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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 19.05.2019

Nachwuchssorgen beim FrauenfußballDer Kick fehlt

Von Wolf-Sören Treusch

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Eine Zweikampfszene zwischen der Wolfsburger Spielerin Claudia Neto und Anna Gasper von Turbine Potsdam am 12. Mai im Bundesligaspiel zwischen beiden Teams.  (Picture Alliance / dpa / Michael Täger / foto2press)
Topteams unter sich: Die Frauen des VfL Wolfsburg gegen Turbine Potsdam. (Picture Alliance / dpa / Michael Täger / foto2press)

Der deutsche Frauenfußball droht, von der Spitze ins Mittelmaß abzurutschen: Die Vereine haben kaum Nachwuchs, und nur einige wenige Topklubs dominieren die Liga. Die Verantwortlichen kämpfen darum, dass junge Talente im Land bleiben.

Ein kühler, sonniger Frühlingstag im Wolfsburger AOK-Stadion. Gerade hat die Torschützenkönigin der Bundesliga, die Polin Ewa Pajor, die Heimmannschaft gegen den MSV Duisburg in Führung gebracht. In Euphorie geraten die 1.650 Zuschauer deshalb noch lange nicht. Zu vorhersehbar ist der Sieg der Favoritinnen, zu langweilig die Liga. Gibt auch Ralf Kellermann zu, der Sportliche Leiter des VfL.

"Das war in den letzten Jahren anders. Das war auch mit ein Grund, warum viele Spielerinnen aus dem Ausland nach Wolfsburg gewechselt sind, oder in die Bundesliga gewechselt sind. Weil jedes Spiel wurde man gefordert, jetzt in diesem Jahr ist es so, dass Bayern und wir vorneweg marschieren. Ich glaube, dass es im nächsten Jahr ähnlich aussieht, dass die beiden Kader die mit Abstand stärksten sind. Aber, ja, wir können jetzt nicht absichtlich Gas rausnehmen, das ist auch nicht unser Anspruch."

Bekannte Klubs investieren kräftig

Wenige Wochen später hat der VfL zum dritten Mal hintereinander das Double aus Meisterschaft und Pokal gewonnen. Internationale Erfolge bleiben inzwischen aus. Lange Zeit galt die Frauenfußball-Bundesliga als die beste in Europa.

Der 1. FFC Frankfurt, Turbine Potsdam und eben der VfL Wolfsburg dominierten die Champions League. Doch diese Zeiten sind vorbei. Die großen Klubs in England, Spanien und Frankreich, die man auch aus dem Männerfußball kennt, investieren kräftig in den Frauenfußball. Die Bundesliga muss aufpassen, sagt Ralf Kellermann:

"Das Pfund, das ich auch hatte, wenn ich mit Spielerinnen spreche - genau die Spielerinnen, die hierhin kommen, um natürlich um die Champions League mitzuspielen, aber auch um sich jede Woche auf Topniveau zeigen zu können und sich weiter zu entwickeln - das Argument ist aktuell nicht mehr so gegeben. Und wenn dann vielleicht der Deutsche Fußballbund das nicht ganz so ernst nimmt, dann ist es ein Teufelskreis. Wenn die Liga schlechter wird, wenn die besseren Spielerinnen aus dem Ausland wieder woanders hingehen, dann werden auch deutsche Nationalspielerinnen das Land verlassen, dann wird die Liga noch schlechter, werden sich junge Spielerinnen schlechter entwickeln, das ist ein Teufelskreis, den man dann auch bei Olympischen Spielen, Europameisterschaften und Weltmeisterschaften sehen kann."

Der Boom der WM 2011 ist verflogen

Noch ist es nicht so weit. Aber der Boom, den die Frauenfußball-WM im eigenen Land 2011 ausgelöst hatte, ist spürbar vorüber. Die Zuschauerzahlen in den Stadien sinken kontinuierlich. Im Durchschnitt auf unter 1000.

"In den Ligen, und nicht nur in Deutschland, haben wir immer noch mit Zuschauerakzeptanz zu kämpfen", bestätigt auch Karsten Petry, Geschäftsführer von "Octagon Deutschland", einer international tätigen Agentur in Sachen Sport und Entertainment.

