Nach der Flutkatastrophe

    Erschwerte Bedingungen für den Ahr-Wein

    08:37 Minuten
    Verschlammte Wände und Weinflaschen
    Dreck und Staub sind noch immer überall: Innenansicht eines Ahrtaler Weinkellers zwei Monate nach dem Hochwasser. © imago images / Eduard Bopp
    Von Anke Petermann · 05.10.2021
    Audio herunterladen
    Vor der Flutkatastrophe war das Ahrtal vor allem für Tourismus, aber auch seine Weine bekannt. Die wird es auch dieses Jahr geben – dank harter Arbeit und dem Einsatz freiwilliger Helfer. Trotzdem werden einige Winzer wohl ihre Existenz verlieren.
    Marc Adeneuer steht im Weinberg hoch über Walporzheim und mustert die blauen Trauben, manche schrumpelig, andere matschig. Der Pilzbefall bereitet dem Prädikatswinzer Verdruss.
    Der Jahrgang 2021 ist ein schwieriger. Die feuchte Witterung und der Pilzbefall werden die Erträge schmälern, prognostiziert der Winzer.
    Karl-Heinz Paulini aus Leipzig steht kurz vor der Rente und hat sich in Sachsen-Anhalt an der Unstrut mit Rebschnitt befasst. Jetzt ist er zehn Tage lang bei Adeneuers, um zu helfen: "Ich bin nur wegen der Fluthilfe hier. Ich habe das in der Zeitung gelesen, habe meinen Terminkalender abgestimmt und bin los."
    "Ich bin froh zu helfen. Das war wichtig, was zu tun und nicht nur Geld zu geben", sagt Doris von der Ley. Sie ist mit ihrem Mann aus dem Ruhrgebiet gekommen und wohnt, wie die meisten Fluthelfer, in einem Containerdorf.

    Hunderttausende Euro Schaden

    Dass sich Menschen Urlaub nehmen, um ohne jeden Wohnkomfort flutbetroffenen Winzern an der Ahr zu helfen, das verschlägt Marc Adeneuer die Sprache. Für seine Familie ist es ein Tag des Aufbruchs: Vor dem Weingut hat ein riesiger Lastwagen geparkt, vom dem Fässern entladen werden. Die alten konnten nicht mehr benutzt werden, weil sie durch nach der Überschwemmung mit verschmutztem Ahr-Wasser verseucht wurden. Zum Glück kam die Elementarversicherung für die Summe von einer Viertelmillion Euro auf.
    Ein Mann in einem Gabelstapler mit einem Weinfass auf der Gabel vor einem LKW
    Prädikatswinzer Marc Adeneuer lädt ein neues 100-Liter-Fass aus dem französischen Burgund ab – auf der Ladefläche schiebt Geselle Jonathan Schwarz© Deutschlandradio / Anke Petermann
    Vom Feilschen mit Versicherungen erzählt Peter Kriechel, Vorsitzender des lokalen Winzervereins Ahrwein. Oft wollten diese nur den Zeitwert von zerstörten Geräten erstatten, also 60.000 Euro für eine Weinpresse, die vor einem Jahrzehnt 100.000 kostete.
    Wer gar keine Elementarschadensversicherung hat und Mittel aus dem Wiederaufbaufonds von Bund und Ländern beantragt, bekommt vom Zeitwert nur bis zu 80 Prozent – also noch weniger.
    Der Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau befürchtet, dass diese Förderlücke Existenzen kosten könnte. Denn gebrauchte Maschinen seien nicht zu bekommen, und die Rücklagen der Winzer reichten nicht für das Ausmaß der Schäden. Die rheinland-pfälzische Wirtschafts- und Weinbau-Ministerin Daniela Schmitt von der FDP kennt das Problem, weiß aber auch: Die Europäische Union redet in der Frage von Subventionen mit.

    Hoffnung auf den Verkauf

    Die Ampel-Koalition im Land versuche, in Härtefällen nachzusteuern, verspricht Schmitt. Das klingt allerdings zu vage, um geschädigte Winzer zu beruhigen. Ein Lichtblick: Anders als befürchtet, können die Ahr-Winzer ihren Wein doch vor Ort verarbeiten.
    Das ist auch gut, denn die Alternativen hätten zu logistischen Problemen geführt. Wegen zerstörter Brücken und Straßen wäre es sehr kompliziert geworden, Trauben zum Verarbeiten in die Moselregion zu fahren, so wie es die dortigen Winzer angeboten hatten.
    Kaputte Straßen, zerstörte Hotels, überschwemmte Probierstuben und Gaststätten – der Wein-Tourismus auch aus Belgien und den Niederlanden wird lange Zeit brachliegen, befürchten Adeneuer und seine Winzer-Kollegen.
    Immerhin: Das Ahrtal und der Ahr-Wein seien jetzt bundesweit bekannt, so Adeneuer: "Entscheidend ist, dass die Händler und Gastronomen Ahr-Weine anbieten. Das Einzige, was uns wirklich hilft, ist, dass der Verkauf weitergeht. Denn ins Tal kommt niemand mehr."
    Mehr zum Thema