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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 29.06.2017

NaturschutzEulen zwischen Mythos und Realität

Von Henry Bernhard, Thüringen-Korrespondent Deutschlandradio

Bartkauz in der Vorderansicht  (imago / blickwinkel)
Eulen haben ein Gesicht. Eine Maske aus Federn fängt bei den Eulen das leiseste Geräusch ein und leitet es zu den Ohren. (imago / blickwinkel)

Totenvogel, Hexenbote oder Glücksbringer? Der Eule werden viele verschiedene Bedeutungen zugeschrieben. Einst wurden sie verspeist, um Krankheiten zu lindern. Heute muss man sich aus anderen Gründen um ihren Bestand sorgen.

Monika Kirk: "Dass die Eule als Dämon bezeichnet wird, kann man ja sehr leicht nachvollziehen, wenn man nachvollzieht, dass früher, als es noch kein Licht gab, die Menschen nur das gesehen haben nachts, was sich in ihrem Feuerschein abspielte. Das heißt, außerhalb des Feuerscheins, im Wald, auf der Wiese ringsum hörten sie diese unheimlichen Schreie der Eulen. Und wenn dann plötzlich eine Eule ganz lautlos in diesen Feuerschein hereingeflogen ist, kann man sich vorstellen, dass die Menschen sich erschreckt haben und an Dämonen geglaubt haben."

Monika Kirk glaubt nicht an Dämonen. Aber sie ist den Eulen verfallen, den Eulen und Käuzen, dem Uhu, dem Raufußkauz, dem Waldkauz, dem Habichtskauz, dem Bartkauz, der Schneeeule, der Schleiereule – und wie sie alle heißen – und natürlich dem Steinkauz.

"Totenvogel", Hexenbote oder Göttinnen-Begleitung

Monika Kirk: "Der Steinkauz hatte ja früher mal den Beinamen 'Totenvogel'. Das ist aber dadurch zu erklären, dass, wenn ein Sterbender in seinem Zimmer lag, dann saßen ja die Angehörigen drumherum, und man hatte das Licht in dem Zimmer an. Und das Licht lockte die Käfer, Falter usw. an.

Und der Steinkauz war nur auf der Suche nach Beute und kam dann eben ans Fenster herangeflogen. Und der hat diesen typischen 'Kuwitt-Kuwitt'- Ruf. Und die Angehörigen haben das dann interpretiert als ein 'Komm mit! Komm mit!', dass der Totenvogel kommt und die Seele des Sterbenden holt."

"Totenvogel", "Leichenhuhn", so wurden Eulen genannt. Unglück sollten sie prophezeien; eine Seuche oder eine Feuersbrunst, wenn die Eule am Tag schrie. Besonderes Unglück, wenn das Brautpaar auf dem Weg zur Trauung einer Eule begegnete. Wetterumschläge sollten sie verkünden, meist zum Schlechten, Regen vorhersagen. Hexenboten seien sie außerdem oder gar des Teufels verwandelte Großmutter.

Für Monika Kirk, eine Hamburgerin, die eine umfangreiche Website über Eulen erstellt hat, aber ist das Aberglaube aus vergangenen Zeiten. Der Ursprung für ihre Leidenschaft für Eulen aber reicht noch viel weiter in die Vergangenheit.

Monika Kirk: "Ich habe Griechenland 1978 mal in einer Bildungsreise besucht. Und da findet man die Eule ja sehr häufig. Die Eule ist ja der Göttin Athene, der Göttin der Weisheit und Beschützerin Athens zugeordnet. In diesem Fall ist es der Steinkauz, der ist sogar auf den Münzen damals abgebildet worden. Auf der einen Seite ist die Göttin Athene, auf der anderen Seite ist der Steinkauz mit dem Ölzweig.

Diese Münzen nannten sich auch Eulen. Daher kommt auch der Begriff 'Eulen nach Athen tragen'. Und ich hatte mir halt Eulen mitgebracht, eine als Kette und eine als Ring. Und meine Freunde sahen, dass ich Eulen trug, und begannen mir dann Eulen für den Setzkasten zu schenken. Und nach einiger Zeit interessierten mich auch die Tiere, die dahinterstanden, die ich also sehr, sehr interessant finde. Und es sind ganz fantastische Nachtvögel."

Landwirtschaft vertreibt Eulen von ihren Plätzen

Nur wenige Vögel jagen in der Dunkelheit, Eulen hingegen sind die Meister der Nacht. Tagsüber sitzen sie und harren der Dämmerung, vorzugsweise in Kirchtürmen, Baumhöhlen, Steinbrüchen. Die intensive Land- und Forstwirtschaft und gut sanierte Kirchen haben sie von dort vertrieben.

Heute siedeln Eulen in Deutschland fast ausschließlich in Nistkästen. Dort legen sie ihre Eier, brüten und füttern die Jungen mit frischen Mäusen, dort werden auch die Jungen beringt. In Ostthüringen seit 56 Jahren von Klaus Klehm.

Gemeinsam mit Klaus Zapf, auch er Hobby-Ornithologe, steigt Klaus Klehm die Holztreppe in einer Scheune empor. Die Knie, die künstlichen Gelenke ... Viele Vogelberinger hätten schon aufgegeben, sagt er, wenig Nachwuchs sei in Sicht.

Klaus Zapf: "Schön langsam machen! Ich halte dich von hinten!"

Klaus Klehm: "Ich bin immerhin 81 Jahre alt."