"Natürlich gibt es Ausreißer, wie 60.000 Zuschauer in Spanien bei einem Spiel, das hatten wir auch in Deutschland schon, aber ansonsten haben wir in Deutschland 30 Prozent Zuschauerrückgang. Wir haben in England keine wachsenden Zuschauerzahlen, in Frankreich auch leichter Rückgang, also auf Klubebene ist immer noch eine Menge zu tun."

Auf der Suche nach neuen Sponsoren

Seit zehn Jahren sucht Karsten Petry nach geeigneten Vermarktungsmodellen für den Frauenfußball. Mittlerweile, sagt er, ginge es nicht mehr ausschließlich um möglichst hohe Reichweiten. Die Firmen wollten Botschaften vermitteln, so der Marketingexperte, für die sie selbst einstehen: Vielfalt und Gleichberechtigung. Wo ginge das besser als im Frauenfußball?

"Die brauchen nicht nur Eintrittskarten, Logo auf Interviewrückwänden und Bandenwerbung, sondern es muss darum gehen, ob jetzt auf Nationalmannschaftsebene oder auf Klubebene, dass mit den Mannschaften, mit einzelnen Spielerinnen gearbeitet wird, um Themen, Kampagnen zu entwickeln, die eben auf "Gender Equality", auf "Diversity", auf Inklusion auch einzahlen. Da würde ich im Moment bezweifeln, dass jeder Entscheider im deutschen Frauenfußball schon so weit ist in seinen Gedanken."

In der Tat: Die Frauenfußball-Bundesliga geht weiter den klassischen Weg. Nachdem die Allianz-Versicherung als Namenssponsor ausgestiegen ist, hat der DFB eines der größten deutschen E-Commerce-Unternehmen dafür gewinnen können: Flyeralarm. Vertragslaufzeit: vier Jahre.

"Flyeralarm ist schon länger im Umfeld des DFB und der Herren-Nationalmannschaft unterwegs, bisher als reiner Bandenbucher und da geht es um Kontakte und Reichweite. Das kann eigentlich nicht der Treiber sein, um als Namensgeber der Frauenbundesliga einzusteigen, deswegen bin ich persönlich sehr gespannt, wohin die Reise da geht."

Lübars war Vorreiter beim Fußball

Klar ist bereits: die Partnerschaft des DFB mit Flyeralarm beinhaltet ein Förderprogramm, das jungen Spielerinnen Qualifizierungsmöglichkeiten anbieten und sie damit gezielt bei ihrer dualen Karriere begleiten soll. Das wäre tatsächlich ein Mehrwert für den Frauenfußball. Der Sportliche Leiter des VfL Wolfsburg, Ralf Kellermann, ist daher vorsichtig optimistisch.

"Der Deutsche Fußballbund hat jetzt hoffentlich erkannt, dass er mehr machen muss, speziell im Nachwuchs sieht man das: Wir müssen sehen, dass wir durch weitere Sponsoren unsere wirtschaftliche Situation noch verbessern können."

Maja Bogs, die Geschäftsführerin der Frauen-Abteilung des 1. FC Lübars steht am Spielfeldrand, auf dem die Frauen trainieren. (Deutschlandradio / Wolf-Sören Treusch)Maja Bogs ist die Geschäftsführerin der Frauen-Abteilung des 1. FC Lübars (Deutschlandradio / Wolf-Sören Treusch)

Maja Bogs, 64, ist verantwortlich für den Mädchen- und Frauenfußball beim 1. FC Lübars, einem Verein aus dem Berliner Norden.

"Hast du schon mal die Tabelle von der Zweiten Bundesliga gesehen? Das kann sein, dass der Vierte, Fünfte aufsteigt mit Köln oder Saarbrücken. Alle zweiten Mannschaften vorne."

Eine Etage tiefer, in der Zweiten Liga, steht es gar nicht gut um den Frauenfußball. Hier fehlt erst recht das Geld. Deswegen dominieren auch die finanzstarken Klubs wie der VfL Wolfsburg und Bayern München. Sie schicken ihre Nachwuchsteams ins Rennen, die aber nicht aufsteigen dürfen. Ergebnis: in diesem Jahr geht der Meisterschaftsdritte hoch, der 1. FC Köln. Perspektive: Fahrstuhlmannschaft.

