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Lesart | Beitrag vom 05.05.2020

Nava Ebrahimi: "Das Paradies meines Nachbarn"Als Minendetektor über Leichen laufen

Nava Ebrahimi im Gespräch mit Gesa Ufer

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Nava Ebrahimi sitzt auf einem Sofa und guckt in die Kamera. Ihre Arme liegen auf der Lehne. (Peter Rigaud/Shotview)
Nava Ebrahimi hat für ihren ersten Roman "16 Wörter" den Österreichischen Buchpreis in der Kategorie "Debüt" gewonnen (Peter Rigaud/Shotview)

Nava Ebrahimi hat ein Buch geschrieben, das das Leben ehemaliger Kindersoldaten beschreibt – und sinnbildlich für die Entwicklung des Iran stehen könnte. Die Autorin betrachtet ihr Werk gerne durch die Augen ihrer Leser.

Am Anfang steht ein harter Kontrast in einem perfekt gestylten Münchner Studio. Ali Najjar heißt der neue Chef der Produkt-Designer, gilt als Star der Branche, aber auch als extrem harter Hund. Seine Geschichte erzählt er gern in Talkshows und Klatschmagazinen. Mit 14 Jahren hat er sich ganz allein nach Deutschland durchgeschlagen, nachdem er im Golfkrieg als Kindersoldat an die Front geschickt worden war.  Doch die Geschichte wird ihn einholen in dem Roman "Das Paradies meines Nachbarn", der gebürtigen Iranerin Nava Ebrahimi.

Die Zerrissenheit zwischen den Kulturen sei in Nava Ebrahimis Pubertät und ihren Zwanzigern ein großes Thema gewesen, weil das Gefühl, nirgendwo dazuzugehören, immer sehr stark war. Schon als Kind habe sie die Differenzen zwischen sich und den anderen Kindern festgestellt und habe beim Aufwachsen immer am Rand gestanden. Erst mit ihrem Umzug nach Österreich habe sich ihre Identitätssuche relativiert, da sie dort ganz anders rezipiert werde.

In "Das Paradies meines Nachbarn" werden die Erfahrungen der ehemaligen Kindersoldaten sehr explizit geschildert. Unter anderem geht es darum, wie ein 14-Jähriger als lebender Minendetektor in ein Feld geschickt wurde und über Leichen seiner Freunde laufen muss. Solche Szenen zu schreiben sei sehr seltsam, sagt Ebrahimi, da sie in diesem Moment so in der Figur sei, dass sie nicht einmal merke, dass das als anmaßend empfunden werden könnte.

Immer wieder Ausgrenzungen

Neben den Teils schrecklichen Erfahrungen der Kindersoldaten geht es aber auch um das Verständnis von Identität und Alltagsrassismus. Zum Beispiel aus den Augen von Sina, der zwar dank des persischen Vaters einen solchen Namen trägt, aber sonst keine Berührungspunkte zum Iran hat. Trotzdem erlebt er immer wieder Ausgrenzungen.

"Er ist ein sehr zurückhaltender Typ, weil er eben immer spürt, dass er dann doch irgendwie anders ist. Und Kinder und Jugendliche wollen ja eigentlich nicht anders sein. Die wollen immer so sein wie alle und dazugehören." Meistens steckt Sina diese Situationen gut weg, bis sein Mathelehrer ihn vor der ganzen Klasse bloßstellt und er ihn daraufhin anspuckt.

Das eigene Werk durch Leser neu kennenlernen

Durch eine Kritik in der FAZ, die schrieb, dass die Lebenswege der beiden Protagonisten sinnbildlich für das Schicksal des Irans stünden, habe Nava Ebrahimi ihren eigenen Roman noch einmal anders entdeckt.

Sie fände es immer super, weil man in Rezensionen oder durch kluge Leser noch einmal mehr über sein eigenes Werk erfahre. Gerade in diesem Fall sei es sehr deutlich gewesen: "Es ist auch so, dass ich nicht zum Beispiel immer fragen muss was wäre aus mir geworden, wenn meine Eltern nicht gegangen wären, also wenn wir im Iran geblieben wären. Welcher Mensch wäre ich heute? Was wäre mit mir alles passiert? Das sind so Fragen. Ich glaube, die stellen sich ganz viele Menschen, die ihr Geburtsland verlassen mussten."

Und gerade der Iran habe ja auch außerdem das größte Brain-Drain-Problem weltweit. Jeder, der kann, würde das Land verlassen. Früher hauptsächlich noch in den Westen, aber inzwischen auch nach Malaysia, Indien oder Georgien – egal, Hauptsache raus.

Insofern passt der Roman der Autorin, die als Kind aus dem Iran nach Deutschland kam und dann nach Österreich ging, tatsächlich sehr gut.

(hte)

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