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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 24.08.2015

NetflixDem Bestell-Fernsehen fehlt das Besondere

Von Hartwig Tegeler

Eine Seite der Videostreaming-Firma Netflix ist auf einem Laptop-Bildschirm zu sehen. (dpa / Bernd Von Jutrczenka)
Online-Videothek Netflix: Hartwig Tegeler möchte selbst die Diamanten unter den Serien und Filmen finden. (dpa / Bernd Von Jutrczenka)

Schnell fühlte sich Hartwig Tegeler durch sein Netflix-Abo übersättigt und gelangweilt: Ein Roboter, der Filme empfiehlt - das erlebte der Filmjournalist als Angriff auf sein künstlerisches Feingefühl. Und berechenbar möchte er auch nicht sein.

Erstaunlich, aber wahr: Steve Jobs, bis zu seinem Tod Apple-Guru, und Ted Sarandos, Netflix-Chef, scheinen die geistigen Nachfolger von E.T.A. Hoffmann, dem Genie der romantischen Literatur. Denn das magische Buch mit den zunächst leeren Seiten, das der Geheime Kanzleisekretär in der Erzählung "Die Brautwahl" aus den 1820er-Jahren bekommt, er kann es quasi aufladen mit jedem Werk, das er sich wünscht.

Alles, jedes Buch, jedes Musikstück, jeden Film jederzeit zur Verfügung haben, ist offensichtlich ein universeller Wunsch, der in E.T.A. Hoffmanns Phantasie einfloss – und natürlich auch in die von Steve Jobs und Ted Sarandos. Und heute offensichtlich Realität geworden mit Hilfe von Smartphone, Tablet und Streaming. Bei mir zu Hause, aber natürlich genauso, wenn ich mit meinen Geräten unterwegs bin. Alles da. Jederzeit. Verfügbar.

Langeweile beim Streaming

Ich meine, 8,99 Euro im Monat, was ist das schon? Das las ich und konnte wirklich nicht anders. Jetzt habe ich einen Account – und kann, ohne einen Cent zusätzlich zu berappen, Hunderte, ach was, gefühlte Tausende und Abertausende von Serien oder Filmen gucken. Der Traum ist wahr geworden. Und nun bin ich ... gelangweilt.

Denn das genau erzeugte schon nach wenigen Stunden dieser unfassbare "content", dieses monumentale Überangebot: Langeweile, gefolgt von dem Gefühl der unangenehmen Sättigung. Und ich erwischte mich mit großer Verblüffung bei einer seither anhaltenden Unlust, überhaupt noch etwas anzuschauen.

So war es schon mit der Musik: ich wünschte mir die universelle Musikbibliothek in der Tasche, wie sich der Geheime Kanzleisekretär bei E.T.A. Hoffmann das Buch, das alle Bücher enthält, wünschte. Und ich lud mir Tausende von Songs aufs Smartphone – jederzeit zu hören. Doch schon nach kurzer Zeit hörte ich überhaupt keine Musik mehr, weil mich die vielen Titel anödeten, wie jetzt diese Überzahl von Serien und Filmen, auf die ich ja für mein 8.99-Euro-Abo Zugriff habe.

Menschliche Psyche nicht auf dem Zettel

Offensichtlich scheinen die Streaming-Portale einen Aspekt der menschlichen Psyche nicht auf dem Zettel zu haben. In uns steckt immer noch dieser wohl archaische Jäger und Sammler, auch in seiner Ausführung als neuzeitlicher Konsument der audiovisuellen vernetzten Medien, der Jäger und Sammler, der mit Lust und Leidenschaft nach dem großen Film oder der neuen Band sucht.

Es ist ja nicht nur das Überangebot, das mir zu schaffen macht, sondern auch die Vor-Auswahl, die mein Datenprofil dem Anbieter erlaubt. Dieser Clou des Geschäftsmodells lässt alles wie vorgekaut wirken. Das Gefühl fürs Besondere jedenfalls ist weg, verloren, futsch.

All die herausragenden Serien, die neue Staffel von "Game of Thrones", die nächste von "House of Cards", gefolgt von "True Detective", Staffel 2, und … ach, ja, noch Staffel 2 von "Orange Is the New Black". Aber in der überbordenden Fülle, in der all das angeboten und beworben werden, wie sollte man da noch Qualität erkennen können? Muss diese nicht in dieser Quantität absaufen?

Sehnsucht nach eigener Auswahl

Auf diese konfus machende Frage habe ich nach nur zwei Tagen Streaming-Account die Antwort: Ich möchte mich aufs Wesentliche beschränken - schlicht als Impuls. Ich verteufle nicht, was ich abonniert habe. Hätte mir es aber sparen können.

Am Ende setzt sich der alte Wunsch durch, selber den Diamanten zu finden, ohne dass mir ein Big-Data-Bot das Suchen abnimmt und als Ergebnis mir mit angeblich 100 Diamanten vor die Nase wedelt. Aber woher will der Algorithmus wissen, was mich morgen interessiert, wo mich das Gestern bereits langweilte?

Bei mir ist es ja auch der Zufall, dem ich bei jeder Suche, bei jeder Wahl eine Chance gab. Darin bin ich unberechenbar - und will es auch bleiben.

Der Hörfunk-Journalist Hartwig Tegeler (privat)Der Hörfunk-Journalist Hartwig Tegeler (privat)Hartwig Tegeler, geboren 1956 in Nordenham-Hoffe an der Unterweser, begann nach einem Studium der Germanistik und Politologie in Hamburg seine journalistische Arbeit bei einem Privatsender und arbeitet seit 1990 als Freier Hörfunk-Autor und -Regisseur in der ARD, schreibt Filmkritiken, Features und Reportagen.

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