"Da haben wir so oft gewarnt auf Sitzungen beim DFB mit dieser Zweiten Liga. Wir haben gesagt: Das bringt nichts. Immer Futter für die 1. Liga. Die kriegen nur um die Ohren, und hoch, runter, hoch, runter."

Frauenabteilung ohne Spielerinnen

"Na, ordentlich die Hände. Lauf nicht so ulkig, Schlapperluse."

Fast drei Jahrzehnte macht Maja Bogs das mittlerweile. Sie ist so etwas wie die gute Seele der Abteilung. Wobei: Frauen gibt es im Augenblick gar keine mehr. Und das, obwohl der 1. FC Lübars zu den ersten Klubs in Deutschland gehörte, die ein Frauenteam gründeten. 1971 war das. Mit dem Aufstieg in die Zweite Liga Nord 2010 begann die Hochphase der Lübarserinnen.

"Dann kam natürlich für uns als Sahnehäubchen der Kooperationsvertrag mit Hertha BSC 2011, und das war natürlich Sahne. Es war nicht so, wie viele außerhalb dachten, dass wir hier Tausende von Euros gekriegt haben. Was sie gemacht haben, war die Physiotherapie monatlich mit 500 Euro zu unterstützen, der Rest war die Ausstattung. Die Klamotten. Alles andere musste der Verein stemmen. Das war nicht wenig. Busfahrten, die Gehälter, wir hatten ausländische Spielerinnen, die wir unterstützt haben, die haben eine Wohnung gekriegt, die haben wir auch bezahlt, also das war schon ein Kraftakt, die Kosten, die Gelder jeden Monat zusammenzukriegen."

Finanzielle Angelegenheiten nicht im Griff gehabt

200.000 Euro Minimum pro Saison, erinnert sich Maja Bogs. 2015 dann der Höhepunkt: das Team wurde Zweitligameister. Doch auf den Aufstieg in die Bundesliga musste der 1. FC Lübars verzichten. Hertha BSC drehte den Geldhahn zu, beendete die Kooperation. Viel gravierender aber war, dass der damalige Abteilungsleiter Frauenfußball die finanziellen Angelegenheiten nicht im Griff hatte.

"Wir hatten durch unseren Abteilungsleiter nachher Schulden, da haben wir von geträumt. Haben wir gar nicht mitgekriegt, was der hier für Scheiße gebaut hat. Die Gehaltszahlungen für die ausländischen Spielerinnen blieben aus, wir haben nachher von unserer Busfirma eine Aufstellung gekriegt, was nicht bezahlt wurde, da haben wir uns erschrocken, das Geld war doch da. Da haben wir nachher einen Schuldenberg von dem Bus gehabt, den zahlen wir jetzt noch ab."

Weniger Zuschauer kommen ins Stadion

Zum Missmanagement kam die schwache Zuschauerresonanz. Selbst zu Topspielen in der Meistersaison kamen nur zwei- bis dreihundert Zuschauer. Zahlungskräftige Sponsoren? Fehlanzeige. Ein Jahr lang spielte der 1. FC Lübars noch in der Zweiten Liga. Dann löste sich die Mannschaft auf, die meisten Spielerinnen wechselten zum Nachbarverein. Worüber sich Maja Bogs noch heute aufregt.

"Ja, Regionalliga hätten wir weiterspielen können, aber die Mädels waren der Meinung, sie sind was Besseres, der überwiegende Teil ist nach Hohen Neuendorf gegangen, Zweite Liga, und alle ausländische Spielerinnen wollten Geld haben, und das haben wir in der Regionalliga nicht gehabt. Hätten wir keinen Cent bezahlt, hätte der Vorstand gar nicht mitgemacht. Viele sind nach Hohen Neuendorf gegangen, da haben sie dann für weniger Geld gespielt als in Lübars, da ging es dann."

Seit Herbst 2016 nimmt der 1. FC Lübars, immerhin einer der Traditionsklubs im deutschen Frauenfußball, nicht mehr am Erwachsenenspielbetrieb teil. "Und es ist wirklich schwer, wieder neu anzufangen mit einer Frauenmannschaft, muss ich ganz ehrlich sagen, hätte ich nicht gedacht, aber so ist es", sagt Maja Bogs.

