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Thema / Archiv | Beitrag vom 08.05.2014

Nachruf"Schlachten gewinnen sie nicht"

Publizist Wolf Schneider sieht die Ära des Soldaten zu Ende gehen

Moderation: Frank Meyer

Soldaten stehen mit aufgepflanzter Waffe mit dem Rücken zur Kamera. Ihnen gegenüber weitere Soldaten in Reih und Glied. (dpa / picture alliance / Martin Schutt)
Zum Verabschiedungsappell sind rund 270 Soldaten des Panzerbataillons 393 am 16.4.2014 in Bad Salzungen (Thüringen) angetreten. Das Bataillon wird nach Bad Frankenhausen verlegt. (dpa / picture alliance / Martin Schutt)

Der Soldat tauge nicht mehr zum Siegen: Selbstmordattentäter und Partisanen seien ihm inzwischen überlegen, erst recht Drohnen und Atomraketen, meint Wolf Schneider. Der Publizist geht in seinem neuen Buch der Bedeutung und Entwicklung des Soldatenberufes nach - es ist ein Nachruf geworden.

Frank Meyer: Den Publizisten Wolf Schneider kennen Sie vielleicht durch seine Bücher zur deutschen Sprache, "Deutsch fürs Leben" oder "Deutsch für Kenner", das sind Standardwerke von ihm. Jetzt hat Wolf Schneider ein Buch über den Soldaten geschrieben, einen Nachruf auf den Soldaten, so heißt es schon im Titel. Wolf Schneider ist jetzt in München für uns im Studio, guten Tag, Herr Schneider!

Wolf Schneider: Guten Tag!

Meyer: Wir sprechen heute am 8. Mai miteinander, also am Tag der Befreiung im Jahr 1945. Damals waren Sie selbst Soldat, Unteroffizier in der Wehrmacht. Hat das eine Rolle ... das hat sicher eine Rolle gespielt für dieses Buch, oder?

Schneider: Ja, natürlich, der Antrieb, mich überhaupt damit zu beschäftigen. Das entstand halt in den ersten Jahren nach dem Krieg, dass ich mich aus meiner Verwunderung, was einem da so alles widerfahren war und was mit Deutschland alles geschehen und durch Deutschland angerichtet worden war, auf die Literatur stürzte. Ich hatte schon zwei Sachbücher geschrieben, als ich damit anfing, und habe angefangen, die Welt danach zu sortieren, ob ich vielleicht mal ein Buch über sie schreiben könnte - es sind ja inzwischen 28 geworden. Also sehr langes Interesse auf der Basis einer schmerzlichen beruflichen Erfahrung. Ich bin glimpflich davongekommen, ich wurde nicht verwundet, ich wollte auch absolut kein Held werden, aber ich habe Pulverdampf gerochen und Angst und Blut erlebt.

Soldaten als Opfer der allgemeinen Wehrpflicht

Meyer: Sie denken nun über das Phänomen des Soldaten nach, unter anderem über die Frage, ob Soldaten am ehesten Opfer sind von Politikern, von Herrschern, von Kommandeuren, die sie in die Schlacht schicken. Sind Soldaten Opfer?

Der Journalist und Moderator Wolf Schneider (picture alliance / dpa / Georg Wendt)Der Journalist und Moderator Wolf Schneider, bekannt als Sprachkritiker und Verfasser von Stillehrbüchern. (picture alliance / dpa / Georg Wendt)

Schneider: Millionen Soldaten waren natürlich Opfer seit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. Die Millionen Toten der beiden Weltkriege sind ja überwiegend, wie die Millionen Wehrpflichtigen, die niemals Soldaten werden wollten, aber vom Staat gezwungen wurden, in den Krieg zu ziehen.

Meyer: Auf der anderen Seite ...

Schneider: Und solche Leute würde ich Opfer nennen, das sind die einen. Opfer, das bezieht sich auf die, denen die den Soldaten zum Opfer gefallen sind, also Millionen Zivilisten, also Opfer nach beiden Seiten. Sie haben gelitten und sie haben Leiden zugefügt.

Meyer: Sie sprechen auch von Bestien, wenn Sie von Soldaten sprechen. Wann sind Soldaten Bestien?

Schneider: Bedenken Sie doch nur, den Millionen vergewaltigen Frauen der letzten Kriege müssen ja Millionen Männer gegenüberstehen, denen das Vergewaltigen Spaß gemacht hat. Wem das Spaß macht, den nenne ich eine Bestie. Das Militär lockt natürlich den inneren Schweinehund aus jedem hervor und gibt ihm zu fressen, davon leben ja die Armeen, dass es kampfgierige Leute gibt. Sie finden in den meisten zivilisierten Völkern so einen Bodensatz von fünf bis zehn Prozent der Leute, die auch als Hooligans sich gerne raufen im Fußballstadion, als Motorradrocker, als Autonome, die Molotowcocktails schleudern. Und wenn man diese Leute in Uniform steckt und ein bisschen diszipliniert, dann hat man einerseits gute Soldaten und andererseits solche, die ohne große Schwierigkeiten durch die Verführungen der Schlacht und der Eroberung in Bestien verwandelt werden.

