Erftstadt-Blessem ein halbes Jahr nach der Flut

    Langsam wieder Leben an der Abbruchkante

    05:50 Minuten
    Das Verkehrsschild "Verbot für Fußgänger" hängt an einem Bauzaum, hinter dem eine gigantische Sandlandschaft zu sehen ist.
    Der Zaun an der Kiesgrube in Erftstadt-Blessem ein halbes Jahr nach der Flut, bei der mehrere Häuser in der Grube versanken. Anwohner Günter Groten sähe es am liebsten, wenn die Grube ganz zugeschüttet würde. © picture alliance/dpa
    Von Felicitas Boeselager · 13.01.2022
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    Günter und Waltraud Groten sind nach der Flut zurückgekehrt in ihr Haus an der Kiesgrube von Erftstadt-Blessem. Statt ihres grünen Gartens haben sie nun einen braunen Boden am Haus. Und auch sonst ist nichts mehr, wie es war.
    Das Ehepaar Groten steht in dem Teil ihres Gartens, der noch da ist. Seitdem die Kiesgrube in Erftstadt-Blessem im Juli 2021 weggesackt ist, ist der größte Teil ihres Gartens schlicht weg. Er wurde mitgerissen, so wie vier Häuser in ihrer Nachbarschaft.
    „Ja, da hängt ja sein Herz auch dran. An den Tauben.", sagt Waltraud Groten. "Wie lange hast Du sie schon? Seit du 17 bist?“
    „Ja, 60 Jahre sicher.“
    Ein halbes Jahr nach der Flut gurren wieder zehn Tauben im Verschlag im Garten der Grotens. Die Vögel sollen dabei helfen, dass hier an der Abbruchkante ein bisschen Normalität einkehrt.

    Braun statt Grün in Erftstadt-Blessem

    Aber das ist nicht leicht, denn jeder Schritt erinnert die 78-Jährige an Dinge, die sie jetzt nicht mehr sieht. „Hier war eine schöne Naturhecke, hier neben uns; wir hatten so viele Vögel hier; dann war da unser Apfelbaum, unser Birnbaum, hier hatte er seinen Stall für Tiere, es war richtig schön.“
    Jetzt stehen hier Bauzäune statt Hecken: Weit und breit wächst kein Baum mehr, aus den einst grünen Wiesen sind sandige Brachen geworden, die hinab die Kiesgrube führen.

    Der Boden im Garten der Familie Groten ist sandig und braun. Am rechten Rand des Bildes sinnt Abtrennungen zum Nachbargrundstück zu erkennen sowie ein großer Felsbrocken und ein kleines Becken. In einem Blumentopf steckt eine Pflanze ohne Blätter.
    Früher war der Garten der Grotens grün. "So schön wird es nicht mehr", das weiß das Ehepaar. © Felicitas Boeselager
     „Alles weg. Alles unten im Loch, alles weg. So schön wird es nicht mehr. Gar nicht mehr. Wie denn auch? Erst muss das Loch zu sein.“
    „Ja das dauert, das dauert.“
    „Ja, zehn Jahre, wie die davon reden. Hören Sie mal, wie alt sind wir dann? Ob wir das noch erleben? Keine Ahnung.“

    Rückkehr ins Haus an der Kiesgrube

    Seit Mitte Dezember wohnen die Grotens wieder in ihrem Haus an der Kiesgrube. Sie haben eine Weile überlegt, ob sie zurück in die Radermacher Straße ziehen wollen. „Ich habe Alternativen aufgezählt, meine Frau wollte erst nicht mehr. Dann habe ich fünf Punkte aufgezählt", erzählt Günter Groten. "Betreutes Wohnen, Mietwohnung, Eigentumswohnung, Neubau oder wieder zurück. Ja, da sind wir uns letzten Endes doch wieder einig geworden.“
    Aber nicht beide Ehepartner sind gleichermaßen zufrieden mit der Entscheidung. Auf die Frage, wie es war zurückzukehren, antwortet er: „Für mich war das ein schönes Gefühl. Absolut. Das muss ich sagen. Wenn man so lange hier wohnt – und das Haus habe ich auch selbst gebaut vor vielen Jahren – da hängt schon einiges dran. Ich weiß, wo jede Leitung liegt, jeder Stein, das kann man nicht so einfach abhaken, das geht nicht.“

    Seine Frau sagt: „Es ist furchtbar, ich schlafe sehr schlecht. Es wird nicht mehr, wie es war, gar nicht mehr. Es ist ein richtiges Geisterdorf abends.“

    Panik bei Regen

    Viele Häuser an der Kiesgrube in Erftstadt-Blessem stehen nach wie vor leer.
    „Abends, wenn ich ins Bett gehe, gucke ich raus, wie sieht es wieder aus? Wenn es regnet, ganz schlimm, da hatte ich dieser Tage wieder Panik, da habe ich ihn geweckt“, schildert Waltraud Groten. Sie sorgt sich, dass die Erft wieder über die Ufer tritt. Der Fluss ist circa 300 Meter vom Haus der Grotens entfernt.
    An vielen Häusern in der Radmacherstraße hängen Transparente mit der Aufschrift: „Keine Kiesgrube mehr in Blessem!“ Auch am Haus der Grotens. Sie sind fest davon überzeugt: „Die Kiesgrube hat dazu beigetragen, dass die Häuser unterspült worden sind, die da alle weg sind, die vier Stück da. Und die war ja auch viel zu nah hier am Dorf dran.“
    Vier Häuser hat der Erdrutsch an der Kiesgrube in die Tiefe gerissen. Gestorben ist niemand. Die Feuerwehr hatte die Häuser zuvor evakuiert. Die Grotens sind nicht die Einzigen in Erftstadt, die vermuten, dass im Zusammenhang mit der Kiesgrube nicht alles mit rechten Dingen zuging.