Zwar mehr Frauenteams, aber weniger Nachwuchs

Bundesweit steigt die Zahl der Frauenteams. Umgekehrt verläuft die Entwicklung allerdings bei den Mädchen bis 16 Jahren. Waren es 2010, dem Jahr mit dem höchsten Wert in der jüngeren Vergangenheit, 8.665 Teams, sank die Zahl bis 2018 auf 5.346. Ein dramatischer Rückgang um fast 40 Prozent. Auch Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg beobachtet diese Entwicklung mit Sorge, wie sie vor kurzem auf dem Amateurfußballkongress des DFB erzählte.

"Ich glaube, wir müssen in dem Bereich einfach flexibler werden. Und da sind wir dran, das ist ein großes Thema im DFB. Ich glaube, wenn wir dort mehr Flexibilität im Spielbetrieb kriegen, mehr Möglichkeiten, adäquat den Mädchen in der Altersklasse Spielmöglichkeiten zu geben, dann werden wir dort wieder Zuwächse gewinnen."

Flexibilität im Spielbetrieb, das ist die Zauberformel für den Mädchenfußball. Beim Übergang ins Erwachsenenalter hilft sie allerdings wenig.

"Es war generell so, dass viel zu wenig Mädchen Fußball spielen, und deswegen hatte man keine anderen Perspektiven als zu sagen, die Jüngeren müssen mit den Älteren zusammenspielen."

Lücke zwischen Jugend- und Erwachsenenteams

Cara, heute 18 Jahre alt, hörte vor drei Jahren mit dem Fußballspielen auf. Die Vorstellung, in ihrem Verein Stern 1900 Berlin direkt aus der B-Jugend in die Frauenmannschaft aufzusteigen, fand sie wenig attraktiv.

"Ich als 15-jähriges Mädchen war noch nicht bereit, mit teilweise 30-Jährigen zu spielen, vor allen Dingen weil die einen ganz anderen Spielstil haben, und generell einfach ganz anders denken als 15-jährige Kinder. Deswegen habe ich aufgehört, und teilweise vermisse ich es auch, aber ich bereue es nicht, dass ich aufgehört habe."

Auch das Leistungsgefälle war zu groß. Wie Cara geht es vielen Mädchen in ihrem Alter. Im Gegensatz zum Jungenfußball gibt es bei den Mädchen keine A-Jugend. Die 17-, 18-Jährigen hängen quasi in der Luft. Der Berliner Fußballverband hat das Problem erkannt, sagt Christine Lehmann, Referentin für Frauen- und Mädchenfußball, und bietet seit zwei Jahren eine Art U19-Staffel an. Allerdings mit wenig Resonanz.

"Da können vier Jahrgänge zusammen spielen, von der B bis zu den beiden jüngsten Frauenjahrgängen. Einfach um diesen Spielbetrieb ins Laufen zu kriegen und die Mädchen zu halten, die noch nicht weit genug sind oder noch nicht zu den Frauen wollen. Aber es ist sehr mühsam, die Vereine nehmen das noch nicht so an, wir haben angefangen mit fünf, beendet haben dann diesen Spielbetrieb drei. Viele sagen ‚ich bin froh, dass ich endlich die Mädchen habe und in die Frauen packen kann. Bei den anderen gibt es eben leider nicht genug."

Flexibilität als neue Zauberformel

Vor allem in den Flächenbundesländern ist der flexible Spielbetrieb für den Mädchenfußball enorm wichtig. Schon lange sind deshalb Spielgemeinschaften zugelassen, und seit drei Jahren gibt es vielerorts das sogenannte Norweger-Modell: zwei Mannschaften spielen gegeneinander, die kleinere der beiden entscheidet, mit welcher Zahl von Spielern beide Mannschaften auf dem Feld vertreten sind.

"Und kommt eine Mannschaft nur mit neun, dann spielen wir eben nur neun gegen neun, also dass man sich wirklich auf den Gegner einstellt und dass auf jeden Fall jeder spielen kann. Also das ist wirklich neu, das machen wir noch nicht in Berlin, es war noch nicht so gefordert. Wir haben Kleinfeld, wir haben Großfeld, wir haben für alle eine Spielmöglichkeit. Das hätten wir dann auch noch mal, um noch flexibler zu sein."