Detlef Künzler: "So sehen Sie aber nicht aus! ... ganz gut gehalten."

Klaus Klehm: "Bin ich aber!"

Klaus Zapf: "So, ich mach so rum ... kriege das Knie nicht so hoch, weißt du!?"

Die Scheune gehört zur Dorfgaststätte "Drei Schwanen", der Ort heißt Wildetaube. Mehr Vogel geht kaum. Voran geht Detlef Künzler, der Wirt. Er führt über den dünnen Bretterboden. Am Giebel hat Künzler eine Kiste montiert, einen guten Meter breit, einen knappen Meter tief, einen halben hoch. Mit Einflugloch für die Schleiereule.

Klaus Klehm: "Na, die Jungen piepsen schon ..."

Detlef Künzler: "Das war die Alte!"

Klaus Klehm: "Aber voll raus! Hast du das?"

Detlef Künzler: "Aber schön entwickelt!"

Die Kiste steht nun offen, das Schleiereulenweibchen haben wir gerade noch entschwinden sehen, die drei Jungen, faustgroße weiße Knäuel, drücken sich in die Ecken.

Klaus Klehm: "So, wir machen mal drei Ringe ab. Ob bei der Kleinsten der Ring schon hält, das ist fraglich. Der Fuß ist ein bisschen klein. Wir probieren's aber trotzdem mal."

Ruhig und routiniert greift Klehm die Jungen, die sich nicht wehren, legt den Ring an, drückt ihn mit einer Zange zu. Zigtausende Vögel hat er schon beringt.

Klaus Zapf: "Warte, ich hab die Brille mit ... "

Die alten Herren teilen sich eine Brille. Pragmatiker durch und durch. Auch die Eule wird oft mit Brille dargestellt, weil sie so weise sein soll. Mit Mythen über Eulen braucht man den beiden aber nicht kommen.

Klaus Klehm: "Wissen Sie, das resultiert noch aus einer Zeit, als der Mensch noch unwissend war."

Klaus Zapf: "Das ist einfach so, das ist vorbei. Mittlerweile weiß man das. Aber es gibt noch Leute, die glauben dran – wir nicht!"

Klaus Klehm: "Nein, nein!"

Lieber beschäftigen sie sich mit dem, was die Eule so besonders macht.

Fliegen ohne Geräusch

Klaus Klehm: "Die Schleiereulen zum Beispiel und Waldkäuze und Rauhfußkäuze, das sind reine Nachtjäger! Die Eulen haben ein ausgesprochenes Gehör. Die hören eine Maus, wenn die im Gras unten langläuft, hören die, wenn sie oben im Baum sitzen. Und das Auge ist auch ausgezeichnet bei Eulen. Und Eulen haben noch einen Riesen-Vorteil: Sie haben im Laufe der Evolution ein geräuschloses Fliegen gelernt. Das heißt, die Federn sind so weich ...

Ach warten sie, ich habe doch sogar ..."

Klehm öffnet seine Aktentasche und holt eine Feder heraus, einen Flaum.

Klaus Klehm: "Das ist eine Eulenfeder. Greifen Sie die mal an, wie weich die ist!"

Autor: "Ich spüre nichts."

Klaus Klehm: "Nichts. Ja."

Autor: "Aber wirklich, man spürt nichts!"

Klaus Klehm: "Ja. Ja."

Die Nacht-Fähigkeiten machen die Eulen in ihrem Aussehen so besonders. Die weichen, vollen Federn lassen sie voluminös erscheinen. Der markante Schnabel dient der Mäusejagd und eine Maske aus Federn fängt das leiseste Geräusch ein und leitet es zu den Ohren. Was wir Menschen aber sehen, die wir uns narzisstisch am liebsten spiegeln, ist ein Gesicht.

Monika Kirk: "Besonders macht es in erster Linie für mich das Eulengesicht. Die Eulen haben ja nach vorne gerichteten Augen wie wir Menschen, die können sogar die Augenlider von oben nach unten über die Augen ziehen. Und mit dem Schnabel zwischen den Augen haben sie wirklich ein menschenähnliches Gesicht.

Eulen sitzen dann, wenn man sie bei Tage im Baum erwischt, sehr ruhig und schauen einen intensiv an. Das ist ein sehr intensiver Blick, der mich immer wieder gefangen hält. Also, wir sehen in der Eule gewissermaßen unser Ebenbild, und wir übertragen deswegen auch unsere Intelligenz, unsere guten Fähigkeiten auf die Eule."

Die Verfolgung der Eulen

Dennoch kann kluges Aussehen auch Nachteile mit sich bringen, wie Eulen erleben mussten, die gekocht und verspeist wurden, um Krankheiten zu lindern oder Jungfrauen gefügig zu machen, die unter der Schwelle vergraben wurden, um Feuer, Blitzschlag und allerlei Unheil fernzuhalten, oder, noch schlimmer:

Monika Kirk: "Dass man Eulen zum Schutz vor Hagel und Feuer und Unglück quasi lebend an die Scheune genagelt hat, denn töten mochte man sie auch nicht, da hatte man Angst, da kommt das Unglück erst recht."

Monika Kirk aber hat keine Angst vor Eulen – weder tags noch nachts:

"Für mich führt durch mein Leben immer der Spruch: 'Wer sich mit Eulen schmückt, den küsst das Glück.' Und das hat sich in meinem Leben auch bewahrheitet."

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