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Frühkritik | Beitrag vom 24.12.2020

Nathaniel Rich: "King Zeno"Virale Verbrechen

Von Ulrich Noller

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Zu sehen ist das Cover des Buches "King Zeno" von Nathaniel Rich. (Rowohlt / Deutschlandradio)
New Orleans im Oktober 1918: Verschiedene Infektionsgeschehen halten die US-Stadt in Atem. (Rowohlt / Deutschlandradio)

Nathanial Richs opulenter historischer Kriminalroman "King Zeno" führt zurück in das Jahr 1918, als in New Orleans die Spanische Grippe wütete. Auch Weltkriegstraumata, Kapitalismus und organisiertes Verbrechen prallten aufeinander.

"Alle Schulen, staatlich, privat oder kirchlich sind geschlossen. Alle Kinos und Theater geschlossen. Alle Kirchen geschlossen. Alle öffentlichen Zusammenkünfte, Konzerte und Sportveranstaltungen abgesagt. Menschenansammlungen auf Straßen verboten." Dieses Zitat wirkt wie ein Blick auf ein beliebiges Land in der Coronakrise im Jahr 2020.

Tatsächlich befinden wir uns in New Orleans im Oktober 1918. Es ist eine von vielen originalen Zeitungsmeldungen, die Nathaniel Rich in seinen Roman "King Zeno" eingearbeitet hat.

Axtmörder tritt in den Hintergrund

Nach knapp 200 Seiten hält die Spanische Grippe Einzug ins Geschehen. Die Seuche wird sich rasend schnell verbreiten, quer durch alle gesellschaftlichen Sphären. So wird sogar der Axtmörder, der in der Stadt sein Unwesen treibt, zum Nebenthema, für eine Zeit lang zumindest.

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Ein Corona-Schnellschuss könnte man vermuten. Aber "King Zeno" ist im US-amerikanischen Original schon 2018 erschienen. Gutes Timing, aber sicher kein Glückstreffer. Denn das Prinzip Infektion ist in vielerlei Hinsicht ein entscheidender Faktor in diesem historischen Kriminalroman, der weit mehr will, als einfach nur die Geschichte eines Verbrechens zu erzählen, nämlich Geschichte nahbar machen, in die Geschichte entführen. Und die oft verbrecherischen Mechanismen offenlegen, die Geschichte machen.

Dabei spielen verschiedenste Infektionsgeschehen ihre Rollen: das organisierte Verbrechen mit seiner Gier, der kapitalistische Traum unendlichen Profits, der Wunsch nach Wohlstandstransformation, Weltkriegstraumatisierungen, der unsägliche Rassismus und der Jazz, der alle Hoffnung auf Zukunft, auf ein anderes Leben birgt. Allesamt jedenfalls Geschehen mit hoher Virenlast, die Verwerfungen bewirken werden wie nichts zuvor.

Roman wie ein Mahlstrom

"King Zeno" ist ein Roman, der sich liest, wie sich die Serie "Babylon Berlin" anschaut: opulent, plakativ, gewaltig. Mit exquisit ausgesuchten und gestalteten Charakteren, Konflikten und Handlungsorten. Man merkt dem Ganzen an, dass Rich mit seiner Geschichte ein ganz großes Ding landen wollte.

Mitunter strotzt der Roman so vor Kraft, dass er etwas zur Unbeweglichkeit neigt. Aber alles in allem löst er das Versprechen, das sein Autor gibt, hervorragend ein, insbesondere übrigens mit sprachlichen Mitteln: ein Roman wie ein Mahlstrom, der einen in den Untergang mitzureißen droht.

Nathaniel Rich: "King Zeno"
Aus dem US-Amerikanischen von Henning Ahrens
Rowohlt Berlin, Berlin 2020
448 Seiten, 24 Euro

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