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Lesart / Archiv | Beitrag vom 04.01.2016

Neal Stephenson im PorträtSchriftsteller in der Stadt der Nerds

Von Laf Überland

Skyline von Seattle im Bundesstaat Washington im Nordwesten der USA (ARD / Wolfgang Stuflesser)
Skyline von Seattle im Bundesstaat Washington im Nordwesten der USA (ARD / Wolfgang Stuflesser)

Neal Stephenson gilt als Guru der techno-intellektuellen Kaste der USA. Seine Texte verfasst der Science-Fiction-Autor aus Seattle allerdings - ganz altmodisch - mit dem Füller. Das spare Zeit, meint er. Laf Überland hat per FaceTime mit ihm gesprochen.

"Der Mond explodierte ohne Vorwarnung und ohne erkennbaren Grund. Er war im Zunehmen, zum Vollmond fehlte nur ein Tag. Die Zeit war 05:03:12 UTC. Später würde man sie als A+0.0.0 oder schlicht Null bezeichnen."

Null, weil hier eine neue Zeitrechnung beginnt. Und so nüchtern, wie Detlef Bierstedt das in der Hörbuchfassung von Amalthea vorträgt, so kühl, präzise und sachlich setzt Neal Stephenson die denkbar brutalste Ausgangslage für seine neue fantastische Versuchsanordnung: Denn in Folge dieser Explosion des Mondes geht allmählich die Erde in Flammen auf. Und nur ein paar tausend Auserwählte überleben auf schnell zusammengeschusterten Archen im All, um nach 5000 Jahren wieder – den Erdboden zu betreten und ihn zu kultivieren.

Die Frage, ob der Erfinder solch durchaus dystopischer und gewalttätiger Geschichten, ob Stephenson ein glücklicher Mensch sei, beantwortet er mit einem kurzen Vortrag über Serotonin und die zufällige Verteilung desselben – und dass es bei ihm wechselt:

"So I go back and forth. Sometimes I am unhappy for no reason, but in general I’m lucky. And I think, I’m a happy guy."

Er wirkt unheimlich ruhig, dieser Mann auf dem Display mit dem kahlrasierten Schädel, dem etwas weltabgewandt aussehenden, mehr oder weniger wuchernden Van-Dyck-Bart und dem strengen, manchmal sogar stechend bösen Blick – auf Fotos.

Jetzt ist er zuvorkommend: ein Visionär und sorgsamer Handwerker, wie er sich selbst sieht – mit entsprechendem Arbeitsethos: Morgens trinkt er Kaffee, liest die Zeitung, dann arbeitet er ein paar Stunden. Und dann - die beiden Kinder sind ja längst ausgezogen - macht er den Rest des Tages irgendwas anderes. Er nennt das: die Kuh melken.

"I wake up in the morning and drink my coffee, I read the paper, and then I go and write for a couple of hours. And then I go do something different for the rest oft he day. I call it milking the cow. So if I milk the cow every day then after a couple of years I have a book."

Neal Stephenson wohnt in Seattle – genau wie Microsoft, Boeing und Amazon: Und Seattle scheint eine kreative Hexenküche zu sein. Wo man geht und steht wird an der Zukunft gebastelt, eine Stadt der Nerds.

In seinem Haus bewahrt er über 20 Schwerter auf

Neal Stephenson lässt sich von ihren Ideen inspirieren, hilft selbst auch mit Gedanken aus: Aber manchmal braucht er dann etwas Ruhe, sodass er sogar sein schönes Haus am Wasser verlässt - mit wucherndem Gras um die stufige Terrasse und viel gediegenem Holz und selbst angefertigten Möbeln zur Aufbewahrung seiner über 20 Schwerter! - und sich zum Beispiel in einem Institut in Santa Fé einquartiert, wo an Chaostheorie herumgeforscht wird, weil er dort, als Writer in Residence, endlich mal ungestört vor sich hin arbeiten kann.

Wie jetzt im Moment gerade, weshalb wir ihn mit der Facetime-App auf seinem iPhone anrufen und fragen, was er eigentlich mit seiner Genre-Idee Science-in-fiction meint.

"We live in a society that’s heavily shaped by science and technology. And so: Perhaps we can find ways to include some discourse about science in fiction rather than treating it as this subalien thing that we don’t talk about in art."

Wir leben in einer Welt, die massiv von Wissenschaft und Technologie geprägt ist, sagt Neal Stephenson, aber sein Anliegen: Und vielleicht können wir einen Diskurs über Wissenschaft in Fiktion einbauen anstatt dieses Alienhafte, über das in der Kunst nicht geredet wird.

