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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.06.2016

Nachruf auf Götz George "Und es dämmert mir mal wieder, dass ich sterben muss"

Von Noemi Schneider

Der Schauspieler Götz George, der am 19. Juni im Alter von 77 Jahren starb. (picture alliance / dpa / Horst Ossinger)
Der Schauspieler Götz George, der am 19. Juni im Alter von 77 Jahren starb. (picture alliance / dpa / Horst Ossinger)

Mit Götz George starb am 19. Juni einer der vielseitigsten und anspruchsvollsten Charakterdarsteller des deutschen Nachkriegsfilms. Noemi Schneider erinnert an einen Mann, der einfach alles konnte: ob Krimi, Komödie oder Tragödie.

Filmausschnitt "Schtonk":

Es war vielleicht nicht seine größten Rolle aber mit Sicherheit eine der wichtigsten - die des Skandalreporters Hermann Willié, der glaubt, Hitlers Tagebüchern auf der Spur zu sein und der Bundesrepublik kurzerhand den größten Medienskandal der Nachkriegsgeschichte bescherte und Helmut Dietls "Schtonk" eine Oscar-Nominierung einbrachte. 

Derbe Sprüche und voller Körpereinsatz

Umstrittene Personen spielte Götz George gerne, zu Beginn der 80er-Jahre gingen besorgte Duisburger gegen den Schauspieler auf die Straße, weil sie das Image ihres Städtchens durch Horst Schimanski bedroht sahen. Anfang der 80er-Jahre revolutionierte Götz George als unkonventioneller, nonkonformistischer Duisburger Kommissar zur Hauptsendezeit den verstaubten Krimiabend mit derben Sprüchen, vollem Körpereinsatz und verzwickten, nicht selten politisch-delikaten Fällen.

Ausschnitt aus "Na Sowas" mit Thomas Gottschalk 1985:
- Götz, du bist so ein Typ mit Lederjacke und Bart und nicht nur die Frauen mögen dich, du bist im Grunde, was so das deutsche Kino- und Fernsehpublikum betrifft ein Held, einer der wenigen, die es so gibt, einer der wenigen deutschen starken Männer so vom Feeling her ist das doch war?
- Ich hab nen Tennisarm jetzt im Moment, ich kann nicht mal n Bier halten.
- Aber die sind doch ausgestorben, die Knallertypen?
- Du, frag mich nicht, ich weiß nicht, was gefragt ist.
- Und du bist einer, bist auch privat einer?
- Nee, sicher nicht.

Ambivalentes Verhältnis zum Vater Heinrich George

Götz George wurde 1938 in Berlin geboren, als Sohn des Schauspielerehepaars Heinrich George und Bertha Drews. Den Vornamen hat der Vater seiner Lieblingsrolle entliehen, dem "Götz von Berlichingen". 2013 verkörperte Götz George in dem Fernsehfilm "George" seinen Vater Heinrich, den ehemaligen Intendanten des Schillertheaters, der während des Nationalsozialismus in mehreren NS-Propagandafilmen mitwirkte und 1946 in sowjetischer Lagerhaft starb. Zum Vater hatte Götz George eine sehr zwiespältige Beziehung, dem "Götz von Berlichingen" hingegen setzte der Sohn in "George" ein Denkmal.

Ausschnitt "George" - Götz von Berlichingen:
Es kommen die Zeiten des Betrugs, es ist ihnen Freiheit gegeben. Die Schwachen werden regieren, mit List, der Tapfere wird in die Netze fallen, womit die Feigheit die Faden verwebt. Himmlische Luft, Freiheit, Freiheit!

Götz George und Thomas Gottschalk auf der Couch von "Wetten, das...?" (dpa / Uli Deck)Götz George und Thomas Gottschalk in einer "Wetten, dass...?"-Ausgabe im Jahr 2003. Wie bei ihrem letzten Zusammentreffen 1998 stritten sie vor der Kamera - diesmal nicht ernst gemeint. (dpa / Uli Deck)

Nach ersten Gehversuchen auf Berliner Bühnen debütierte Götz George 1953 im Film an der Seite von Romy Schneider in Hans Deppes Kassenschlager "Wenn der weiße Flieder wieder blüht". Der Durchbruch gelang ihm 1959 als Boxer in dem Film "Jacqueline" von Wolfang Liebeneiner, für den er mit dem deutschen Filmpreis als bester Nachwuchsschauspieler ausgezeichnet wurde. In den 60er-Jahren wurde Götz George mit Produktionen wie "Der Schatz im Silbersee", "Sie nannten ihn Gringo" oder "Ferien mit Piroschka" zum Teenie-Schwarm. Dem Theater blieb er sein ganzes Leben lang treu, als Ensemblemitglied in Göttingen bis 1963 danach bis Anfang der 90er-Jahre als Gast an verschiedenen Bühnen in Deutschland.

Ob Komödie oder Tragödie: Götz George konnte alles

1977 verkörperte er in Theodor Kotullas Film "Aus einem deutschen Leben" den KZ-Kommandanten Rudolf Höß.

Ausschnitt "Aus einem deutschen Leben":
"Kommen Sie, Sietzler, wir kriegen ja die Meldung über den Fall!"

1995 erhielt Götz George bei den Filmfestspielen in Venedig den Darstellerpreis: für seine Rolle des Massenmörders Haarmann in Romuald Karmakars "Der Totmacher". Zwei Jahre später stellte er zum zweiten Mal unter Helmut Dietls Regie sein komödiantisches Talent unter Beweis in "Rossini oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief"

(Ausschnitt "Rossini oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief":)
- "Gute Schauspielerinnen, euch hat man wohl ins Hirn geschissen, die Lorelei ist doch keine x-beliebige Figur, die irgendeine x-beliebige Verstellungskünstlerin mehr oder weniger gut rauf und runter mimt. Diese Frau ist-
Mythos und Tragödie."
- "Nee Oskar, ganz im Gegenteil, sie ist Märchen und Komödie."

Der "erste coole Typ im deutschen Fernsehen"

Ob Arthaus, Satire, Komödie, Krimi, Tragödie, Thriller, Serie oder Film, im Fernsehen oder im Kino, Götz George adelte sie alle mit seiner Präsenz, seiner Stimme und seiner Statur. Er war ein Schauspieler, der keine Haltung einnehmen musste, sondern immer eine hatte. 2007 wurde er dafür mit dem Deutschen Filmpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Bis zuletzt blieb er der "erste coole Typ im deutschen Fernsehen".

Gottschalk: "Du hättest natürlich vieles gut machen können, indem du jetzt eine Platte machst: Götz George liest Rilke, das hätte dir doch viele Herzen... Was macht er? Er liest Bukowski."

Ausschnitt "George liest Bukowski: Die Schattenseite von Hollywood":
"Die Schattenseite von Hollywood
Die Fenster alle dunkel
Die Tankstellen im Neonlicht
Und da oben auf den Bergen
Machen die reichen Hengste mit ihren schönen Stuten einen drauf
Während ich Donizetti höre
Der 1797 gestorben ist
Und es ist nichts zu rauchen da
Aber genug zu trinken
Und ich hab die Bettwäsche abgezogen
Die brandrote Flecken hat
Und es dämmert mir mal wieder
Dass ich sterben muss."

(Martin Athenstädt dpa/lnw)Götz George spielt den Schimanski (Bild: dpa / Martin Athenstädt) (Martin Athenstädt dpa/lnw)

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