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Breitband | Beitrag vom 11.01.2020

Netgraffiti-KunstStörzeichen im Internet

Von Jochen Dreier

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Netgraffiti bei Jabal Murbach im Internet. (Netgraffiti/Jabal Murbach)
Netgraffiti seien schöne Phänomene, die den Lesefluss unterbrechen, so der Kunsthistoriker Lukas. (Netgraffiti/Jabal Murbach)

Schriftzeichen anders zu nutzen, mit ihnen Gesichter zu formen oder Kommentare zu überschreiben, das machen Netgraffitis vor. Die Kunstform erobert wie echte Graffitis Raum – in diesem Fall den des Internets. Sie können auch gegen den Hass im Netz helfen.

Wie eine Schlingpflanze klettert eine Zeichenkette über den Facebook-Feed. Sie wächst aus einem Wust von Symbolen, rankt nach oben und scheint nach unten Wurzeln zu schlagen. Die Zeichen durchbrechen das Eingabefeld, durchziehen andere Kommentare und Bilder. Netgraffiti nennt der Kunsthistoriker Lukas diese Formen, wenn Zeichen aus vorgegebenen Textfeldern herausranken. Das funktioniert über Sonderzeichen, sogenannte diakritische Zeichen:

"Facebook ist ja ein global agierender Service, die haben Nutzer, die alle möglichen Sprachen sprechen. Und deswegen brauchen sie auch diese ganzen Sonderzeichen, die Schriften der Welt sozusagen. Ein paar der Schriften haben sehr besondere Zeichen, zum Beispiel arabische Schriftzeichen, da braucht man so kleine Häkchen, kleine Sonderzeichen, die an den Buchstaben gehängt werden. Was diese Netzkünstler rausgefunden haben, dass bestimmte Zeichen sehr oft kombinierbar sind." 

Wie Netgraffiti aussehen und welche Wirkung sie haben können, hat Lukas Ende vergangenen Jahres auf dem Kongress des Chaos Computer Clubs in Leipzig vorgestellt. 

Ausbruch aus dem starren Internetkonstrukt

Schriftzeichen anders zu nutzen, mit ihnen Gesichter und Silhouetten zu formen, das gab es schon zu Zeiten der Schreibmaschine. Da wurde es als Typewriter-Kunst bezeichnet. Und in den Anfängen des Computerzeitalters nannte man es als Ascii-Art. Doch Lukas nennt diese Form der Schriftkunst Netgraffiti, weil es weniger um die Komposition von Bildern durch Buchstaben geht, sondern um einen Ausbruch aus dem starren und kontrollierten Konstrukt des Internets der sozialen Medien. 

Aus diesem Grund will er auch anonym bleiben, um sozusagen keinem Profil zugeordnet werden zu können. 

Typenhebel einer Schreibmaschine (imago/Panthermedia/Vimax )Vor dem Netgraffiti gab es die Typewriter-Kunst. Hier die Typenhebel einer Schreibmaschine. (imago/Panthermedia/Vimax )
So wie Graffiti auf der Straße Raum zurückerobern, durchbrechen Netgraffiti in den sozialen Netzwerken die vorgegebenen Eingabefelder. Zeichen als Störsymbole, als Intervention, als kleine Aktionskunst im Feed. 

"Wenn man halt längs des Feeds so runterscrollt, Texte und Bilder entlang, und plötzlich saust ein Element so ganz nach links oder ganz nach rechts. Das finde ich ein besonders schönes Phänomen, weil es so den Lesefluss unterbricht und wenn man es auf die Spitze treiben will, auch einfach die gesamte Erfahrung der sozialen Medien unterbricht. So romantisch könnte man dann sagen, die Leute einfach mal aus dem Scrolling-Alltag rausholt."

Mit Zeichenketten für Aufmerksamkeit sorgen

Der erste, der die formularhaften Profilseiten der sozialen Netzwerke austrickste, war der Künstler Laimonas Zakas. Er ist besser bekannt unter seinem Pseudonym Glitchr. Schon seit Anfang des letzten Jahrzehnts spielte er mit Zeichenketten und erregte damit Aufmerksamkeit. Buzzfeed nannte ihn 2014 das Seltsamste, was es im Internet gibt. Lukas beobachtet die Szene mittlerweile seit fünf Jahren.

"Mir ist noch nicht aufgefallen, dass Facebook systematisch diese Sachen unterbindet und blockiert, das floriert wirklich. Da gibt es Künstler, wie Antonin Laval aus Frankreich, der jeden Tag so Sachen hochlädt, das kommt gut an, die Leute finden das witzig."

Bisher gibt es von den Plattformen keine aktiven Gegenmaßnahmen und keine klaren Regeln. Bei Twitter tanzen die Sonderzeichen nur auf bestimmten Seiten aus der Reihe. Auch bei Facebook funktioniert es nur in der Desktop-Version, in der App werden die Zeichenketten zwar angezeigt, brechen allerdings nicht aus dem Textfeld aus.

Spielerisch gegen Hass im Netz

Oft blockiert Facebook diese Posts. Die Zeichenhaufen würden gegen Gemeinschaftsstandards verstoßen. Die Grenzen auszuloten, sie zu verschieben, gehört aber auch zum Reiz. Der Szeneexperte Lukas sieht in der Zeichenkunst auch eine Möglichkeit für subversive politische Aktionen: "Die rechte Empörungsmaschine, dass die das sehr krass schaffen, den Raum der sozialen Medien zu nutzen, da sehe ich schon Potential für so etwas wie Netzgraffiti, dass man auf spielerische Art und Weise den Beitrag stört", sagt er. "Anstatt jetzt zu versuchen, die einzeln zu widerlegen, dass man einfach künstlerisch darauf antwortet."

Netgraffiti funktionieren also auch als Widerstand gegen Hass und Hetze im Netz: Denn, wenn man mit solchen Zeichenketten auf Hassbotschaften und rechte Verschwörungstheorien antwortet, können diese in Botschaften hereinragen, den Textfluss unterbrechen oder sogar unleserlich machen.

Netgraffiti führen einerseits die Tradition von Typographie-Kunst weiter. Dann erinnern sie an Handschriften, wo jeder seine eigenen kleinen Schnörkel und Unlesbarkeiten hatte. Andererseits brechen sie aus den starren Formvorgaben der großen Plattformen aus. Außerdem macht es Spaß. Das Gute: Ausprobieren kann es jeder, zum Beispiel mit dem Programm lettercorder, das Lukas mit befreundeten Programmierern gebaut hat.

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