Talentsuche über Social-Media-Kanäle

Der DFB versucht es auch über die sozialen Medien. Unter dem Hashtag "NichtOhneMeineMädels" können Fußballerinnen oder solche, die es werden wollen, eine Mädchenfußballbörse anklicken. Und erfahren dann, dass SuS 09 Dinslaken "Zwei bis drei Torhüterinnen" für die kommende Saison sucht und dass KSV Heimersdorf neue Spielerinnen für die D- und C-Jugend braucht. Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg findet solche Initiativen gut.

"Ich finde das spannend, wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin, einfach an einem Fußballplatz anzuhalten, mir geht mein Herz auf, wenn ich dort auf den Fußballplätzen die Mädchen und Jungen Fußball spielen sehe, die engagierten Trainer, es gibt nichts Schöneres als in diese strahlenden Augen zu schauen. Wir brauchen die Menschen, die auf den Fußballplatz gehen, sich bewegen, Freude haben und das auch dann in ihren Alltag mitnehmen."

Voss-Tecklenburg setzt auf Trainerinnen

Am allerwichtigsten findet Voss-Tecklenburg, dass sich genügend Trainerinnen ausbilden lassen. Sagte sie mir in einem Interview 2011, kurz vor der WM in Deutschland. Ihre Aussage von damals gilt weiter.

"Ein großer Knackpunkt ist noch die Trainerqualitätsfrage. Wir brauchen einfach noch viel mehr, ich denke vor allem Mädchen und Frauen, die Lust haben, ihre Erfahrung, die sie vielleicht irgendwo als Spielerin gewonnen haben, dann auch mit in den Trainerbereich zu nehmen. Ich finde es ganz wichtig, dass im Mädchenfußball Frauen sind. Weil die Mädchen eine weibliche Person als Ansprechpartnerin, als Betreuungsperson einfach brauchen."

Absolut richtig, bestätigt Christine Lehmann vom Berliner Fußballverband. Sie ist selbst viel unterwegs, fährt mit dem DFB-Mobil an die Schulen, organisiert Mädchenfußball-AGs. Nach dem Hype um die WM im eigenen Land 2011 hatte sie einen größeren Aufschwung erhofft, heute freut sie sich schon über kleine Erfolge. Auch in der Trainerinnenfrage.

"Es hat sich auf jeden Fall was entwickelt. Wir haben verschiedene Angebote. Juniorcoach, die teilweise auch nur für junge Frauen sind. Wir haben Trainerausbildung für Frauen, wir sind da auf einem guten Weg, dass wir ehemalige Spielerinnen, aus der Auswahl oder die aufhören, dass wir versuchen, sie für den Trainerjob zu gewinnen, also wenn wir jedes Jahr zehn Frauen und Mädchen dazu gewinnen, dann sind wir gut."

Vom Platz an die Seitenlinie

Zurück auf dem Fußballplatz des 1. FC Lübars. Mal mehr, mal weniger elegant dribbeln ein paar 12-jährige Mädchen mit dem Ball am Fuß durch die Hütchen auf dem Rasen. Aufmerksam beobachtet von Michelle Behrendts, ihrer Trainerin.

"An sich ist es ein guter Jahrgang, 2006 ist relativ viel versprechend in der 1. D. Wir sind eigentlich positiv gestimmt, dass es nächstes Jahr in der C auch ganz gut wird. Weil wir aufs Großfeld gehen, klar, wird das eine Umstellung für alle, aber die sind vom Kopf her und von der Fitness und vom Spielerischen auch so weit, dass auch viele aufs Großfeld müssten."

Trainerin Michelle Behrends mit ihren D-Mädchen vom 1. FC Lübars. (Deutschlandradio / Wolf-Sören Treusch)Früher stand sie selbst auf dem Rasen: Trainerin Michelle Behrends mit ihren D-Mädchen vom 1. FC Lübars. (Deutschlandradio / Wolf-Sören Treusch)

Michelle ist 19, hat früher selbst bei Lübars gespielt, B-Juniorinnen-Bundesliga, parallel dazu in der Berliner Landesauswahl. Ihre Fußballkarriere begann sie, wie viele ballhungrige Mädchen, bei den Jungen. Schon mit elf, als sie mir erstmals bei einem Berliner Schulfußballturnier auffiel, galt sie als großes Talent.