Wenn er entspannt ist, kann Stephenson lustig und charmant sein - besonders wenn er mit informierten Fans redet – oder sachlich-gierig, wenn er mit Wissenschaftlern spricht: Das kann man bei YouTube auf Videos sehen.

Jetzt aber ist er – irgendwie ungeduldig, verfällt sogar stellenweise in ganz leichtes Stottern, was er als Kind wohl schwer getan hat:

Vielleicht verunsichert den großen Neal Stephenson ein bisschen die Gesprächssituation über die FaceTime-App: Kurioserweise ist der Dompteur von hochtechnischen Problemstellungen – etwas hilflos mit moderner Alltagstechnik. Vielleicht müsse man ihm am Anfang des Interviews sagen, wie er das einstellen muss, er habe nämlich noch nie Apples FaceTime benutzt, sagt er – der alte Apple-Afficionado. Dabei ist er eigentlich ein Nerd. Sagt er selbst.

Nein, er sei kein Universalgenie

Und die meisten seiner Bücher sind überaus gelehrsam: Zum Beispiel die dreieinhalbtausend-seitige Barock-Trilogie – zelebrierte eine Tour de Force zwischen früher Globalisierung durch die Handelsschifffahrt, Entwicklung unseres Finanzsystems und dem Entstehen einer neuen Art von Wissensbildung durch die Naturphilosophen der Royal Society. Und man kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass Neal Stephenson selbst gern eine Art Privatgelehrter wäre, rundum beschlagen wie die Universalgenies, ein Renaissance-Mann. Aber da winkt er ab.

"Ha! We are no longer living in the age of a Leibniz for example where one person could know everything. I think the best of we can do now is to know a little bit about a lot of things. So I would say I have a superficial knowledge of some different areas."

Wir leben nicht mehr in einer Zeit wie der von Leibniz, konstatiert Stephenson, wo eine Person alles wissen konnte! Er selbst, meint er, habe ein oberflächliches Wissen über verschiedene Gebiete, aber um wirklich Mathematik oder echte Wissenschaft zu betreiben, muß man heute sehr tief gehen und sich auf eine Sache spezialisieren. Und das werde er nie können!

"But to do real mathematics or real science you have to go very deep, and you have to specialize in one thing. And I will never be able to do that."

In der Tat – eher nicht. Denn erstens ist er dafür zu ironisch. Und zweitens – zu altmodisch: Seine komplexen, ziegelsteindicken Romane erfindet er nicht etwa mit coolen Mindmaps und Festplatten voller Dateien: Neal Stephenson pinnt Karten an die Wände seines winzigen Vier-Quadratmeter-Arbeitszimmers in seinem Haus in Seattle: sammelt seine Ideen und Synopsen in kleinen Papiernotizbüchern – und wenn’s ans Schreiben geht, benutzt er am liebsten einen schönen, altmodischen Füllfederhalter, der offensichtlich immer griffbereit liegt, denn er hält ihn gleich vor die Kamera. Er tippt, wenn’s eben geht, nicht auf dem Computer: Denn mit einem Füller auf Papier zu schreiben, kommt ihm natürlicher vor.

Und allein die Frage, warum er die Berge von Papier für seine Bücher lieber mit einem Füllfederhalter beschreibt als sie einzutippen und auszudrucken, führt über vier verschiedene Gedankengänge – historisch, psychologisch, technologisch und phänomenologisch, was das Streichen von Wörtern betrifft – zu der Antwort, dass er mit dem Füller letzten Endes Zeit spart.

"If you backspace over a word and you erase it from your computer screen, it’s gone. If you cross it out with a pen you can still see it. So you see the history of the sentence when you look at the paper document, and for me that’s valuable."

Es macht Spaß, mit Neal Stephenson solche Sachen zu durchdenken. Bzw: ihm zuzugucken, wie er sie durchdenkt: Er guckt dann nicht mehr in die Kamera, sondern scheint die Antwort gegenüber an der Wand zu suchen, konzentriert, denkt lange nach. Aber dann gerät er beinahe ins Schwärmen, als er die Ungefährlichkeit von Schwertkampf im Vergleich zu Basketball, Fußball oder Hockey beschwört: höchstens Schrammen, aber keine Brüche oder so was. Schwertkampf ist nämlich Neal Stephensons Freizeit-Sport.

Einmal mal die Woche, da trifft er Freunde und verschafft sich Bewegung - am liebsten mit dem Langschwert und streng nach den mittelalterlichen Lehrbüchern des deutschen Fechtmeisters Liechtenauer! Er versucht, eine rationale Erklärung dafür zu finden, überlegt. Lange. Und gibt dann auf.

"It’s a – just a – fascinating – personal topic for me. I can’t give you a rational explanation of why."

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