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Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.10.2016

Nachlass Harry RowohltBissige Briefe

Von Axel Schröder

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Der Schriftsteller Harry Rowohlt , aufgenommen am 13.10.2011 auf der 63. Frankfurter Buchmesse in Frankfurt am Main. (picture alliance / dpa-Zentralbild / Arno Burgi)
Der Schriftsteller Harry Rowohlt , aufgenommen am 13.10.2011 auf der 63. Frankfurter Buchmesse in Frankfurt am Main. (picture alliance / dpa-Zentralbild / Arno Burgi)

Ein Jahr nach seinem Tod ist nun der dritte Band mit Briefen des Übersetzers und Autors Harry Rowohlt erschienen. Freunde und Weggefährten lasen daraus in Hamburg vor. Und dabei wurde klar: Ein Briefwechsel mit Harry Rowohlt war stets ein Abenteuer.

Freunde und Weggefährten von Harry Rowohlt saßen heute Abend unter der hohen, halbrunden Decke in der Hamburger Akademie der Künste und füllten den Saal mit seinem Witz und Charme, seiner scharfen Beobachtunggabe. Festgehalten im dritten und letzten Band seiner Briefwechsel mit Leserinnen und Lesern, mit Journalisten, Freunden, Verlegern und Redaktionen.

Die mussten, zum Beispiel nach einer Anfrage an Harry Rowohlt, eine Frauenbiografie zu schreiben, auch mit seiner Schroffheit rechnen:

"Redaktion Season. 26.6.2012. Liebe Susanne Klingner. Telefonisch habe ich Sie nicht erreicht. Danke für die Anfrage. Ich habe meines Wissens noch nie eine Frauenbiografie gelesen. Nicht mal eine geschrieben. Schönen Gruß! Harry Rowohlt"

Nicht anders erging es der Kuratorin eines Schweizer Literaturfestivals:

"Auf eine Einladung nach Leukerbad. Nine-eleven 2010. Sehr geehrte Frau K. Alles, was Sie zugunsten des Literaturfestivals Leukerbad anführen, erfüllt mich mit Grausen. Mir graut vor gemeinsamen Abendessen, mir graut vor der Aussicht auf Kurz-Kur, mir graut, und das ganz besonders, vor den Alpen. Überhaupt vor jeder Art von Sierra und hochgeklapptem Horizont!"

Auf dem Podium, unter einem riesigen Porträt des im letzten Jahr gestorbenen Übersetzers und Autors, lasen Olli Dittrich, Gregor Gysi, Gerhard Henschel, Eva Menasse, Frank Schulz, Tilman Spengler und Tina Uebel aus dem neuen Band.

Zusammengestellt hat die Briefe Anna Mikula. Fast 40 Jahre lang war sie mit Harry Rowohlt befreundet und hatte von ihm grünes Licht bekommen, eine Auswahl seiner Briefe zu veröffentlichen. 25 prall gefüllte Aktenordner hat sie dafür gesichtet:

"Ich habe schon allein mit dem Herausfieseln der Schriftstücke reichlich zu tun gehabt. Von der Lektüre ganz zu schweigen. Es ist wirklich sehr aufmerksam gewesen. Aber schon beim Heraussuchen der Briefe musste ich lachen und weinen und habe mich gefreut. Es ist also insofern eine sehr, sehr schöne, wenn auch mühsame Arbeit gewesen."

Unzählige kleine Geschichten

Anna Mikula hat bei der Auswahl niemanden geschont. Auch die scharfen Repliken Harry Rowohlts auf Leserbriefe oder Zeitungskritiken sind schließlich in einer derart erfrischenden Sprache verfasst, die niemanden wirklich verletzten, zumindest nicht jene, die über ein Mindestmaß an Selbstironie verfügen.

Im neuen Band "Und tschüs..." stecken unzählige kleine Geschichten und Gedanken eines großen Erzählers. Und es ist ein Vergnügen, das Personenregister am Buchende zu durchstöbern. Aufgelistet sind die Namen all derer, die in Harry Rowohlts Briefen eine Rolle gespielt haben, als Adressaten oder Protagonisten seiner Anekdoten: Bundespräsident Joachim Gauck und die Bundeskanzlerin tauchen auf, Stephen King und Francis Ford Coppola, Charles Dickens, William Faulkner, Inge Feltrinelli oder Gustav Flaubert.

In der Akademie der Künste in Hamburg lasen Frank Schulz, Tina Uebel, Olli Dittrich, Eva Menasse, Gregor Gysi, Gerhard Henschel und Tilman Spengler aus dem  Briefwechsel Harry Rowohlts. (Deutschlandradio - Axel Schröder)In der Akademie der Künste in Hamburg lasen Frank Schulz, Tina Uebel, Olli Dittrich, Eva Menasse, Gregor Gysi, Gerhard Henschel und Tilman Spengler aus dem Briefwechsel Harry Rowohlts. (Deutschlandradio - Axel Schröder)

Ein Briefwechsel mit Harry Rowohlt war in jedem Fall ein Abenteuer, so sein Verleger Peter Haag:

"Schrieb man ihm einen Brief, war das so, als werfe man ein Steinchen ins Wasser, das dann ein bisschen über die Wasseroberfläche hüpfte, bevor es viele, viele Ringe bildete. Man hätte nie sagen können, welche Hirnwindungen ein Satz von Harry durchlaufen würde. Nur, dass die Krümmung aberwitzig sein würde und daher ungemein witzig. Und bei all dem hatte man oft das Gefühl, Harry beim Denken zuhören zu dürfen."

"Angenehme Frechheit"

Anna Mikula hat es auch mit diesem letzten Briefwechsel-Band geschafft, die Liebenswürdigkeit, Geradlinigkeit und Kodderigkeit Harry Rowohlts aus 25 Aktenordnern zu destillieren. Und alle Beteiligten hatten heute Abend auf dem Podium viel Freude mit seinen Texten. Auch Gregor Gysi, mit dem Harry Rowohlt vor Jahren auf Marx-Engels-Lesereise durch Deutschland tourte:

"Es hat so eine angenehme Frechheit. Er hat natürlich ein Spiel mit den Worten, mit der Sprache, weil er doch ein genialer Übersetzer war. Und er hatte immer einen ironischen Humor, den ich auch mag, muss ich sagen..."

Und der blitzte zum Beispiel dann auf, wenn Harry Rowohlt in einem Brief an die Dudenredaktion ein neues Wort zur Aufnahme ins Nachschlagewerk vorschlägt:

"Ich weiß, das Wort 'Terminplanungsjahresübersichtswandkalender' ist weder schön, noch poetisch, noch sonst was. Aber in dem Satz 'Dazu bedürfte es eines Blicks auf meinen Terminplanungsjahresübersichtswandkalender, aber der hängt, wie der Name schon sagt, an der Wand, und die habe ich nicht mit' ist es stets präsent. In der Hoffnung, dienlich gewesen zu sein, grüße ich schönstens, Harry Rowohlt."

Harry Rowohlt: Und tschüs
Nicht weggeschmissene Briefe
Kein & Aber Verlag 2016
352 Seiten, 20,- EUR

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