    Ermittlungen und Durchsuchungen

    Bereits im Sommer nahm die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen Unbekannt wegen des Verdachts der Baugefährdung auf. Auch Günter Groten wurde von der Kriminalpolizei als Zeuge befragt.
    Das Foto zeigt die Ortschaft Erftstadt-Blessem zwei Tage nach der Flutkatastrophe vom Juli 2021. Im Vordergrund ist ein gewaltiger Krater, dicht an der Abbruchkante stehen erste Häuser des Ortes, andere sind in dem Krater versunken.
    Erftstadt-Blessem zwei Tage nach der Jahrhundertflut. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen mehrere Personen mit Bezug zu der Kiesgrube. © picture alliance / AP / Rhein-Erft-Kreis
    In dieser Woche durchsuchte die Polizei mehrere Häuser in Nordrhein-Westfalen und Thüringen, wie der Sprecher der Kölner Staatsanwaltschaft, Ulrich Bremer, bestätigt. „Das war eine umfassende Durchsuchung in über 20 Objekten, von Beschuldigten, aber auch von unverdächtigen Beratungs- und Tiefbau-Unternehmen und Sachverständigen und Vermessungsbüros.“
    Außerdem haben sich der Verdacht inzwischen konkretisiert: Es wird gegen zehn Personen ermittelt, „darunter den Eigentümer/Verpächter der Kiesgrube; gegen Mitarbeiter der Betreiberfirma; und gegen vier Mitarbeiter der Bezirksregierung Arnsberg“ wegen des „Verdachts des fahrlässigen Herbeiführens einer Überschwemmung durch Unterlassen“ und wegen „Verstoßes gegen das Bundesberggesetz“.

    Auf der Suche nach den Ursachen

    „Was den ersten Aspekt angeht", so der Oberstaatsanwalt, "da besteht der Verdacht, dass an dem Südrand der Kiesgrube kein den behördlichen Richtlinien entsprechender Hochwasserschutzwall errichtet war und es dort zudem unzulässig steile Böschungen gab, die dort nicht hingehörten. Und beide Aspekte können ursächlich für das Eindringen großer Wassermassen in die Kiesgrube gewesen sein.“
    Was dann zu dem Erdrutsch geführt hat, der die Häuser in die Grube gerissen hat, und was genau bei den Hausdurchsuchungen sichergestellt wurde, kann Ulrich Bremer noch nicht sagen – nur soviel: „Es geht darum, eine möglichst breite Tatsachengrundlage zu schaffen, um den Fall bestmöglich aufzuklären.“
    Es seien drei Sachverständige beauftragt, die Schadensursache zu klären. „Und die brauchen natürlich auch möglichst viele Anknüpfungspunkte für ihr Gutachten.“ Ermittlungen dieser Art seien erfahrungsgemäß ziemlich langwierig, fügt Bremer noch hinzu.

    Die Finanzhilfen kommen zögerlich

    Die Grotens, die Sorge hatten, dass das Ermittlungsverfahren im Sande verläuft, freuen sich über diese Entwicklung. Günter Groten hofft sogar, dass die 60 Meter tiefe Kiesgrube ganz zugeschüttet wird.
    Bei den Menschen in den Flutgebieten ist viel Geduld gefragt. Wie andere Geschädigte auch wartet das Ehepaar noch auf die Fluthilfe, auf die finanzielle Hilfe des Landes Nordrhein-Westfalen. „Da ist jetzt wieder was gekommen, wir müssen jetzt wieder was nachweisen. Das begreift kein Mensch", sagt Günter Groten.
    "Die wollen jetzt haben: Grundbuchauszug, Fotokopien von Personalausweisen. Und noch mal eine Auflistung, die mussten wir schon zweimal nachweisen, was der ganze Krempel gekostet hat.“
    „Die wollen immer wieder das gleiche", pflichtet seine Frau bei. "Ich weiß gar nicht, was die wollen.“

    Die gleichen Unterlagen, immer wieder

    Ihr Sohn hat beim Ausfüllen der Unterlagen im Internet geholfen, alleine hätten die Grotens das nicht geschafft. Jetzt müssen sie zum dritten Mal Belege einreichen, zum Teil genau die gleichen Unterlagen, die sie schon mal vorgelegt haben.
    Langsam wissen sie nicht mehr weiter: „Das ist ja anonym, da kannst du ja gar keinen ansprechen. Das läuft nur digital. Das ist meiner Ansicht nach richtige Schikane.“
    Bislang hat die Renovierung die Grotens rund 40.000 Euro gekostet. „Ohne Eigenleistung und die Freiwilligen, die Freunde, die uns hier was gemacht haben. Wir haben einen befreundeten Elektriker, der hat uns die ganze Elektroinstallation gemacht. Also, ich schätze, wenn eine Firma das hätte machen müssen mit dem ganzen Material, da wären dann auch nochmal 10 Mille weg, der hat da nichts dafür verlangt.“

    Auch die neuen Tauben hat Günter Groten einfach geschenkt gekriegt. Die vielen Spenden und die Helfer machen ihnen allen Widrigkeiten zum Trotz Hoffnung.
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