"Jetzt habe ich viermal die Woche Training, eigentlich fünfmal, aber ich lasse einmal ausfallen, weil, sonst wird es auch zu viel für mich."

Der Traum von der Fußballkarriere zerplatzte

Und über ihre sportlichen Ziele sagte Michelle Behrendts damals:

"Dass ich mal wie meine Schwester so hochklassig spiele. Also zweiten Bundesliga mindestens. Bei Hertha Lübars zweiten Bundesliga."

Es kam bekanntlich anders. Ohne Hertha, mit vielen finanziellen Unregelmäßigkeiten und falschen Versprechungen. Der 1. FC Lübars zog nicht nur seine Frauenmannschaft aus der Zweiten Liga zurück. Auch für die B-Juniorinnen, bei denen Michelle Behrendts damals spielte, war Schluss. Sie und ihre Mitspielerinnen stiegen aus, Träume zerplatzten.

"Aber an sich war es schon schade, weil wir damals auch eine gute Truppe hatten, wo ich sage, wir hätte die Chance gehabt, weiter oben zu spielen, wenn es nicht alles so gelaufen wäre. Klar auf jeden Fall, irgendwann hätte man auch angreifen können. Wenn es die Frauen weiterhin gegeben hätte. Ich glaube, das ist auch jedermanns Traum, der hier von Grund auf gespielt hat. Natürlich."

Jüngere Spielerinnen profitieren von Erfahrung

Trotz des Ärgers von damals: Michelle Behrendts ist nicht nachtragend. Positiv bleiben, ist ihre Devise. Seit vier Jahren, also seit ihrem Weggang als Spielerin, trainiert sie den Nachwuchs in Lübars. Noch ohne Lizenz, aber sie ist sicher: wenn sie ihre Ausbildung zur Erzieherin abgeschlossen hat, macht sie auch endlich den Trainerschein.

"Dadurch dass ich selber jahrelang Fußball gespielt habe, finde ich es natürlich cool, mein Können oder was ich weiß den Kleinen weiterzugeben. Trainer ist genau das, was ich immer machen wollte, wenn es von der Zeit her manchmal ein bisschen knapp wird, habe ich meinen Papa auch noch, der das mit mir auch jahrelang zusammen macht. Deswegen passt das Papa-Tochter-Gespann ganz gut."

Die Zahl der Mädchen, die beim 1. FC Lübars Fußball spielen, ist seit den Zerwürfnissen von damals gesunken. Von mehr als 100 auf 65, in vier Teams. Eigentlich sollte ja der Spaß im Vordergrund stehen, sagt die 64-jährige Maja Bogs, die gute Seele des Mädchen- und Frauenfußballs in Lübars, aber die Zankereien hören offenbar nie auf. Aktuell betrifft es die B-Juniorinnen.

"Ja, ja, da gab es ein paar Meinungsverschiedenheiten und da gab es ein paar Beleidigungen bei der Whatsapp-Gruppe. Keiner weiß, was passiert ist, warum, weshalb, wieso, das ging so schnell, ich habe es gar nicht mitbekommen. Dann haben es nicht weniger als sieben, acht Mädels für richtig gehalten aufzuhören. Und das mitten in der Saison. Das war richtig Klasse. Kann man nicht vernünftig miteinander reden, wenn man hier auf dem Platz ist? Da sind Mädels bei, die sind seit 2010 in Lübars. Dazu fällt dir nichts mehr ein. Bei mir wird es auch langsam Zeit, dass ich Schluss mache. Sonst sterbe ich hier auf dem Platz irgendwann mal."

Talente hoffen auf den Sprung in die Bundesliga

Beim VfL Wolfsburg haben die jungen Fußballerinnen andere Probleme als in Lübars. Hier geht es um Leistungs- nicht um Breitensport. Hier geht es darum, den Fulltimejob Fußball in Einklang zu bringen mit Schule, Ausbildung, Freizeit. Und nicht zu murren, wenn es nicht klappt. Die wenigsten Nachwuchstalente schaffen den Sprung in die erste Mannschaft, in die Bundesliga.