Russische Soldaten sitzen im Schützengraben während des 1. Weltkriegs. (picture alliance / dpa / Foto: Itar-Tass)Russische Soldaten sitzen im Schützengraben während des 1. Weltkriegs. (picture alliance / dpa / Foto: Itar-Tass)

Meyer: Und das, was Sie jetzt sagen, wie passt das zur modernen Bundeswehr mit dem Leitbild vom Staatsbürger in Uniform?

Schneider: Och, von diesem Leitbild ist ja gar nicht mehr die Rede. Das war ein Trostwort aus den 50-er-Jahren, als unter riesigem Protest der Deutschen die allgemeine Wehrpflicht wieder eingeführt wurde. Jetzt haben wir ja Gott sei Dank keine Wehrpflicht mehr, ausgesetzt angeblich nur, und jetzt kommen die Freiwilligen. Und ob die nun Staatsbürger sind oder nicht, davon redet man gar nicht mehr. Eine Freiwilligenarmee hat also, was immer es militärisch bedeuten darf, zunächst mal für Hunderttausende oder Millionen von Bürgern den riesigen Vorteil, also gezwungen werden, eine Uniform zu tragen oder möglicherweise zu schießen, werde ich nicht.

Meyer: Wenn ich Sie richtig verstehe, sagen Sie, eine zivilisierte Armee, das ist ein Widerspruch in sich, das kann es gar nicht geben?

"Verglichen mit Selbstmordattentätern sind Soldaten sowieso eine ganz schwache Truppe"

Schneider: Wenn Sie es so ausdrücken wollen, ja, Gott, sie kann sich natürlich manierlicher Umgangsformen befleißigen. Man kann diszipliniert kämpfen, keine Kriegsverbrechen begehen, aber die Hauptsache bleibt natürlich: Ich bin dazu da zu töten, und ich laufe das Risiko, getötet zu werden.

Meyer: Herr Schneider, warum haben Sie dieses Buch nun "Ein Nachruf" genannt, warum soll das soldatische Zeitalter zu Ende gehen?

Schneider: Was heißt, es soll nicht, es soll nicht zu Ende gehen, es ist eine Feststellung. Putin schickt noch nicht mal Soldaten, er schickt maskierte Spezialtruppen rüber, und die Amerikaner kommen doch nicht mit Hunderttausenden Soldaten, um Putin entgegenzutreten. Soldaten spielen sozusagen also in dem aktuellen Konflikt schon gar keine Rolle mehr. Die Soldaten, die in Afghanistan waren, ziehen allmählich ab und haben mehr oder weniger vor den Partisanen kapituliert. Verglichen mit Selbstmordattentätern sind Soldaten sowieso eine ganz schwache Truppe. Bedenken Sie, die zehn Mann, mit denen Osama Bin Laden das World Trade Center gerammt hat, die haben einen Schaden angerichtet und die amerikanische Politik umgestülpt, wie es nur mit Hunderttausenden oder Millionen von Soldaten möglich gewesen wäre. Also Soldaten sind noch da, aber Schlachten gewinnen sie nicht, in Kriege geschickt werden sie nicht mehr.

Meyer: Sie sprechen auch von Drohnen zum Beispiel als Beispiel für das Ende des Soldaten. Drohnen und andere ferngesteuerte Kampfgeräte, die werden ja aber auch von Soldaten bedient, genau wie alle seit dem Zweiten Weltkrieg verwendeten Raketenwaffen ja auch ferngesteuert wurden von Soldaten.

Schneider: Das ist die Frage, ob man die Leute Soldaten nennt. Wie stand vor ein paar Tagen in der "Zeit"? "Das Praktische am Drohnenkrieg ist ja, dass man es als Pilot vergleichsweise gemütlich hat. Die körperlichen Risiken sind nur mit denen eines Büroangestellten zu vergleichen." Zitat aus der "Zeit". Die Leute sitzen 10.000 Kilometer vom Kriegsschauplatz entfernt, schauen auf einen Fernsehschirm und entscheiden per Joystick, wen sie in einem anderen Kontinent umbringen wollen. Wenn Sie Lust haben, die Soldaten zu nennen, dürfen Sie, ich finde es unzweckmäßig.

Eine unbemannte Kampfdrohne der US-Air-Force (MQ-1 Predator) fliegt in der Nähe eines logistischen Flughafens in Südkalifornien. (dpa picture alliance / Tsgt Effrain Lopez)Die US-Regierung darf Rechtfertigungen ihrer Kampfdrohneneinsätze Reportern nicht vorenthalten. (dpa picture alliance / Tsgt Effrain Lopez)

Meyer: Soldaten sind für Sie nur die, die mit ihrem eigenen Körper auf dem Schlachtfeld anwesend sind?

