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Kompressor | Beitrag vom 23.05.2019

Neu im Kino: Bertrand Mandicos "The Wild Boys"Ein queeres Avantgarde-Spektakel

Von Michael Kienzl

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Maskierte junge Männer in diffus-unheimlicher Atmosphäre. (Ecce Films)
Bilder wie aus einem Fiebertraum: Bertrand Mandicos "The Wild Boys". (Ecce Films)

Eine Gruppe Jungs verschlägt es auf eine einsame Insel, wo sonderbare Pflanzen wachsen, deren Verzehr ungeahnte Folgen hat. Das Langfilmdebüt des Experimentalfilmers Bertrand Mandico bietet ein psychedelisches Vergnügen nach Art des Undergroundkinos.

Seltsame Dinge geschehen auf einer Insel irgendwo im indischen Ozean. Die Pflanzen sehen wie Genitalien aus und die Früchte, die sie tragen, haben ungeahnte Auswirkungen auf Menschen. In dem Film "The Wild Boys" landen fünf Jungen an diesem Ort, nachdem sie ihre Lehrerin getötet haben und als Disziplinierungsmaßnahme einem bedrohlichen alten Kapitän anvertraut wurden. Und je länger sie auf dieser "Insel der Freude" bleiben, desto stärker scheinen sie sie auch zu verändern.

Obwohl der Franzose Bertrand Mandico schon seit fast 20 Jahren experimentelle Kurzfilme und Musikvideos dreht, ist erst jetzt sein Langfilmdebüt erschienen. Nachdem es bereits auf zahlreichen Festivals lief und letztes Jahr sogar von der renommierten französischen Filmzeitschrift "Cahiers du Cinéma" auf Platz eins ihrer Jahresbestenliste gewählt wurde, kommt "The Wild Boys" nun auch in die deutschen Kinos.

Schauspielerinnen spielen Jungs

Diesmal gibt es zwar eine mehr oder weniger lineare Handlung, aber eigentlich folgt der Film mit seinen fantasievollen, von der Wirklichkeit entrückten Settings ganz der Logik eines Fiebertraums.

Interessant ist dabei Mandicos Entscheidung, die Jungen von Schauspielerinnen verkörpern zu lassen. Das passt gut zu den Grenzüberschreitungen und sexuellen Uneindeutigkeiten, die sich als Leitmotive durch den Film ziehen. Ob Sex oder Gewalt, Mann oder Frau, schwul oder hetero: in "The Wild Boys" sind das keine Gegensätze, weil alles ineinanderfließt.

Der Fundus der Filmgeschichte

Ungewöhnlich ist auch die Machart des Films. Gedreht wurde auf grobkörnigem 16mm-Material, mal in Schwarzweiß, dann wieder in Farbe.

Schwarzweißbild zweier Frauen in theatraler Pose, die mit Plastikfolie umhüllt sind. (Ecce Films)Expressives Schwarzweiß auf grobkörnigem Material: Bertrand Mandicos "The Wild Boys" greift beherzt in die Filmgeschichte. (Ecce Films)

Ähnlich wie sein kanadischer Kollege Guy Maddin bedient sich Mandico außerdem bei allerlei Stilmitteln aus dem Fundus der Filmgeschichte. Die Beleuchtung ist oft expressiv wie im Stummfilm, die Kulissen sehen auch wie solche aus und immer wieder kommen auch alte Tricktechniken zum Einsatz wie Mehrfachbelichtungen oder Rückprojektionen – wie man sie etwa aus alten Filmen kennt, wenn eine Autofahrt nicht wirklich gefilmt, sondern nur durch eine Leinwand im Hintergrund simuliert wird. Was heute veraltet wirkt und eher belächelt wird, erhebt Mandico zur Kunst.

Hommage ans queere Undergroundkino

"The Wild Boys" offenbart noch in anderer Hinsicht ein besonderes Verhältnis zur Vergangenheit, weil er sich offensichtlich in der Tradition eines queeren Undergroundkinos versteht. Mit seinen homoerotischen Fantasien und der Do-it-Yourself-Ästhetik erinnert er an Pioniere wie Jean Genet, Kenneth Anger und James Bidgood.

Auch sonst wimmelt es im Film nur so vor popkulturellen Bezügen (hier eine Auflistung des Regisseurs selbst). Während die Geschichte der gewalttätigen Jungen an Bücher wie William Goldings "Herr der Fliegen" und Anthony Burgess' "Clockwork Orange" denken lässt, geben sich auf dem düster waberndem Soundteppich unter anderem Jacques Offenbach und Nina Hagen die Klinke in die Hand.

Psychedelische Bildwelten

Auch wenn es Mandico mit seinem Hang zum Referentiellen manchmal etwas übertreibt, ist "The Wild Boys" mehr als nur reines Pastiche. Seinem Vintage-Look zum Trotz wirkt es doch auch sehr zeitgemäß, wie er von toxischer Männlichkeit und einer neuen weiblichen Weltordnung fabuliert.

Am schönsten ist der Film aber, wenn er die Sprache hinter lässt und sich wie im Musikvideo ganz seinen psychedelischen, sexuell aufgeladenen Bildwelten hingibt.

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