einer Liebe schildert, bei der besonders Rooney Mara fasziniert. Die zunächst unsicher, aber dann doch sanft vorwärtsstrebend ihren Platz im Leben sucht - und an Carols Seite.

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