Publizistin Katharina Nocun

"Ich bin auf Todeslisten gelandet"

34:36 Minuten
Porträt einer Frau mit langen braunen Haaren und in dunkler Kleidung, im Hintergrund befinden sich Bäume. Es handelt sich um die Publizistin Katharina Nocun.
Was tun, wenn Menschen im eigenen Umfeld an krude Theorien über Corona glauben? Katharina Nocun gibt in ihren Büchern über Verschwörungserzählungen Tipps. © Gordon Welters
Moderation: Tim Wiese · 15.11.2021
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Die Publizistin Katharina Nocun hat zwei Bücher über Verschwörungserzählungen geschrieben. Das hängt auch mit eigenen Erfahrungen zusammen: Über sie selbst kursierten Verschwörungsmythen, die Menschen dazu brachten, sie mit dem Tod zu bedrohen.
Geschichten über Verschwörungen, etwa von Aliens, die plötzlich die Macht übernehmen, kursierten schon immer. Wer daran glaubte, den tat man meist als Phantasten ab, als wirkliche Gefahr begriff man solche Personen und Ansichten eher nicht, belächelte sie eher.
Heute, in der Pandemie, haben sich dagegen schon viele Menschen fragen müssen, wie man sich am besten verhält, wenn Freunde oder Verwandte an vermeintliche Verschwörungen glauben.

Plötzlich Teil einer Verschwörungserzählung

Katharina Nocun beschäftigte sich in letzter Zeit genau damit intensiv. Sie verfasste zusammen mit Pia Lamberty zwei Bücher über Verschwörungserzählungen. In: „Fake Facts. Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen“ und: „True Facts: Was gegen Verschwörungserzählungen wirklich hilft“ , setzten sich beide Autorinnen mit diesen Fragen auseinander und wollen Hilfestellung leisten.
Warum sich die Aktivistin so ausführlich damit auseinandergesetzt hat, hängt auch mit eigenen Erfahrungen zusammen. Nocun schrieb Artikel über die AfD, analysierte deren Wahlprogramm. „Daraufhin habe ich auch Drohungen aus dem rechtsextremen Milieu bekommen, bin auf Todeslisten gelandet.“
In vielen dieser Drohungen, so Nocun, „spielten Verschwörungserzählungen eine riesengroße Rolle“. Man habe sie beschuldigt, bezahlt zu werden, Teil eines großen Plans zu sein.

Jeder Dritte ist offen für Verschwörungsmythen

„Da wollte ich rausfinden, wie kann es eigentlich sein, dass Menschen sich so stark in etwas verrennen, dass sie sogar bereit sind, wildfremden Menschen Gewalt anzudrohen.“ Die ehemalige Politikerin der Piratenpartei kam zu dem Schluss, „dass wir alle eine gewisse Anfälligkeit haben“.
Untersuchungen vor Corona hätten ergeben, dass ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland „eine gewisse Offenheit oder Anfälligkeit für Verschwörungserzählungen hat“, erzählt Nocun. Der Verlust des Jobs oder die plötzliche Trennung des Partners könnten dazu führen, dass sich Menschen Verschwörungserzählungen öffnen.
Messengerdienste wie „Telegram“ seien in der „verschwörungsideologischen Szene“ ein wichtiges Element, um die vermeintlichen Wahrheiten zu verbreiten. Aber es brauche auch den menschlichen Kontakt, den Freund, die beste Freundin, die einen „hineinziehen“, sagt Katharina Nocun.

Nicht ausklammern, sondern thematisieren

Mit Freunden oder Familienangehörigen nicht darüber zu reden, heikle Themen auszuklammern, sei der falsche Weg, denn es verhindere die „erfolgreiche Intervention“, erklärt die Aktivistin.
Für diese Gespräche gebe es zwei Ebenen, die sachliche und die emotionale. Auf inhaltlicher Ebene sei es wichtig, zu verdeutlichen: „Ich glaube nicht das, was du glaubst. Ich habe eine ganz andere Überzeugung. Aber mich interessiert, wie du dazu gekommen bist.“
Komme man mit inhaltlichen Argumenten nicht mehr weiter, könne man versuchen, mit bestimmten Fragen Zweifel hervorzurufen. Etwa: „Wie soll die Verschwörung konkret aussehen? Welche Personen sind involviert? Dem anderen klarmachen: `Du hast ganz viele logische Lücken in deiner Story. Die kannst du nicht erklären.`“

Bedroht werden als Normalität

Bekannt wurde Katharina Nocun als Aktivistin für Datenschutz, sie engagierte sich besonders gegen die Vorratsdatenspeicherung. 2012 trat sie bei den Piraten ein, bald war Nocun die politische Geschäftsführerin der Partei. 2016 folgte allerdings schon ihr Austritt.
 „Ich habe irgendwann für mich gemerkt, dass mir Kampagnen organisieren, Verfassungsbeschwerden planen, Bücher schreiben, dass das einfach eher das ist, was ich machen möchte.“
Auch als Aktivistin könne man gesellschaftliche Debatten beeinflussen, dazu müsse man keine Politikerin sein. Das habe allerdings zur Folge, dass sie permanent bedroht und beschimpft werde.
Was macht das mit einem? „Man hat sich daran gewöhnt“, sagt Katharina Nocun. „Sonst hält man das auch nicht lange durch." Fast alle Personen, die sie kenne, die im Bereich Journalismus oder als Schriftsteller arbeiteten und sich mit dem Phänomen Rechtsextremismus oder Verschwörungsideologien beschäftigten, würden bedroht.

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