Fazit / Archiv 29.09.2016

MusiktheaterWarum Stuttgart das "Opernhaus des Jahres" hatVon Jörn Florian Fuchs

Stuttgarter Opernhaus in der Abenddämmerung (dpa/picture alliance/Bernd Weißbrod)Stuttgarter Opernhaus in der Abenddämmerung (dpa/picture alliance/Bernd Weißbrod)

Das "Opernhaus des Jahres" steht in Stuttgart. Das ergab die Umfrage der Zeitschrift "Opernwelt" unter 50 Kritikern aus Europa und den USA. Was Stuttgarts Musiktheater unter dem Intendanten Jossi Wieler auszeichnet, erläutert unser Musikkritiker Jörn Florian Fuchs.

Eigentlich war dieses Votum überfällig. Schon in den letzten beiden Spielzeiten bewies die Stuttgarter Staatsoper, dass sich Intellektualiät und Sinnlichkeit mühelos zu einem Gesamtklang fügen können – zumindest wenn man einen Intendanten wie Jossi Wieler hat, der mit seinem Langzeitdramaturgen Sergio Morabito vor allem die Klassiker der Opernliteratur neu und tief befragt.

In ganz seltenen Fällen gerät das Leben auf der Bühne ein wenig in den Hintergrund und es herrscht zu viel Kopfarbeit. Heuer blieb etwa Ludwig van Beethovens "Fidelio" im eher Abtrakten und Statuarischen stecken, während bei der letzten Premiere der Spielzeit 2015/16, Vincenzo Bellinis "Puritani", wieder jene wunderbare Mischung aus hoher Theatralität, gebrochenem Umgang mit Pathos und intensiver, pychologischer Personenführung zu erleben war.

Jossi Wieler und Sergio Morabito inszenieren jede Saison zwei Stücke, seit dem Weggang der einstigen Hausregisseurin Andrea Moses bereichern hochkarätige Gäste den Spielplan, von Christoph Marthaler über Calixto Bieito bis zu Kirill Serebrennikov. Serebrennikov setzte Richard Straussens "Salome" in Szene – es wurde ein fulminanter Thriller, der im Hier und Jetzt spielt und nicht nur die Figuren brillant analysiert und zum Teil neu deutet, sondern auch einen Kommentar zum Entstehen fundamentalistischer Gewalt liefert.

Dieses mit beeindruckenden Videos ergänzte Spektakel wurde von Roland Kluttig exzellent dirigiert, Simone Schneider sang die Titelpartie überragend. Schneider ist Stuttgarter Ensemblemitglied und hier liegt eine weitere Stärke der Staatsoper. Selbst sehr anspruchsvolle Partien werden meist mit Hauskräften besetzt. Auch Vize-Intendantin Eva Kleinitz, die demnächst nach Strassburg wechselt, sorgt für kontinuierliche Sänger-Qualität und kümmert sich besonders ums Neuentdecken und Fördern von Nachwuchskräften.

Ein weiterer Trumpf für das Opernhaus des Jahres ist Generalmusikdirektor Sylvain Cambreling, der heuer zum Beispiel Philippe Boesmans "Reigen" (nach Schnitzler) zum Blühen und Glühen brachte. 2018 verlassen Wieler und Morabito die Staatsoper, weil sie wieder frei arbeiten wollen.

Spätestens dann steht die Sanierung des in die Jahre gekommenen Gebäudes an. Momentan wird darüber heftig diskutiert. So bleiben zwei Hoffnungen: dass sich die verantwortlichen Politiker ihrer Verantwortung bewusst sind. Und dass das Dream-Duo nach 2018 als gern gesehener Gast doch wieder an den Neckar reist.


Weitere Kommentare zur Auszeichnung der Stuttgarter Oper:

Holger Hettinger, Musikchef von Deutschlandradio Kultur: "Mein Höhepunkt war der 'Fidelio', die Eröffnungsinszenierung der vergangenen Spielzeit. (...) Das war ein derart organisches Ganzes, toll gemacht."


"An der Oper finde ich das Spannendste, dass es eher eine abstrakte Art ist, eine Geschichte zu erzählen (...) es geht eher um ein Gesamtkunstwerk", sagt Daniel Brandt, Teil des Techno-Projekts Brandt Brauer Frick, das für die Musik der Oper "Gianni" verantwortlich ist, die am 7. Oktober 2016 Premiere an der Deutschen Oper Berlin hat. Ihn fragten wir: Wie zeitgemäß ist Oper noch im 21. Jahrhundert?

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