Melina Loeck, Torfrau, und Anna-Lena Stolze, Mittelfeldspielerin, beide 18 Jahre alt, sind nah dran. In der vergangenen Saison gehörten sie zum 25-köpfigen Kader, Einsatzzeiten hatten sie allerdings kaum.

"Der VfL Wolfsburg ist bei den Frauen einfach ein europäischer Topklub, da ist es ganz normal, dass es schwer ist, in die erste Mannschaft zu kommen. Man kann das ein bisschen vergleichen mit dem Bayern München bei den Männern. Also da schaffen es auch die wenigsten aus dem Jugendbereich in die Herrenmannschaft, weil viele von außerhalb geholt werden, weil es notwendig ist, um auf so einem hohen Niveau spielen zu können."

"Ja, enttäuscht ist man, glaube ich, immer bei so was. Natürlich hat man das auch im Hinterkopf, aber ich meine, für uns geht es gerade um die Meisterschaft, und da ist auch eine Absprache mit dem Trainer, dass ich anstatt auf der Bank zu sitzen oder nur wenige Minuten Spielzeit zu bekommen, wenn das Spiel entschieden ist, lieber in der zweiten Mannschaft spiele, dort 90 Minuten meine Erfahrungen sammeln kann."

Studium neben dem Training

Beide haben von klein auf in Jungenmannschaften Fußball gespielt. Schon der Wechsel in ein reines Mädchenteam war eine Umstellung, der zum VfL Wolfsburg vor vier Jahren erst recht. Melina Loeck hat ihren Schritt nach Wolfsburg bisher keine Sekunde bereut. Mittlerweile studiert sie nebenbei Gesundheitsmanagement. Per Fernstudium. Anna-Lena Stolze hat gerade ihr Abitur gemacht, will sich jetzt erst einmal auf Fußball konzentrieren. Sie hadert ein wenig. Mit sich und ihren Erwartungen.

"Vielleicht schon in der fußballerischen Entwicklung weiter zu sein, vielleicht schon mehr in der ersten Liga zu spielen, so was halt. Man weiß nicht, wo es vielleicht besser gelaufen wäre. Aber natürlich: Man guckt auf andere Spieler in Deutschland und möchte vielleicht auch langsam erste Bundesliga spielen."

"Bei uns ist es so, dass die Spielerinnen in den seltensten Fällen in dem Alter schon eine Qualität haben, bei uns mitzuspielen. Weil wir eben nicht um Platz 5, 6 mitspielen, sondern wir wollen um die Champions League mitspielen, und dann ist der Unterschied riesengroß."

Der Sportliche Leiter in Wolfsburg, Ralf Kellermann, ergänzt, er habe kein Problem damit, dass der VfL auch ein Ausbildungsverein sei. Wer den Sprung nicht schafft, sagt er, könne in jedem anderen Team der Liga mitspielen. Wer es schafft, dem winkt die Karriere beim VfL.

"Es gibt Beispiele: Anna-Lena Stolze, Melina Loeck, vielleicht müssen die auch irgendwann mal den Umweg gehen und ein Jahr ausgeliehen werden und dann zurückkommen, aber das Potenzial haben sie auf jeden Fall."

Topklubs kaufen junge Spielerinnen weg

Die beiden Fußballerinnen selbst geben sich zuversichtlich. Jede auf ihre Art. Melina Loeck:

"Ich hoffe natürlich, dass ich irgendwann die Nummer eins bin. Aber wenn ich Gesundheitsmanagerin werde, wäre das auch nicht das Problem."

Und Anna-Lena Stolze sagt: "Natürlich in die erste Liga, sei es hier oder sei es vielleicht in einem anderen Land, aber das sind natürlich meine Ziele. Es werden immer mehr Länder, die gut werden und vielleicht auch besser als die Bundesliga, deswegen würde ich das nicht ausschließen. England ist natürlich die erste Wahl, denke ich."

Und so könnte die Investmentoffensive der europäischen Klubs am Ende dazu führen, dass nicht nur die Spitzenspielerinnen aus der Bundesliga weggekauft werden, sondern auch verheißungsvolle Nachwuchstalente. Eine Entwicklung, die im Männerfußball schon lange zu beobachten ist. Der deutsche Frauenfußball muss aufpassen, dass er nicht im Mittelmaß versinkt.

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