Schneider: Nein, natürlich nicht nur, aber - es gehört immer ein Unterbau dazu und eine Etappe -, aber nun gerade den Punkt, es gäbe eigentlich noch Soldaten, an den Drohnenpiloten festzumachen, ist wirklich fast komisch. Die Leute leiden ihrerseits darunter, dass sie, nachdem sie im Regierungsauftrag getötet haben auf fernen Kontinenten, nach Hause gehen zu Frau und Kind. Sie leben ja überhaupt nicht in soldatischem Umfeld, sie tragen keine Uniformen, sie haben ... es sind Büroangestellte. Das ist ein typisches Indiz dafür, dass der Soldat in herkömmlichem Sinne kaum noch existiert.

Meyer: Sie führen auch das Argument der Söldner an im Blick auf die Söldner der Firma Blackwater, im Irak zum Beispiel im Einsatz für die USA. Nun gab es ja andererseits in Europa schon in lange vergangenen Jahrhunderten ganze Söldnerarmeen im 30-jährigen Krieg etwa ... 

"Wir verhalten uns ja, als ob wir noch vier weitere Erden vor uns hätten"

Schneider: Das war ja das Normale die meiste Zeit.

Meyer: Das ist doch eigentlich nur die Rückkehr eines Altmodells?

Schneider: Na ja, nicht ganz. Früher gab es halt nur Söldnerarmeen, und heute ja Blackwater eine ganz andere Eigenschaft: Sie sind außerhalb des Kriegsrechts gestellt, sie können auf eigene Faust in Afghanistan tun, was sie wollen, und werden weder vor amerikanischen noch für afghanischen Gerichten verantwortet und bieten die ungeheure Chance, dass der amerikanische Präsident ohne das Parlament befragen zu müssen sagt, jetzt mieten wir mal 10.000 von denen. Also sie handeln noch soldatisch, aber in einer zugespitzten Söldnerform, die sonst auf Erden ausgestorben ist. Eine ganz schlimme Truppe - wenn es nicht die Selbstmordattentäter gebe, wären die schon die Schlimmsten.

Meyer: Herr Schneider, ich verstehe Sie aber richtig: Auch wenn man einen Nachruf auf den Soldaten schreiben kann heute, geht damit aber das Zeitalter der Kriege lange nicht zu Ende.

Schneider: Nein, leider überhaupt nicht. Es gibt in den Generalstäben zwei Szenarien von dem Schrecklichen, was passieren könnte. Einerseits schließt man den Atomkrieg nicht aus - es gibt ja inzwischen leider nun Atommächte -, und wenn es mal um den Endkampf um die Ressourcen oder um den Platz oder um das Öl oder um das Wasser geht, könnte ja einem mal die Sicherung durchbrennen. Und das andere ist der Krieg der Computer, der Cyberwar, die wahrscheinlichere Lösung. Gerade stand in der Zeitung, Obama hat der NSA den Auftrag erteilt, oder die hat das schon vollzogen, 100.000 Schadprogramme in Computern in aller Welt zu installieren. Also es besteht die technische Möglichkeit, dass man mit Computern die Kraftwerke eines fremden Landes vollkommen stilllegt. Damit kommt der Verkehr zum Erliegen, die Kommunikation kommt zum Erliegen, die Atomkraftwerke werden nicht mehr gekühlt, die ersten Chemiefabriken explodieren - totales Chaos ohne einen einzigen Soldaten und praktisch ein verlorener Krieg ohne Soldaten.

Bewaffnete Terroristen richten Maschinengewehre in die Höhe  (dpa / Mohammed Jalil)Die Stämme in Falludscha sollen die Terroristen selbst aus der Stadt vertreiben (dpa / Mohammed Jalil)

Meyer: Also selbst wenn es weniger Soldaten geben sollte oder wenn die Soldaten sogar ganz verschwinden, ist das kein Zeichen dafür, dass die Welt zivilisierter werden könnte.

Schneider: Nein, leider überhaupt nicht. Wir sind auf einem überfüllten Planeten, auf dem zurzeit sieben Milliarden - und es sollen noch zehn Milliarden werden - darum kämpfen, einen Platz an der Sonne zu behalten und genügend Wasser zu trinken und genügend Öl zu verpulvern und genügend Strom zu verpulvern. Wir verhalten uns ja, als ob wir noch vier weitere Erden vor uns hätten. Die Sparsamkeit, zu der auf Umweltkonferenzen immer wieder aufgefordert wird, findet ja nirgends statt, die Chinesen und die Inder wollen endlich genauso reich werden wie die Amerikaner, also das ist eine düstere Zukunft. Ohne Soldaten wird nichts besser.

Meyer: Das Buch von Wolf Schneider heißt "Der Soldat - Ein Nachruf: Eine Weltgeschichte von Helden, Opfern und Bestien". Es ist im Rowohlt-Verlag erschienen, mit 544 Seiten für 24,95 Euro ist dieses Buch zu haben. Herr Schneider, ganz herzlichen Dank für das Gespräch!

Schneider: Danke sehr!

 

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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