Donnerstag, 22.10.2020
 

Lesart | Beitrag vom 30.06.2020

Nachruf auf Dieter E. ZimmerUniversalgelehrter des Feuilletons

Von Wolfgang Schneider

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Dieter E. Zimmer (Rowohlt Verlag/Hergen Schimpf)
Nabokov verbunden: Dieter E. Zimmer. (Rowohlt Verlag/Hergen Schimpf)

Nabokovs Werk war eines seiner Lebensthemen, auch Joyce und Borges beschäftigten den Autor und Übersetzer Dieter E. Zimmer für lange Zeit. Erst jetzt wurde bekannt, dass der "immer Suchende" am 19. Juni 85-jährig gestorben ist.

Unermüdlich und mit geradezu unerbittlicher Neugier forschte Dieter E. Zimmer über Themen wie Linguistik, Biologie und Psychologie – und schrieb darüber in einer so bemerkenswert klaren und eleganten Sprache, wie sie in der Fachliteratur selten ist. Diese Fähigkeit bescherte dem langjährigen Literaturkritiker der "Zeit" seine zweite Karriere als Wissenschaftsvermittler.

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Die Auseinandersetzung mit Sprache wurde für ihn zum Lebensthema. Immer wieder nahm Zimmer Stellung zu aktuellen Debatten, etwa zum Streit über den starken Einfluss des Englischen: "Ich glaube, dass die Sprache durch den Import von Fremdsprachen bereichert wird, dass sie gewinnt. Das möchte ich nicht missen. So etwas wie reines Deutsch hat es noch niemals gegeben."

Ganz unproblematisch fand er die Anglifizierung und Globalisierung des Deutschen aber trotzdem nicht: "Die wirkliche Alarmglocke geht bei mir an, wenn die Importe aus anderen Sprachen eingreifen und verunsichern, also die Wort- und Satzgrammatik des Deutschen."

Feind aller Gemeinplätze

Sein eigenes, sehr subtiles Sprachgefühl bewies Dieter E. Zimmer in seinen Übersetzungen aus dem Englischen. "Die Dubliner" von James Joyce waren darunter, und natürlich die Romane Vladimir Nabokovs: Er war Zimmers Lebensautor. Dessen gesammelte Werke gab er in einer so schönen wie akribischen deutschen Edition heraus.

Der streitfreudige Schriftsteller wurde ihm zum Leitbild intellektueller Unbestechlichkeit. Er rühmte Nabokov als "Feind alles Allgemeinen und aller Gemeinplätze".

Auch Dieter E. Zimmer legte sich gern mit dem Zeitgeist an und attackierte insbesondere die Gemeinplätze der auch im Kulturbetrieb lange Zeit tonangebenden Psychoanalyse. Sein Buch "Tiefenschwindel" ist die furioseste Auseinandersetzung mit der Freudschen Originallehre, die je von einem Skeptiker geschrieben wurde.

Früh begeisterte sich Zimmer auch für Computer und die, wie einer seiner Buchtitel lautete, "Elektrifizierung der Sprache".

Dieter E. Zimmers Scharfsinn und Erkenntnishunger werden uns fehlen.

Eine Übersicht seiner Werke sind auf der Homepage von Dieter E. Zimmer aufgelistet.

*Wir haben ein falsches Bild korrigiert.

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