Konservativismus nach Merkel und Co.

Die Chance für Friedrich Merz

04:27 Minuten
Friedrich Merz steht in einem dunkelblauen Anzug, einer blau gemusterten Krawatte vor einer Wand aus Sichtbeton. Mit verschränkte Armen schaut er den Betracht direkt an.
Wenn Friedrich Merz jetzt ein progressiver Konservatismus gelänge, könnte er der Ampelregierung womöglich schneller als gedacht das Wasser abgraben, meint Christian Schüle. © picture alliance / dpa / Michael Kappeler
Ein Kommentar von Christian Schüle · 28.02.2022
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Das konservative Lager macht in Deutschland nicht mehr viel her. Das ist nun die Chance für Friedrich Merz, meint der Publizist Christian Schüle. Er fragt sich, wie ein moderner Konservativismus aussehen könnte.
Merz ist wieder da. Auferstanden aus den Ruinen des Konservatismus, sozusagen, und nach beharrlichen Bewerbungen mit fulminanter Zustimmung endlich nicht nur der starke Mann der CDU, sondern vollumfänglicher Oppositionsführer, als warte die Geschichte auf eine neue Ära.
Wenn dem alten weißen Mann, der aus der Kälte der Verbannung kam, jetzt ein progressiver Konservatismus gelänge, könnte er den Ampelfrauen und -männern und dem weltanschaulichen Linksdrift womöglich schneller als gedacht das Wasser abgraben.
Freier Wettbewerb, Marktwirtschaft und Privateigentum als Leitmotive sind gesetzt, aber im eigentlichen Sinne konservativ wäre es, die Republik in der alten Tradition der societas civilis zu denken. Auch wenn die Mitte soziologisch betrachtet zu schwinden scheint, ist die wertkonservativ denkende Bürgerlichkeit noch lange nicht abgeräumt. 

Die postbürgerliche Kulturkampfzone

Die spätmodernen Gesellschaften westlicher Industrienationen erleben seit gut einem Jahrzehnt einen inneren Dekonstruktionsprozess durch Zersplitterung und Fragmentierung in zahllose unübersichtliche Partikularismen: in Communitys, Lobbys, Kleingruppen, Bewegungen.
In dieser postbürgerlichen Kulturkampfzone müsste sich ein progressiver Konservatismus unmissverständlich vom germanozentrischen Rechtsextremismus abgrenzen, ohne die Idee der Nation preiszugeben. Nationalstaat ja, Nationalismus auf keinen Fall. Gern wird übersehen, dass es für einen effektiven Sozialstaat eines geschützten Nationalstaats bedarf, um den Gesellschaftsvertrag nachhaltig funktionsfähig zu halten.

Innovatives Unternehmertum ist Sozialpolitik

Ein progressiver Konservatismus müsste in “Heimat“ ein legitimes Bedürfnis Halt suchender Bürger nach Verortung in permanenter Veränderung anerkennen, unter Heimat aber den sozialen Geborgenheitsraum und nicht das ethnische Abstammungsreservat verstehen.
Im progressiv-konservativen Sinne müsste sich der von Merz vor 20 Jahren selbst verbrannte Begriff der “Leitkultur“ jetzt und in Zukunft als ein Set leitkultureller Wertvorstellungen neu verstehen, um das zu bewahren, was Deutschland seit jeher auszeichnet: Sozialpartnerschaft etwa, Tarifautonomie, duales Ausbildungssystem.
Nach wie vor sind innovatives Unternehmertum und gute Arbeit die beste Sozialpolitik – auf der Basis einer wahrhaft sozialen Marktwirtschaft, die ihrem Wesen nach bekanntlich auf den Prinzipien der christlichen Soziallehre basiert: Im Mitarbeiter den würdebegabten Menschen und nicht das austauschbare Rädchen zu verstehen.

Zeitgemäße Sorge

Der selbstgestellte Imperativ einer Wiederbelebung der societas zivilis müsste lauten: Sorge! Die allermeist noch immer von Frauen unentgeltlich verrichtete Sorge- oder “Care“-Arbeit müsste künftig dringend erstens auch als Arbeit verstanden und zweitens entsprechend entlohnt werden.
Und ein progressiver Konservatismus müsste durch frühe Hilfen, Frühkindförderung und frühkindliche Bildung Familien an der Wurzel stärken, dürfte unter Familie aber nicht die amtskirchlich-reaktionäre Kernfamilie verstehen, sondern die Lebensgemeinschaft von Menschen – welcher sexuellen Orientierung auch immer –, die einander vertrauen und unterstützen.

Wenn Merz sich glaubwürdig wandelt

Bildung, Geborgenheit, Sorge, Pflege, die ökologische Ethik der Mitgeschöpflichkeit und Natur- wie Artenschutz – all das sind urkonservative Momente, denen ein Leitmotiv zugrunde liegt: Wertschöpfung.
Angenommen, es gelänge ausgerechnet Friedrich Merz, sich glaubwürdig zu wandeln und Führung nicht mehr über Eliten, Hierarchien und Autoritäten, sondern über die Prinzipien des New-Leadership von Teamplay bis Partizipation auf Augenhöhe zu definieren, könnte er eine durchaus attraktive Einladung an die alte wie auch an die gerade entstehende neue Bürgerlichkeit der Generationen Y und Z sein.

Christian Schüle, geboren 1970, hat in München und Wien Philosophie, Soziologie und Politische Wissenschaft studiert. Er hat einen Lehrauftrag für Kulturwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin und lebt als freier Schriftsteller, Essayist und Publizist in Hamburg. Unter seinen zahlreichen Büchern sind der Roman „Das Ende unserer Tage“ und zuletzt die Essays „Heimat. Ein Phantomschmerz“ sowie „In der Kampfzone“. Ende April erscheint „Vom Glück, unterwegs zu sein“, eine Philosophie des Reisens (Siedler-Verlag).

Publizist Christian Schüle
© Markus Röleke
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