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Studio 9 | Beitrag vom 04.07.2016

Nach Brexit-VotumBriten verharren in der Schockstarre

Von Bettina Klein, London

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In London demonstrierten Zehntausende für den Verbleib Großbritanniens in der EU (AFP / Niklas Hallen)
In London demonstrierten Zehntausende für den Verbleib Großbritanniens in der EU (AFP / Niklas Hallen)

Zehn Tage nach dem Brexit-Votum kommt in Großbritannien die Debatte über den Zeitpunkt eines EU-Austritts nicht voran. Bei den Torys herrscht ebenso Chaos wie bei Labour. Einzig Wales sorgt für Zusammenhalt.

Ein Land reibt sich die Augen - immer noch. Wann kommt der Brexit, für den eine knappe Mehrheit der Briten doch vor nunmehr zehn Tagen gestimmt hat? So schnell nicht, versicherten am Wochenende mindestens zwei der Kandidaten für die Cameron-Nachfolge, während eine dritte nun doch den schnellen Austritt aus der EU nach Artikel 50 befürwortet.

Eine grundlegende Frage, auf deren Antwort die gesamte EU wartet, wird im Moment zerrieben und zerredet im internen Streit einer Partei. Und alle warten.

Da gibt es keine absolute Deadline, meinte Innenministerin Theresa May im britischen Fernsehen. Wichtig ist es, den richtigen Zeitpunkt zu finden und die beste Vereinbarung für Großbritannien herauszuholen.

Andrea Leadsome will neue Margret Thatcher werden

"Wann ist denn der richtige Zeitpunkt?", insistierte der Moderator. "Nicht vor Ende des Jahres, damit wir unsere Verhandlungsposition festlegen können", wiederholte May noch einmal.

Die Diskussion tritt auf der Stelle. In diversen Interviews haben die Anwärter auf den Tory-Parteivorsitz am Wochenende ihre Prioritäten abgesteckt. Wer am Ende das Rennen macht, ist offen. Innenministerin May kann aber laut Umfragen von den fünf Kandidaten bisher die meisten Stimmen der Tory-Abgeordneten im Parlament auf sich vereinen.

Derweil versuchen ihre Rivalen, sich gegen May in Stellung zu bringen. Vor allem Andrea Leadsome, Staatssekretärin im Energieministerium. Sie verspricht mit Hilfe des "Sunday Telegraph" gar, eine neue Margret Thatcher zu werden. Das Blatt verweist auf alte Thatcher-Vertraute, die sie angeblich dabei unterstützen.

"Wir müssen jetzt mal vorankommen und diese Gelegenheit nutzen", fordert Leadsome. Es gehe nicht nur darum die EU zu verlassen, sondern auch den Unternehmen Sicherheit zu geben.

Erst wählen die Abgeordneten, dann die Parteimitglieder 

Das Land braucht mehr als einen Brexit-Premierminister, wirbt Theresa May für sich, der bekanntlich wenig Leidenschaft für einen EU-Austritt nachgesagt wird. Es brauche jemanden, der das Land einen kann.

Anders sehen das ihre Rivalen, die die Brexit-Haltung zur Sollbruchstelle erklären. Und ihr vorwerfen, sie wolle sich zur Vorsitzenden krönen - anstatt die Partei darüber abstimmen zu lassen.

Dabei ist das Verfahren eigentlich klar. Ab Dienstag wählen die Abgeordneten der Tories so lange, bis von fünf Kandidaten nur noch zwei übrig sind. Über diese beiden befinden dann die Parteimitglieder.

Und auch die Labour Party wird weiter von einem Machtkampf um Parteichef Jeremy Corbyn erschüttert, der nicht zurücktreten will, wie seine Kritiker fordern - unter anderem weil er nur zögernd für einen EU-Verbleib Großbritannien geworben habe.

So wird das Vereinigte Königreich im Augenblick noch vom Fußball zusammengehalten. Nach dem Ausscheiden Englands aus der Europameisterschaft ruhen die Hoffnung jetzt auf Wales, das im Mittwoch im Halbfinale antritt. Diese Woche jedenfalls, so heißt es aus dem Parlament, sind wir alle Waliser!

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