Nächtliche Gespräche am Telefon

26.12.2011
Eine junge Frau hat die falsche Nummer gewählt und der Mann am anderen Ende beginnt, mit ihr zu sprechen. Einmal, mehrmals, bis es für beide zur nächtlichen Gewohnheit wird. Er wird alt, und versucht ihr, der Jungen, zu erklären, was das bedeutet.
Roman steht drauf, doch es ist eine Rhapsodie, ein Gesang, ein Monolog, der langsam zum Dialog wird. "nachts" ist mehr das Werk einer Dramatikerin, denn das einer Erzählerin. Und so sollte man es auch lesen: am besten laut. Zwar gibt es eine Rahmenhandlung, doch die ist denkbar simpel und eigentlich nur ein Vorwand, um Gedanken in Mitteilungen zu verwandeln, in verständliche, klingende und klirrende Sätze.

Eine junge Frau – erst spät erfährt man ihren Namen, Teresa - hat die falsche Telefonnummer gewählt und der Mann am anderen Ende der Leitung beginnt, einfach so, mit ihr zu sprechen - einmal, mehrmals, bis es für beide zur nächtlichen Gewohnheit wird. Über viele Monate hinweg erzählt er von seinen Tagen, seinem Leben, seinen Nächten. Er wird alt, und versucht ihr, der Jungen, zu erklären, was das bedeutet.

Sein Gegenüber sagt wenig, meistens liefert sie Stichworte für seine Monologe, bietet sich als Zuhörerin an. Manchmal, sehr selten, gibt sie etwas aus ihrem Leben preis, aber die Rollen sind – zu Anfang jedenfalls - klar verteilt: Er redet, sie hört zu. Der Mann, die Frau. Das Alter, die Jugend. Er sagt Ich, er dominiert den Text, ihre wenigen Worte und gelegentlich längeren Textpassagen sind kursiv dagegen gesetzt.

Eine Geschichte entspinnt sich nicht zwischen den beiden, nicht im Sinne einer Affäre – oder eben eines Romans. Was passiert ist einfach nur: Kommunikation. Reden. Aber dies in einer Sprache voller Zeichen, rhythmisch und singend, so schön, wie in Wirklichkeit niemand spricht. Es ist die artifizielle Sprache des Theaters in Vollendung.
Der Mann am Telefon beschreibt die Symptome und Gefühle des Altwerdens mit einer Härte und Klarheit, die den Wunschvorstellungen von Anti-Aging und grenzenloser Selbstoptimierung keine Chance lässt.

Von "der ganz gewöhnlichen Faulheit zum Tode" ist da die Rede, der Mann ist Arzt, immer waren die Alten seine Patienten, jetzt aber lässt er "seine Praxis langsam auslaufen" und merkt, wie er einer von ihnen wird: "sah mich mittrotten in der Menge ununterscheidbarer Existenzen, die mit ihren faulen, fettgewordenen Körpern allenthalben im Wege sind, auf Fahrstraßen, Rolltreppen, Parkbänken, die jeden freien Platz besetzen, die Aussicht versperren, Eingänge, Ausgänge, bis alles verlangsamt, kalt, zähflüssig geworden ist".

Genauestens erstattet er der fernen Teresa Bericht: von seinem Widerstand gegen eine Herzoperation, dem tiefen Erstaunen über die eigene Gebrechlichkeit plötzlich, von der folgenden Phase bemühter Jugendlichkeit, dann vom zeitweiligen Rückzug in ein Heim, von der Invasion früher Erinnerungen und einer kurzen, zukunftslosen Verliebtheit.

Die lauschende Teresa setzt dieser Rhapsodie des Verlustes und der Erkenntnis eine andere entgegen: Sie beschwört einen Frühlingstag in der Großstadt, des Gewühl in den Straßen, den Lärm, die Bewegung, das Leben der Vielen. Als sei es das größte Glück, ein Teil davon zu sein.

Und am Ende überlässt ihr der alte Doktor das Wort, von nun an soll sie es sein, die redet. Er wird zuhören, mit dem, was er im Lauf seiner eigenen Mitteilungen an Weisheit gewonnen hat: "Kein Mensch von einiger Vernunft, Teresa, sollte die Wahrheit so weit treiben, dass er sich selbst an ihr verletzt."


Besprochen von Katharina Döbler

Gerlind Reinshagen: "nachts",
Suhrkamp Verlag, Berlin 2011,
130 Seiten, 16,90 Euro

Links bei dradio.de:

Über das dritte Lebensalter
Friedrich Wilhelm Graf: "Über Glück und Unglück des Alters"


Wenn Mädchen nicht jung sein können
Gerlind Reinshagen: "Vom Feuer"
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